Philipp Ryf: «Heute bezahlen Tiere den Preis für 'billige' Lebensmittel»

Am 25. September entscheidet das Schweizer Stimmvolk über die Zukunft der hiesigen Tierhaltung. Das Komitee der Massentierhaltungsinitiative (MTI) fordert das Ende der industriellen Tierproduktion und will eine tierfreundliche Produktion, wie sie heute schon von den meisten Betrieben ausgeübt wird. Wir haben Philipp Ryf vom MTI Fragen über die Initiative und deren Folgen gestellt.

Die Massentierhaltungsinitiative fordert unter anderem Tierfreundliche Unterbringung und Pflege.
Die Massentierhaltungsinitiative fordert unter anderem tierfreundliche Unterbringung und Pflege. © balwan / iStock / Getty Images Plus
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Der Abstimmungssonntag rückt immer näher. Eine der Vorlagen, über die das Schweizer Stimmvolk entscheiden wird, ist die Massentierhaltungsinitiative. Diese fordert eine würdige Tierhaltung. Wir hatten die Möglichkeit, Philipp Ryf vom Initiativkomitte unsere Fragen zur Wichtigkeit der Initiative, zu den Argumenten der Gegnerinnen und Gegner sowie zu den Vorteilen für Konsumentinnen und Konsumenten zu stellen.

Herr Ryf, die Schweiz hat eine der schärfsten Auflagen für die Haltung von Nutztieren in ganz Europa. Weshalb ist die Initiative dennoch nötig?

Die meisten Schweiz Tiere stehen ihr ganzes Leben kein einziges Mal auf einer Wiese und kommen nur für die Schlachtung aus dem Stall. Die Frage ist also nicht, ob unser Tierschutzgesetz strenger ist als im Ausland, sondern ob es den Tieren gerecht wird.

Eigentlich wäre die Würde der Tiere in der Verfassung verankert. Trotzdem herrschen zum Teil groteske Zustände in der Schweiz:

  • Nur 12 % aller jährlich in der Landwirtschaft gehaltenen Tiere haben Zugang zu einer Weide
  • Über 70 Millionen Hühner pro Jahr haben gerade einmal eine DIN A4 Seite Platz zum Leben
  • Es werden 10 Schweine auf der Fläche eines Parkplatzes gehalten

Das alles kann sich am 25. September ändern.

Im Gespräch: Philipp Ryf

Philipp Ryf
Philipp Ryf © zVg

Philipp Ryf (36) ist Co-Kampagnenleiter der Massentierhaltungsinitiative. Er hat «Sustainable Development» an der Uni Basel studiert und war vor seiner Tätigkeit bei der MTI bereits für andere politische Kampagnen tätig.

Gegnerinnen und Gegner der Initiative behaupten, dass Fleisch aus Schweizer Produktion durch eine Annahme unnötig teuer wird. Was sagen Sie dazu?

Heute bezahlen die Tiere den Preis für diese «billigen» Lebensmittel. Um die Preise für Tierprodukte tief zu halten, werden viele Tiere auf engem Raum gehalten.

Laut Bundesrat ist mit einer Preissteigerung von 5-20 % zu rechnen. Das ist ein kleiner Preis für tierwürdige Zustände in der Landwirtschaft. Tierwürdige Produkte würden effektiv sogar günstiger, denn derzeit muss dafür ein Label-Produkt gekauft werden.

Auch die Importe aus dem Ausland würden gemäss Gegnerinnen zunehmen. Ist das wirklich so und wäre das dann nicht kontraproduktiv?

Nein, mit der Importklausel der Initiative wird ausländischen Produkten aus Massentierhaltung ein Riegel vorgeschoben. Das geforderte Importverbot ist WTO-konform: Nach Art. 14 Abs. 1 TSchG darf der Bundesrat aus Gründen des Tierschutzes die Einfuhr von Tierprodukten verbieten. Art. XX lit. a GATT gestattet Staaten die Ergreifung handelsbeschränkender Massnahmen, wenn diese zum Schutz der öffentlichen Moral notwendig sind. Ein Ja am 25. September ist der beste Gradmesser für die öffentliche Moral.

Inwiefern profitieren Konsumentinnen und Konsumenten von einer Annahme der Initiative?

Konsumentinnen und Konsumenten gewinnen an Sicherheit. Wenn sie Tierprodukte kaufen, wissen sie, dass diese tierwürdiger produziert wurden. Auch stehen Sie nicht mehr im gleichen Ausmass vor dem Dilemma, dass der Label-Dschungel im Laden völlig undurchsichtig ist.

Viktor Giacobbo, Anna Rossinelli, Melanie Winiger: Sie haben für die Initiative eine Menge prominenter Gesichter begeistern können. Dennoch zeigen erste Umfragen des SRF nur 51% Zustimmung. Wie wir wissen, geht die Zustimmung mit der Zeit immer weiter runter. Was machen Sie, um dies zu verhindern?

Unsere Kampagne ist in vollem Gange und nimmt weiter an Fahrt auf. Wir haben zwar viel weniger Geld als unsere Gegner, aber dafür ein breites Netzwerk an engagierten Organisationen und Freiwilligen. Nicht zuletzt können wir zunehmend aufzeigen, dass unsere Gegnerschaft keine wahren Argumente gegen die Initiative hat und zum Teil haarsträubende Zahlen verwendet. So rechnen Sie den Anteil an Tieren, die Auslauf haben, in sogenannten Grossvieheinheiten – gemäss dieser Berechnung hätten auf einem Hof mit 500 Hühnern und zwei Kühen 50 Prozent der Tiere Auslauf, wenn bloss die beiden Kühe nach draussen dürfen. Wir sind überzeugt, dass das Rennen noch lange nicht vorbei ist.

Massentierhaltungsinitiative (MTI)

Die Massentierhaltungsinitiative, über die am 25. September in der Schweiz abgestimmt wird, hat zum Ziel, die Haltungsbedingungen für Tiere zu verbessern. Konkret gefordert werden folgende 5 Punkte:

  • Tierfreundliche Unterbringung und Pflege: Mehr Platz pro Tier, Einstreu für alle Tiere, Möglichkeiten zum Spielen, artgerechte Fütterung
  • Zugang ins Freie: Täglicher Weidezugang, langsamer wachsende Rassen
  • Schonende Schlachtung: Kurze Transportwege, bessere Kontrolle des Betäubungsvorgangs, schonende Schlachtmethoden
  • Maximale Gruppengrösse je Stall: Kleinere Gruppen, weniger Tiere pro Hektar Weidefläche
  • Importvorschriften: Kein Import von Tieren und Tierprodukten, die nach in der Schweiz verbotenen Produktionsmethoden erzeugt wurden.

Weitere Informationen findest du hier: www.massentierhaltung.ch

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