Warum Moringa als Superfood nicht wirklich hält, was es verspricht

Der Moringa-Baum ist ein wahres Multitalent. In Indien gilt er seit dem Altertum als eine der wichtigsten Heilpflanzen, die bis zu 300 Krankheiten heilen kann. Doch ist Moringa wirklich ein wahres Superfood, wie es überall heisst?

Moringa
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Der Moringa-Baum ist ein absolutes Wunder: Wurzeln, Rinde, Blätter, Blüten und Samen - alles ist verwendbar, alles ist unglaublich nahrhaft und besitzt ungeahnte Heilkräfte. Man sagt ihm auch nach, dass man neben einem strahlenden Aussehen jugendliche Kraft, Gesundheit, Energie und Lebensfreude zurückbekommt. Doch stimmt das wirklich?

Was ist Moringa?

Den Moringabaum gibt es strenggenommen nicht, denn zu der Familie der sogenannten Bennussgewächse (bot. Moringaceae) gehören insgesamt 13 verschiedene Bäume oder Sträucher, die von Afrika bis Asien verbreitet sind. Sie alle haben gemeinsam, dass sie entweder sukkulente, knollige oder rübenartige Wurzeln besitzen oder dass es am Stamm verdickte, sukkulente Bäume sind, die man auch 'Flaschenbäume' nennt, Moringa ovalifolia botanisch, die beispielsweise in der Wüste Namibias vorkommen.

Moringa Baum mit Moringa-Früchten

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Spricht man von dem Moringa, dann ist eine Art der Pflanze gemeint, deren Heimat in Nordwest-Indien, der Himalaya-Region, zu finden ist. Dieser Baum heisst botanisch Moringa oleifera. Und dieser Moringa oleifera wurde bereits in der vor-hinduistischen Kultur vor 5000 Jahren beschrieben, gilt seit ewigen Zeiten in der Heilkunst Ayurveda als Lieferant für wahre Wundermedizin, was ihm auch den Namen 'Wunderbaum' einbrachte. Heute wächst Moringa oleifera auch in anderen asiatischen Ländern, in der Karibik und in Mittel- wie Südamerika. In Indien, Ostafrika und Teneriffa wird er als Nutzpflanze gezielt kultiviert.

Eines der begehrten Produkte der Moringa-Pflanze ist das Öl seiner Nüsse oder Samen, das sogenannte Behen-Öl, das ihm im deutschen Sprachraum auch den Namen Behen- oder Behennussbaum einbrachte. Hieraus werden zahlreiche als wertvoll gepriesene Produkte hergestellt. Doch von dem Wunderbaum können noch weitaus mehr Pflanzenteile genutzt werden.

Welche Pflanzenteile sind nutzbar?

Zunächst ist da das genannte Öl der Samen. Es gilt als eines der stabilsten und langlebigsten Pflanzenöle überhaupt, welches sehr, sehr lange Zeit nicht ranzig wird. Bereits die alten Ägypter importierten es aus Asien. Es war für Speisen, als Parfum, zum Einbalsamieren und in der Medizin wichtig. Aufgrund seiner Haltbarkeit fand es später auch in der Schweizer Uhrenindustrie Anwendung. Bis in die 1920er Jahre war das hochwertige Öl auch bei uns ein Speiseöl bevor es von günstigeren Ölen wie Olivenöl abgelöst wurde. Schliesslich fand und findet Moringa-Öl in der Seifen- und Kosmetikproduktion Verwendung.

Seine noch unreifen, nicht verholzten Früchte, die an lange Gartenbohnen erinnern, sind essbar und werden gerne in der Thai-Küche, dort Marum genannt, verwendet. Mit etwas Glück erhältst du diese 'Bohnen' in einem asiatischen Spezialitätengeschäft. Gleiches gilt für die knolligen Wurzeln, die man frisch zu Gemüse verarbeiten kann. Schliesslich kann man die Moringa-Blätter auch verzehren und etwa wie Spinat zubereiten. Diese Blätter sind gleichsam als Tierfutter in sehr trockenen Regionen begehrt.

Aufgrund dieser Verwendungsmöglichkeiten entstanden in Ostafrika, Honduras und selbst in Kuba Moringa-Projekte, um durch einen gross angelegten Anbau die hungerleidenden Menschen mit hochwertiger Nahrung zu versorgen. Zumal der bis zu 30 Meter hohe Baum bereits im ersten Jahr stattliche 8 Meter hoch werden kann und damit schnell wertvolle Nahrung bietet.

Nicht zuletzt kann der schnellwüchsige Baum in trockenen Zonen zur Wiederaufforstung dienen.

Die Wurzeln der Pflanze haben dank dem Gehalt von Senfölglykosiden einen meerrettichartigen Geschmack. Diesen Umstand nutzten die britischen Kolonialherren einst und setzten die Wurzeln zum Würzen herzhafter Speisen ein. Dies brachte dem Moringa-Baum einen weiteren Namen ein: Meerrettichbaum.

Was bewirken Moringa-Präparate?

Produkte aus Moringablättern – als Pulver, Tee, Kapseln oder Mischpräparaten, etwa mit Vitaminen angereichert - sollen sehr viel Gutes bewirken können. So hätten sie eine insulinregulierende, einen Blutdruck senkenden oder das Immunsystem und den Kreislauf stärkenden Effekt. Auch die Verdauung soll mit Moringa sanft ins Gleichgewicht gebracht werden.

Vertriebsfirmen warnen allerdings davor, dass eine zu hohe Dosierung oder eine zu häufige Einnahme selbst bei gesunden Menschen das Gegenteil bewirken und entsprechende Symptome auslösen können. Bei Diabetikern beispielsweise, so eine Moringa-Info-Seite, könnte der Blutzucker entgleisen.

In der Kosmetik wird gerne Moringa-Öl pur oder als mit ihm hergestellte Kosmetika beworben, denn deren Anwendung soll Haut und Haar pflegen. Im Altertum fand das Öl in diesem Bereich bereits Verwendung.

Moringa-Öl

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Die vielen Wirkungsweisen des Öls im Überblick:

  •  ist dem eigenen Hautfett sehr ähnlich und wird daher gut aufgenommen
  • wirkt entzündungshemmend und antibakteriell
  • unterstützt den Heilungsprozess
  • neutralisiert (Körper-)Gerüche
  • wird nur sehr langsam ranzig (lange Haltbarkeit ohne notwendige Konservierungsstoffe)
  • wirkt gegen trockene Haut (durch die enthaltenen Omega-Fettsäuren)
  • bindet Feuchtigkeit
  • nährt die Haut durch enthaltene Mineralstoffe
  • enthält 46 Antioxidantien (unter anderen Vitamin E, A, C und K, Zink, Magnesium und Selen), die freie Radikale auffangen, unschädlich machen und somit die Hautalterung verlangsamen
  • hilft durch das enthaltene Vitamin A Kollagen zu bilden

Und was macht Moringa oleifera nun zum Wunderbaum, ja, zum echten Superfood?

Moringa, das Superfood?

Moringa oleifera gilt seit dem Altertum wie gesagt als wichtige Heilpflanze und seine moderne Vermarktung tituliert ihn als wahres Superfood. Oft wird Moringa oleifeira als die nährstoffreiste Pflanze der Welt bezeichnet, die durch ihre Inhaltsstoffe so besonders ist.

Nicht nur hierzulande bewirbt man die Moringa-Produkte als eine wahre Superwaffe für die Gesundheit mit Unmengen an gesunden Inhaltsstoffen.

Verantwortlich hierfür seien der ungewöhnlich hohe Gehalt an Vitaminen wie Vitamin A, auch Betacarotin genannt, Vitamin B1 und Vitamin B2, Vitamin K und des zellschützenden Vitamin C. Weiterhin gebe es einen bemerkenswert hohen Anteil an Mineralstoffen wie Magnesium, Kalium, Kalzium und Eisen. Hinzu kommen die meisten essentiellen Aminosäuren, Omega-3-Fettsäuren und diverse Antioxidantien.

Moringa & die Inhaltsstoffe: Kritische Betrachtung

Es wird damit geworben, dass beispielsweise ein

  • vielfaches an Vitamin C (220 mg*/100 g Pflanze) enthalten ist, verglichen mit Orangen,
  • viel mehr Eisen (63 mg) als in Spinat geboten wird,
  • Unmengen mehr Kalzium (440 mg*) als in Milch und
  • mehr Kalium (259 mg) als in Bananen beinhaltet sei.

(*Quelle Wikipedia; Berechnung für Frische Moringa-Produkte)

Die Zahlen, die du hierzu im Netz findest unterscheiden sich teils immens. Tatsächlich sind die hohen Gehalte wohl an der frischen Rohmasse gemessen, also könnten sie im trockenen Pulver höher sein. Oder auch niedriger, etwa bei wärmeempfindlichen Vitaminen wie Vitamin C und Vitamin B, die beim Trocknen des Moringapulvers verlorengehen könnten.

Was du aber wissen musst: Die durchschnittliche Verzehr-Empfehlung für - wohlgemerkt - Pulver liegt bei irgendwas zwischen sechs und zehn, manchmal bei 25 Gramm. Dadurch reduziert sich selbstredend die Menge der Aufnahme an den genannten Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und so weiter. Wenige Hersteller geben es an, dann auch lediglich für einen Teil der Inhaltsstoffe. Aber eines ist sicher: Du nimmst teilweise und dank der Dosierung nur ein Bruchteil der beworbenen Mengen auf.

Vergleich der Gehalte mit Lebensmitteln

Nun, der Spinatvergleich hinkt, denn wie du sicher weisst, gibt es da bessere Eisen-Lieferanten. So enthält Weizenkleie 15 mg/100g, was der empfohlenen Tagesdosis bereits entspricht. Pinienkerne liefern noch 8,2 mg, Haferflocken 4,3 mg und Fleisch ist, je nach Produkt bei 2 - 30 mg. Trotzdem, da ist das Moringa-Pulver also nicht schlecht.

Betrachten wir das Kalzium. Milch ist wirklich nicht der beste Lieferant (115 mg/100ml). Auch der Brokkoli enthält bereits 100 mg. Federkohl ist mit 200 mg schon besser, Emmentaler bietet derer 900 mg. Nehmen wir die genannte Höchstdosis von 25 Gramm Moringapulver, dann ist manches Lebensmittel deutlich besser.

Auch ist die klassische Orange keine Referenz in Sachen Vitamin C. So haben Spinat und Federkohl bereits 100 Milligramm/100 Gramm Rohgewicht, Paprika 140 mg/100 g oder Hagebutte 1.250 mg.

Und was ist mit dem Kalium? 100 Gramm Banane enthält sogar 358 Milligramm davon.

Wer sucht, der findet...

Auf der Suche nach verlässlichen Zahlen ist man gerade bei Superfoods oft auf einem verlorenen Posten. Es gibt allerdings die englischsprachige Untersuchung 'Trees for Life 2005', die Moringa oleifera dahingehend untersuchte, ob der Baum gerade in Ländern mit Unterernährung sinnvolle Nahrung bietet.

Hierzu wurde nach dem Nährstoffbedarf von Kindern bis acht Jahren geschaut, jene Altersgruppe, die in vielen Landstrichen wirklich dramatisch unterernährt ist. Sie untersuchten den Inhalt der genannten Mikronährstoffe. Und sie kamen bei einer Gabe von drei Teelöffeln des Pulvers (hier 24 Gramm) zum Ergebnis, das lediglich Calcium und, deutlich über den Verzehrempfehlungen, Vitamin A in hohen Mengen enthalten war. Alle anderen Mineralien und Vitamine waren unter der Verzehrempfehlung für diese Altersgruppe. Teilweise lediglich zu einem Zehntel. Und wie jeder weiss, Kinder benötigen weniger dieser Nährstoffe als Erwachsene.

Und was sie auch noch herausfand: Der Anteil an essentiellen Aminosäuren ist sehr hoch und über dem Niveau des Benötigten. Nur: Obst, Gemüse, Getreide - alleine schon diese drei Produktgruppen enthalten ausreichend der benötigten Aminosäuren, machen es für uns also unnötig, diese zu supplementieren.

Generell fand die Studie heraus, dass es durchaus eine sinnvolle Pflanze für die Kultivierung in jenen Ländern ist, deren Bevölkerung an Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen leidet. Insbesondere eben dort, wo die Lebensmittel aus dem Vergleich nicht oder nicht ausreichend vorhanden sind. Vielleicht entstand aus dieser Untersuchung und Empfehlung überhaupt erst der Hype?

Moringa-Pulver schützt vor und hilft gegen Krebs?

Der Krebsinformationsdienst, eine Informationsseite des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), hat sich das Heilsversprechen in Sachen Schutz vor Krebs näher angeschaut. Das DKFZ kommt zum Schluss, dass die Grundlagenforschung für die Gesundheitsversprechen fehle. Richtig sei zwar, dass diverse Inhaltsstoffe ein Potenzial zur Unterstützung einer Krebstherapie hätten. Nachgewiesen sind die Behauptungen jedenfalls nicht.

Mehr noch, bei Untersuchungen von 15 Proben (zwischen 2013 und 2015) wurden in zwei Salmonellen und insgesamt in 12 Produkten Pestizide nachgewiesen. In acht Fällen wurde der Höchstwert überschritten. Zwei hiervon waren leider sogar 'Bio'-Produkte.

Weiterhin warnt das DKFZ, dass mögliche Wechselwirkungen mit Krebsmedikamenten nicht ausgeschlossen werden können.

Fazit

Zu den ganzen Gesundheitsversprechen gibt es keine umfassenden Studien. Ist es so wie bei Chia-Samen oder Goji-Beeren? Lockt man den gesundheitsbewussten Verbraucher mit leeren Versprechungen und teuren Produkten?

Die beispielhaft aufgeführten Lebensmittel sind den als wundersam gepriesenen Moringa fast oder gänzlich ebenbürtig, gar überlegen und definitiv einfach in den Speiseplan in unbedenklichen Mengen zu integrieren. Nicht zu vergessen, dass sie auch günstiger sind. Apropos unbedenklich: In den Beschreibungen der Online-Händler steht ja noch, dass man die empfohlene Verzehrmenge nicht überschreiten solle, dass du Moringa-Pulver gar von Kindern fernhalten solltest. Dagegen kannst du von dem genannten Obst und Gemüse sehr wohl auch mal gerne etwas mehr essen.

Sicher, es spricht nichts gegen die Einnahme von Moringa-Pulver, nur die Vermarktung des weitgereisten Nahrungsergänzungsmittels ist einmal mehr nicht wirklich ehrlich.

Eine ausgewogene Ernährung schafft es wie üblich, es mit gehypten Superfoods aufzunehmen. Überhaupt, es gibt altbewährtes und heimisches Superfood, das nebenbei auch noch schmeckt.

 

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