Schadstoffe in der Kleidung: Was kann ich heute noch guten Gewissens anziehen? Pauline Bodinek Neue Kleidung soll angenehm auf der Haut liegen, praktisch sein und im Alltag funktionieren. Viele Eltern fragen sich aber zu Recht: Welche Stoffe in Textilien sind heute wirklich problematisch, woran erkenne ich ein Risiko und wie kaufe ich in der Schweiz sicherer ein? Die gute Nachricht: Du musst nicht jedes Kleidungsstück misstrauisch beäugen. Wenn du weisst, auf welche Materialeigenschaften, Ausrüstungen und Warnsignale du achten solltest, kannst du Schadstoffe deutlich besser vermeiden – besonders bei Kleidung für Babys, Kinder und empfindliche Haut. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken InhaltsverzeichnisWelche Schadstoffe sind heute besonders relevant?Welche Kleidungsstücke oft betroffen sindWas du in der Schweiz konkret tun kannstWaschen von KleidungAlle LabelsMehr TippsMehr anzeigen Farben, Bleichmittel & Co.: Unsere Kleidung enthält viele Schadstoffe. © AGCreativeLab / iStock / Getty Images Plus «Kleider machen Leute» – das Sprichwort ist geblieben, die Herstellung von Kleidung hat sich jedoch stark verändert. Textilien werden heute gefärbt, beschichtet, imprägniert, geglättet, bedruckt und mit zusätzlichen Funktionen versehen. Genau darin liegt das Problem: Je stärker ein Kleidungsstück technisch ausgerüstet ist, desto eher können Stoffe enthalten sein, die für Umwelt und Gesundheit unerwünscht sind. Für Familien ist deshalb nicht die perfekte Chemie-Freiheit entscheidend, sondern eine kluge Priorisierung im Alltag. Die wichtigsten Schadstoffe in Kleidung heute Nicht jede theoretisch mögliche Substanz ist für deinen Alltag gleich relevant. Besonders wichtig sind heute Stoffgruppen, die entweder häufig in bestimmten Produkten vorkommen, sich schwer abbauen, über Hautkontakt oder Hausstaub aufgenommen werden können oder bei empfindlichen Menschen Reizungen und Allergien begünstigen. 1. PFAS in wasserabweisender Kleidung PFAS werden eingesetzt, damit Textilien Wasser, Schmutz oder Fett abweisen. Typisch sind Regenjacken, Outdoorhosen, Imprägnierungen, Softshells und teilweise Schuhe. Das Problem: Diese Stoffe sind extrem langlebig, bauen sich in der Umwelt kaum ab und können sich weiträumig verbreiten. Für den Alltag heisst das: «Wasserdicht», «dauerhaft wasserabweisend» oder «schmutzabweisend» kann auf eine chemische Ausrüstung hindeuten – muss aber nicht zwingend PFAS bedeuten. Ein transparenter Hinweis auf PFAS-freie Imprägnierung ist hilfreicher als blosse Werbeversprechen. 2. Phthalate, Weichmacher und problematische Drucke Weichmacher sind vor allem dort relevant, wo Kunststoffe flexibel gemacht werden – etwa bei Aufdrucken, Beschichtungen, Kunstleder, Accessoires und manchen Schuhbestandteilen. Besonders stark bedruckte Textilien, gummiartige Motive oder sehr billige Kunststoffmaterialien verdienen mehr Aufmerksamkeit. Für Babys und kleine Kinder ist Zurückhaltung besonders sinnvoll, weil sie Kleidung und Accessoires häufiger in den Mund nehmen und empfindlicher auf unnötige Schadstoffbelastung reagieren. 3. Farbstoffe, Formaldehyd und Ausrüstungen Farbstoffe bleiben ein wichtiges Thema, vor allem bei sehr intensiven, dunklen oder schlecht fixierten Farben. Problematisch können stark ausblutende Textilien, unangenehm riechende Ware oder Teile mit sehr «chemischem» Griff sein. Formaldehyd wurde und wird verwendet, um Stoffe knitterarm, formstabil oder bügelfrei zu machen. Solche Ausrüstungen können die Haut reizen und empfindliche Menschen belasten. Auch antimikrobielle, antibakterielle oder geruchshemmende Ausrüstungen sind nicht automatisch sinnvoll. Im Alltag braucht normale Kleidung diese Zusatzfunktion meist nicht. 4. Mikroplastik: eher Umweltproblem als klassischer Kleidungs-Schadstoff Kunstfasern wie Polyester, Fleece oder Polyamid können beim Tragen und Waschen Mikrofasern freisetzen. Das ist vor allem ein Umweltproblem und nicht dasselbe wie ein klassischer Schadstoffrückstand auf dem Stoff. Trotzdem lohnt es sich, weniger Fast Fashion zu kaufen, Kunstfaseranteile zu reduzieren und Kleidung länger zu nutzen. Das senkt die Gesamtbelastung. Wichtig ist auch: Die Menge, die Art des Hautkontakts und die Dauer machen einen Unterschied. Ein selten getragener Regenponcho ist anders zu bewerten als ein Body für ein Baby oder eng anliegende Sportkleidung, die über Stunden auf schwitzender Haut sitzt. Welche Kleidungsstücke besonders oft betroffen sind Im Familienalltag helfen konkrete Risikoprofile mehr als lange Stofflisten. Einige Produktgruppen fallen immer wieder auf, weil sie besonders stark ausgerüstet, beschichtet oder veredelt werden. 1. Outdoor- und Regenkleidung Regenjacken, Matschhosen, Skibekleidung und Softshells müssen oft wasserabweisend, winddicht und robust sein. Genau deshalb werden sie häufig imprägniert oder beschichtet. Wenn du solche Kleidung kaufst, lohnt es sich besonders, nach PFAS-freien Lösungen zu suchen und Nachimprägnierungen sparsam einzusetzen. Für viele Alltagswege reicht wasserabweisende statt maximal hochtechnische Ausrüstung völlig aus. 2. Baby- und Kinderkleidung Bei Babys und Kindern ist weniger oft mehr: weiche, wenig bedruckte, möglichst naturbelassene Textilien ohne unnötige Zusatzfunktionen sind meist die bessere Wahl. Gerade Bodys, Unterwäsche, Schlafkleidung und Kleidung mit viel Hautkontakt sollten möglichst schadstoffarm sein. Stark riechende Ware, glitzernde Drucke, gummiartige Motive oder «antibakterielle» Auslobungen sind bei Kinderkleidung keine guten Signale. 3. Sport- und Funktionskleidung Sportkleidung liegt oft eng auf der Haut, wird durch Schweiss feucht und enthält häufig Kunstfasern. Zusätzlich werben manche Produkte mit «geruchshemmend», «frisch» oder «antibakteriell». Solche Veredelungen sind für den Breitensport meist verzichtbar. Wer empfindliche Haut hat oder zu Ekzemen neigt, fährt mit schlichter, gut waschbarer Kleidung oft besser als mit hochgerüsteten Funktionstextilien. 4. Schuhe, Leder und stark veredelte Jeans Schuhe bestehen oft aus vielen Materialien: Kunststoffe, Klebstoffe, Farben, Schäume, Beschichtungen und teilweise Leder. Das macht sie anfälliger für Rückstände und Gerüche. Auch stark veredelte Jeans – etwa mit Beschichtungen, intensiven Waschungen oder extremem Used-Look – sind oft stärker behandelt. Wenn du hier sicherer einkaufen möchtest, helfen möglichst einfache Modelle, transparente Markenangaben und hochwertige Verarbeitung. Mehr dazu findest du in unseren Spezialartikeln zu nachhaltigen Jeans und zu veganen Leder. 5. Stark bedruckte Textilien und Billigmode aus Online-Shops Je auffälliger, billiger und intransparenter ein Produkt ist, desto genauer solltest du hinschauen. Riesige Prints, plastische Aufdrucke, starke Kunststoffoptik, fehlende Materialinformationen und extrem tiefe Preise sind Warnsignale. Das heisst nicht, dass jedes günstige Teil automatisch problematisch ist. Aber fehlende Transparenz erschwert es dir, Qualität und Schadstoffarmut einzuschätzen. Was du in der Schweiz konkret tun kannst In der Schweiz gibt es Kontrollen, gesetzliche Vorgaben und Laborprüfungen für bestimmte problematische Stoffe in Verbraucherprodukten. Für dich im Alltag bleibt der wichtigste Punkt aber: Auf dem Etikett siehst du viele Risiken nicht direkt. Darum ist eine Kombination aus Materialwahl, vertrauenswürdigen Siegeln, transparenter Markenkommunikation und gesundem Misstrauen bei auffälligen Produkten am wirksamsten. Praktisch heisst das: Bevorzuge für Unterwäsche, Bodys, T-Shirts und Schlafkleidung schlichte Produkte mit wenig Ausrüstung. Kaufe Funktionskleidung gezielt und nicht «für alle Fälle». Wähle bei Regenkleidung möglichst PFAS-freie Angebote und frage im Zweifel nach. Nutze für Kinder, die schnell aus Grössen herauswachsen, gern Seconhand-Mode. Setze bei Alltagskleidung eher auf Qualität, Reparatur und längere Nutzung statt auf häufige Spontankäufe. Auch international werden problematische Stoffgruppen in Textilien stärker reguliert. Das ist grundsätzlich positiv, ersetzt aber nicht deinen eigenen Blick beim Einkauf. Bis neue Regeln überall greifen, bleiben Produkte auf dem Markt, die sehr unterschiedlich verarbeitet sind. Kann man Giftstoffe aus Kleidung waschen? Ja, ein Teil von Rückständen, Gerüchen und überschüssigen Ausrüstungen kann durch Waschen reduziert werden. Gerade neue Kleidung solltest du deshalb vor dem ersten Tragen waschen – besonders bei Unterwäsche, Babykleidung, Schlaftextilien, Sportkleidung und allem, was direkt auf der Haut liegt. Waschen löst aber nicht jedes Problem. Eine problematische Beschichtung verschwindet nicht vollständig nach einem Waschgang, und Mikrofasern aus Kunststoffen bleiben ein Thema. Für die Gesundheit ist Vorwaschen sinnvoll, für die Umwelt gilt gleichzeitig: Je hochwertiger und schadstoffärmer du einkaufst, desto besser. Wenn du zu Secondhand-Kleidung greifst, tust du deiner Gesundheit oft einen Gefallen, weil viele flüchtige Rückstände bereits reduziert sind. Beim Waschen entweichen einige Schadstoffe der Kleidung. © AndreyPopov / iStock / Getty Images Plus Besonders sinnvoll ist das Waschen vor dem ersten Tragen, wenn ein Kleidungsstück: stark riecht, sehr intensiv gefärbt ist, direkt auf der Haut getragen wird, für Babys oder Kinder gedacht ist, beschichtet oder bedruckt wirkt. Gerade Baumwolle aus konventionellem Anbau wird bereits beim Anbau stark mit Pestiziden behandelt. Nachhaltige Brands achten auf Bio-Baumwolle und färben mit möglichst unbedenklichen Farben oder setzen auf reduzierte Veredelung. Siegel für schadstofffreie Kleidung Siegel sind keine Garantie für perfekte Produkte, aber sie helfen dir, die Spreu vom Weizen zu trennen. Besonders hilfreich sind Standards, die sowohl Schadstoffe als auch Umwelt- und Sozialaspekte berücksichtigen. Das bekannteste ist das GOTS-Siegel. Es steht für Textilien aus biologischer Landwirtschaft mit klaren Anforderungen an Verarbeitung und Chemikalieneinsatz. Weitere Siegel, die bei der Orientierung helfen können, sind Blauer Engel Der grüne Knopf Fairtrade Cotton IVN Best Made in Green by OEKO-TEX Ein praktischer Shortcut: Für hautnahe Kleidung sind streng kontrollierte Textilsiegel besonders wertvoll. Für Jacken, Schuhe oder Funktionskleidung reicht ein einzelnes Label allein oft nicht aus – dort lohnt sich zusätzlich der Blick auf Material, Imprägnierung und die Frage, ob du die Funktion überhaupt brauchst. Foto © Screenshot (GOTS, Der gründe Knopf, Blauer Engel, IVN Zertifiziert Best, OEKO-TEX, Fairtrade Cotton) Wenn du tiefer einsteigen möchtest, helfen auch unsere Spezialartikel zu nachhaltigen Jeans, Seconhand-Mode und Bio-Baumwolle. Schadstoffe in Kleidung vermeiden: Das kannst du tun Neben Siegeln helfen dir im Alltag ein paar einfache Regeln. Sie sind nicht kompliziert, machen aber einen grossen Unterschied. Diese Warnsignale solltest du ernst nehmen Kaufe keine Kleidung, die stark oder unangenehm riecht. Sei vorsichtig bei Versprechen wie «antibakteriell», «geruchshemmend», «pflegeleicht», «bügelfrei», «schmutzabweisend» oder «dauerhaft wasserabweisend», wenn unklar bleibt, wie diese Wirkung erreicht wird. Stark gummiartige, dicke oder plastische Drucke sind eher kritisch – vor allem bei Kinderkleidung. Extrem tiefe Preise bei gleichzeitig fehlender Transparenz zu Material, Herstellung und Prüfstandards sind ein Warnsignal. Hinweise wie «separat waschen» oder stark ausblutende Farben können auf wenig stabile Färbung hindeuten. Die praktische Kauf-Checkliste Bevorzuge hautnahe Kleidung aus möglichst schlicht verarbeiteten Materialien. Wähle für Babys und Kinder wenig bedruckte, weiche und gut waschbare Textilien. Kaufe Funktionskleidung nur dann, wenn du die Funktion wirklich brauchst. Frage bei Regen- und Outdoorbekleidung gezielt nach PFAS-freien Imprägnierungen. Wasche neue Kleidung vor dem ersten Tragen. Nutze Secondhand, wenn es um Kinderregenkleidung, Jacken oder selten benötigte Stücke geht. Setze lieber auf wenige gute Teile als auf häufige Billigkäufe. Wenn du sehr empfindliche Haut hast, teste neue Kleidung zunächst kurz und wasche sie ein weiteres Mal, bevor du sie länger trägst. Was viele falsch einschätzen Nicht alles Natürliche ist automatisch unproblematisch und nicht jede Kunstfaser ist per se gesundheitsschädlich. Entscheidend ist die Verarbeitung. Umgekehrt ist «technisch», «funktional» oder «pflegeleicht» nicht automatisch schlecht – aber solche Eigenschaften verdienen einen genaueren Blick. Für Familien ist die beste Strategie meist nicht Perfektion, sondern eine ruhige, informierte Auswahl: weniger Schnickschnack, weniger unnötige Ausrüstung, mehr Transparenz. FAQ: Die wichtigsten Fragen kurz beantwortet Muss ich neue Kleidung immer waschen? Bei Kleidung mit direktem Hautkontakt: ja, am besten immer. Das gilt besonders für Unterwäsche, Babykleidung, Schlafanzüge, T-Shirts und Sportkleidung. Ein Waschgang kann Gerüche und einen Teil flüchtiger Rückstände reduzieren. Sind Outdoor-Jacken automatisch problematisch? Nein. Sie sind aber häufiger technisch ausgerüstet als normale Alltagskleidung. Achte auf transparente Angaben, möglichst PFAS-freie Imprägnierungen und überlege, welche Funktion du wirklich brauchst. Sind Siegel verlässlich? Sie sind eine gute Orientierung, aber kein Freipass. Je strenger ein Siegel Chemikalien, Verarbeitung und Rückverfolgbarkeit prüft, desto hilfreicher ist es. Am besten kombinierst du Labels mit einem kritischen Blick auf Produktart und Werbeversprechen. Ist schwarze Kleidung besonders belastet? Sehr dunkle und intensive Färbungen können problematischer sein als naturbelassene oder hellere Textilien. Entscheidend ist aber nicht die Farbe allein, sondern wie gefärbt und verarbeitet wurde. Starker Geruch oder Abfärben sind wichtigere Warnsignale als die Farbe selbst. Ist Secondhand für Kinder sinnvoll? Ja, oft sogar besonders. Viele flüchtige Rückstände sind bereits reduziert, Kinder wachsen schnell aus Kleidern heraus und die Umwelt profitiert ebenfalls. Achte einfach auf guten Zustand, angenehmen Geruch und wasche die Stücke vor dem Tragen. Mehr nachhaltige Mode Nachhaltige Outdoorbekleidung: Die 9 besten Labels plus Tipps Bei diesen 7 Labels findest du nachhaltige Sportoutfits Faire und nachhaltige Jeans: Worauf du achten solltest und 6 Labels für bessere Denim-Entscheidungen Mit dieser App findest du faire und nachhaltige Modelabels Warum wir auf Bio-Baumwolle setzen – Fakten, Siegel, Tipps Wo du in der Schweiz Fair Fashion einkaufst