«Für eine Schwammstadt braucht es Toleranz»

24.01.24 - Angesichts zunehmender Klimaveränderungen müssen wir auch in der Schweiz die Stadtplanung neu denken. Marco Sonderegger, Unternehmensleiter Entsorgung St.Gallen, erklärt, wie das Konzept der Schwammstadt dabei helfen kann, künftigen Herausforderungen zu begegnen.

ein Mann mit kurzen Chrusli steht mit verschränkten Armen im Büro
Marco Sonderegger ist Experte für Schwammstadt-Projekte. © zVg
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Mit dem fortschreitenden Klimawandel müssen wir uns auch in der Schweiz auf immer mehr Hitzeperioden und Hochwasserereignisse einstellen. Ein Konzept, das diesen Entwicklungen entgegenhält, ist das der Schwammstadt.

Die Idee dahinter: Eine Stadt kann Regenwasser durch mehr Grünflächen (oder «offenporigen Platzgestaltungen») wie ein Schwamm aufsaugen und so die Kanalisation bei Starkregen entlasten. In trockeneren Perioden verdunstet das Wasser und bleibt so regional im Umlauf. 

Erklärvideo dazu:

Weitere Informationen zum Thema Schwammstadt findest du zum Beispiel auf der Website des BAFU.

Immer mehr Schweizer Städte entdecken den Nutzen einer Schwammstadt und planen neue Projekte nach diesem Konzept. Die Stadt St. Gallen hat kürzlich einen «Schwammstadtfonds» geschaffen, mit welchem jährlich bis zu 300'000 Franken investiert werden, um Unternehmen und Private bei der Umsetzung von Schwammstadtprinzipien bei ihren Bauten und Projekten zu unterstützen.

Der Initiant des Projekts und Leiter der Entsorgung St.Gallen Marco Sonderegger sprach mit uns über die Vor- und Nachteile der Entsiegelung und was jeder und jede für eine nachhaltigere Städte- und Gemeindeplanung beitragen kann.

Herr Sonderegger, dass die Versiegelung einige Probleme wie Hochwasser und Hitzestau verstärkt, ist mittlerweile bekannt. Weshalb wird trotzdem nicht konsequenter auf die Prinzipien der Schwammstadt gesetzt und noch immer so viel mit Beton und Asphalt zugebaut?

Die Diskussion um Schwammstadt-Ideen und die Berechtigung für deren Massnahmen ist noch relativ frisch. Es ist auch so, dass dieser neuere Trend zwar viele und gewichtige Vorteile ausweist; durchaus jedoch den Nachteil von Investitionen und grösserem Unterhalt mit sich bringt.

Eine Grünfläche muss unterhalten und gepflegt werden, und das gefällt nicht allen gleichermassen.

Einen Schulhausplatz zu betonieren, bedeutet weniger Aufwand. Eine Grünfläche muss unterhalten und gepflegt werden, und das gefällt nicht allen gleichermassen. Auch kann zum Beispiel der Schnee nicht so perfekt geräumt werden, wie das bei einem versiegelten Untergrund der Fall ist. Um sich für einen Naturuntergrund zu entscheiden, braucht es also auch etwas Toleranz und «Innovationsfreude».

In der Stadt St. Gallen geniesst das Konzept der Schwammstadt immerhin grossen Rückhalt in der Politik. Rechnen Sie damit, dass weitere Städte bald nachziehen?

Ja. In vielen Städten der Schweiz ist in diesem Thema schon viel passiert und der Trend Schwammstadt kommt zunehmend ins Rollen. Die Resonanz von unserem Fonds war gross und ich habe auch schon Telefone aus kleineren Städten erhalten, da sie mehr wissen wollten über die Finanzierungsmöglichkeiten von Schwammstadtprojekten und wie ein Reglement dazu geschaffen wird.

Es bringt niemandem was, wenn die Agglomerationen in ein paar Jahren dieselben Probleme haben.

Ich finde es super, wenn auch Siedlungen ausserhalb der Stadt sich mit der Thematik auseinandersetzen. Der Handlungsbedarf ist zwar klar höher in den Städten, aber es bringt niemandem was, wenn die Agglomerationen in ein paar Jahren dieselben Probleme haben.

Würde man also solch grosse Plätze wie den Sechseläutenplatz in Zürich heute nicht mehr versiegeln?

Viele grosse Plätze haben einen praktischen Nutzen für verschiedene Veranstaltungen und müssen vielerlei Anforderungen dafür erfüllen. Aber es gibt sicher einige Flächen, die man anders projektiert und gestaltet hätte, wäre der Schwammstadt-Gedanke schon früher berücksichtigt worden. Wichtig ist, dass das Prinzip in alle künftigen Projekte und Sanierungsmassnahmen einfliesst. Einfach blindlings bestehende Plätze aufzureissen, welche erst vor kurzer Zeit gebaut wurden, halte ich aber nicht für besonders sinnvoll.

Reichen denn die 300'000 Franken im Jahr, um aktuelle Projekte in der Stadt St. Gallen zu unterstützen, oder bräuchte es noch mehr?

Mit jährlich 300'000 Franken lässt sich einiges bewirken, zumal diese Summe ja zur Unterstützung bei Vorhaben von privaten Bauherren dient. Gesamthaft gesehen sollen auch die baulichen Vorhaben der öffentlichen Hand mit Schwammstadt-Ansätzen im Einklang sein und so «Vorbildcharakter» ausweisen.

Wir sollten uns von der Vorstellung vom perfekten Rasen verabschieden.

Ich denke, man könnte noch viel mehr machen, um Wasserkreisläufe besser zu schliessen und den Trend Schwammstadt weiter zu verfolgen. Vor allem aber muss dafür das Bewusstsein in der Bevölkerung gestärkt werden, weshalb wir auf Grünflächen angewiesen sind. Denn wenn ein Schulhausplatz begrünt wird und dann darin Littering entsteht, eröffnen wir ein zusätzliches Problem.

Was können Privatpersonen sonst noch tun, um mehr «Schwamm» in die Städte und Gemeinden zu bringen?

Regenwasser soll als «Rohstoff» gesehen und deren Zwischenspeicherung auf dem Grundstück ermöglicht werden: Wer einen Garten hat, kann mit kleinen Mulden oder Teichen viel Wasser speichern, das danach verzögert versickert und so im Umlauf bleibt. Weiter hilft es, sich von der Vorstellung vom perfekten Rasen zu verabschieden und mehr auf Wildwuchs zu setzen. Das käme auch unserer Biodiversität zu Hilfe, womit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden.  

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