«Viele Grossfirmen haben weiterhin kein Netto-Null-Ziel»

Die meisten Unternehmen sind diese Tage noch weit entfernt von Netto-Null. Alexandra Molnár von Accenture Schweiz gibt einen Einblick in die Chancen und Hürden von Grossfirmen in Sachen nachhaltiger Wandel und schätzt die Wirkung der Weltklimakonferenz 2023 ein.

eine blonde Frau steht in einer Aula
Alexandra Molnár ist Unternehmensberaterin mit dem Hauptfokus Nachhaltigkeit. © zVg
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Nicht einmal jedes fünfte Unternehmen wird Netto-Null bis 2050 erreichen. Währenddessen verzeichnen 50% der Firmen sogar steigende Emissionen. Zu diesem Schluss kommt die Accenture-Studie «Destination Net Zero», welche die aktuellen Anstrengungen und Pläne der 2000 weltweit grössten (öffentlichen und privaten) Unternehmen untersucht hat.

Auch hierzulande sind echte Fortschritte noch rar. Alexandra Molnár, Sustainability Lead bei Accenture Schweiz, erklärt uns im Interview, wieso das so ist und wie wir den Unternehmen auf ihrem schwierigen Weg unter die Arme greifen könnten.

Frau Molnár, halten Sie es überhaupt für realistisch, dass alle Unternehmen bis 2050 Netto-Null-Emissionen aufweisen?

Dass alle Unternehmen auf der Welt ihre Ziele erreichen, halte ich im Moment für unrealistisch, unter anderem, weil viele ihre Geschäftstätigkeiten auf kurzfristige Ziele ausrichten.

Ca. ein Drittel der untersuchten Schweizer Firmen verzeichnen noch immer wachsende Emissionen.

In der Schweiz bin ich jedoch optimistischer, da die gesetzlichen Rahmenbedingungen bestehen und wir im internationalen Vergleich bereits gut dastehen. Jetzt geht es hauptsächlich darum, mutiger zu werden und Massnahmen konsequent in allen Geschäftsbereichen einzuführen.

Welche sind die grössten Barrieren für Unternehmen auf dem Weg zu Netto-Null?

Auf der einen Seite gibt es technologische Herausforderungen. In vielen Industrien sind technologische Lösungen für Dekarbonisierung einfach noch nicht verfügbar oder nicht ausgereift. Auf der anderen Seite fehlt es an finanziellen Ressourcen für die Umstellung auf klimafreundlichere Technologien. Gerade für die zahlreichen KMU in der Schweiz ist dies eine Herausforderung. Unsere Studie «Destination Net Zero» hat aber gezeigt, dass auch viele der grössten Unternehmen weiterhin kein Netto-Null-Ziel haben – in der Schweiz betrifft dies ungefähr ein Drittel der analysierten Unternehmen. Etwa gleich viele Schweizer Unternehmen verzeichnen zudem immer noch wachsende Emissionen.

Wie könnte diese Entwicklung verhindert werden?

Der Staat kann finanzielle Anreize setzen, wie etwa Steuervergünstigungen und Subventionen für Investitionen in umweltfreundliche Technologien. Klare regulatorische Vorschriften zur Emissionsreduktion können Unternehmen zudem ermutigen, nachhaltige Praktiken zu übernehmen.

Damit die Schweiz ihre Netto-Null-Ziele erreicht, müssen Privatwirtschaft und Staat zusammenarbeiten.

Schliesslich kann der Staat auch die Forschung und Entwicklung von Klimaschutztechnologien fördern und Schulungsprogramme anbieten, um Unternehmen bei der Umstellung auf nachhaltige Praktiken zu unterstützen. Das hilft besonders KMU, die oft weniger Ressourcen oder Nachhaltigkeitsexpertise zur Verfügung haben. Damit die Schweiz ihre Netto-Null-Ziele erreicht, müssen Privatwirtschaft und Staat zusammenarbeiten.

Welche Massnahme wird Ihrer Meinung nach bisher unterschätzt, obwohl sie grosses Potenzial hätte?

Bei den Scope-3-Emissionen (indirekte Emissionen) ist das Reduktionspotenzial auf jeden Fall gross. In vielen Branchen machen sie den Grossteil der Emissionen aus. Scope-3-Emissionen sind allerdings schwierig zu messen, da die Lieferketten der Unternehmen oftmals komplex und die Unternehmen abhängig von den Reduktionsmassnahmen ihrer Lieferanten sind.

Das Abschlussdokument der Weltklimakonferenz 2023 markiert einen historischen Wendepunkt.

Emissionen, die bei der Nutzung der Produkte durch die Konsument:innen entstehen, sind noch schwieriger zu messen. Dennoch können Firmen Massnahmen treffen, um ihre Scope-3-Emissionen zu reduzieren. Ein guter Anfang ist, sie in enger Zusammenarbeit mit den Lieferanten so gut wie möglich zu berechnen und dann Reduktionsziele zu setzen. Als nächster Schritt ist Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette und im Ökosystem angesagt, um die angestrebten Reduktionen auch zu erreichen.

Wie sehr werden die Ergebnisse der Weltklimakonferenz 2023 den Firmen auf ihrem Weg zu Netto-Null weiterhelfen?

Das Abschlussdokument der Weltklimakonferenz 2023 markiert einen historischen Wendepunkt, indem es Staaten erstmals aufruft, sich von fossilen Brennstoffen abzuwenden. Gleichzeitig sollen die Kapazitäten erneuerbarer Energien bis 2030 verdreifacht und die Energieeffizienz verdoppelt werden. Ein wesentliches Element der COP28 war die Klimafinanzierung, die Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen im Rahmen ihres Übergangs zu grünen Technologien und nachhaltigen Praktiken sowie Investitionsmöglichkeiten in Aussicht stellt. Solche Initiativen bieten Firmen die Chance, ihre Emissionen zu reduzieren sowie in erneuerbare Energien und Energieeffizienzmassnahmen zu investieren. Eine stärkere Verbindlichkeit und klarere Zielvorgaben wären hier allerdings noch hilfreicher, um Unternehmen bei der Planung und Umsetzung ihrer Klimastrategien zu unterstützen.

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