«Beim Einkaufen überkommt mich oft ein Gefühl von Machtlosigkeit»

Die «Güter Foodcoop» in Bern ist kein gewöhnlicher Laden. Hier können nur Mitglieder einkaufen, die einmal im Monat selbst hinter der Kasse stehen, Gemüse einräumen oder hinter den Kulissen mitarbeiten. Dafür dürfen sie mitbestimmen, was in den Regalen liegt und von welchen Schweizer Bauernhöfen sie ihre Lebensmittel beziehen möchten. Wir haben mit Mitgründerin Amena über Chancen, Vorteile und Hürden der interaktiven Lebensmittelkooperative gesprochen.

Ein EInkaufskorb mit Kürbissen, im Hintergrund eranht man den Laden von Güter Foodcoop Bern
Bei Güter landen regionale Bio-Lebensmittel im Einkaufskorb. © zVg
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Im hektischen Alltag muss der Einkauf meist schnell gehen. Dabei geht das Wissen über die Herkunft unserer Lebensmittel, über ihren eigentlichen Wert und die Menschen dahinter verloren.

Nicht so bei Güter: In der Foodcoop, auch Lebensmittelkooperative genannt, können Einkaufende mitbestimmen, welche Produkte das Geschäft anbietet. Dafür werden sie Mitglied in der Genossenschaft und arbeiten einmal im Monat im Laden mit. Dank diesem Konzept können Kosten für Mitarbeitende gespart werden, sodass nachhaltig produzierte Lebensmittel für alle bezahlbar werden. Was hinter der ersten interaktiven Foodcoop in der Deutschschweiz steckt, verrät uns Mitgründerin Amena im Interview.

Zur Person

Profilbild von Amena Schwabe
© zVg

Amena Schwabe ist Mitgründerin der Güter Foodcoop Bern. Der starke Zusammenhalt der Mitglieder sowie die Nähe zu den Produzierenden sind für sie  wichtige Bestandteile des Herzensprojektes. «Das Einkaufserlebnis ist einfach cool!» – weil man sich viel austauscht und wieder mehr mit den eigenen Lebensmitteln auseinandersetzt.

Wie kamt ihr auf die Idee, Güter zu eröffnen?

Die beiden Gründungsmitglieder Nick und Nora haben eine Zeit lang in New York gelebt und waren dort Mitglieder in einer der ältesten Lebensmittelkooperationen – der Park Slope Food Coop. Der Mitmach-Laden in Brooklyn hat heute 17'000 Mitglieder. Sie waren total begeistert von der Idee, dass die Mitglieder dort ihre Lebensmittelversorgung wieder mehr in die eigenen Hände nehmen können.

Zurück in der Schweiz war den beiden dann klar: Bern braucht auch eine Foodcoop. Als sie ein paar Kollegen und mir von ihrer Idee erzählt haben, waren wir sofort dabei.

Was bedeutet es denn eigentlich, die Lebensmittelversorgung in die eigene Hand zu nehmen?

Beim Einkaufen in der Migros überkommt mich oft ein Gefühl von Machtlosigkeit. Dort haben wir zwar eine riesige Auswahl an Produkten, wissen aber gar nicht, wer und wie viel Arbeit dahintersteckt. Wir können auch nicht mitbestimmen, welche Lebensmittel in den Regalen stehen. Genauso ist es mit der Marge. Als Konsumierende haben wir hier keinen Durchblick, wie viel aufgeschlagen wird und warum.

Wir wollen wieder einen Schritt zurück gehen und kleiner anfangen mit der Frage: Was brauchen wir überhaupt? Unser Ziel ist es, ganz eng mit Produzierenden zusammen zu arbeiten, auf die Bedürfnisse der Produzierenden und Konsumierenden einzugehen und die beiden Seiten wieder näher zusammen zu bringen. Bei uns können alle Mitglieder Produktwünsche aufschreiben oder Bauernhöfe vorschlagen, deren Produkte sie gerne in den Laden bringen möchten. Dabei halten wir uns an unsere gemeinsam festgelegten Kriterien, denen unsere Produkte entsprechen sollen. Sie sollen beispielsweise ökologisch und regional sein und die Werte hinter den Produkten dürfen unseren Wertevorstellungen nicht widersprechen. Wir wollen, dass das Klima und der Mensch keinen Schaden durch unseren Konsum erleiden.

Gibt es denn überhaupt Kaffee in eurem Laden?

Ob wir Kaffee anbieten möchten, war eine sehr lange Diskussion. Zuerst hiess es, dass weit gereiste Lebensmittel tabu sind. Aber schlussendlich möchten wir in unserem Laden möglichst alles für den täglichen Gebrauch beziehen können, weshalb wir nun auch Kaffee anbieten. Wir haben uns für den Kaffee von Rebeldia entschieden, der in Südmexiko unter sozialen und sicheren Arbeitsbedingungen geerntet und geröstet wird. Trotzdem bleibt natürlich der Widerspruch, dass Kaffee kein regionales Produkt ist.

Mitglied in eurer Foodcoop zu sein heisst auch, mitzuarbeiten. Das klingt erstmal ungewöhnlich. Was bringt es für Vorteile mit sich?

Der grösste Mehrwert von Güter ist, dass durch das Mitwirken aller ein starker sozialer Zusammenhalt entsteht und wir für die Arbeit, die in unseren Lebensmitteln steckt, sensibilisiert werden. Und nicht zuletzt finde ich das Einkaufserlebnis einfach toll! Wir fragen uns beim Einkaufen zum Beispiel gegenseitig ‘hast du das neue Gemüse schon probiert’ oder ‘weisst du, wie man diese Pasta am besten kocht’ – dadurch entsteht ein ganz anderer Austausch als im schnelllebigen Detailhandel.

Der Gedanke hinter der Mitarbeit von allen Mitgliedern ist aber auch wirtschaftlich. Wenn alle mitmachen, entfallen hohe Lohnkosten, die am Ende die Konsumierenden tragen müssten. Wir möchten unsere Produkte möglichst allen Menschen zugänglich machen. Noch sind wir zwar nicht günstiger als andere Bioläden, das ist aber langfristig unser Ziel.

Wie können sich Mitglieder, die ein geringes Einkommen haben, die hochwertigen Lebensmittel bei Güter leisten?

Es ist uns ein grosses Anliegen, dass unser Angebot niemanden ausschliesst. Die erste Hürde ist der Erwerb der Mitgliedschaft, dafür fallen einmalig 50 Franken an. Das können sich nicht alle leisten. Aber es gibt auch Menschen, die Mitgliedschaften spenden. Das heisst wir können den Eintritt in unsere Genossenschaft auch kostenlos anbieten. Wir suchen aber noch nach dem besten Weg, das zu kommunizieren.

Um auch einkommensschwächeren Mitgliedern den Einkauf bei uns zu ermöglichen, haben wir zudem neben der Genossenschaft einen Soli-Verein gegründet. Nach jedem Einkauf haben Mitglieder die Möglichkeit, einen zusätzlichen Soli-Beitrag zu zahlen, der Menschen mit geringen finanziellen Mitteln in Form von Einkaufsgutscheinen zur Verfügung gestellt wird.

Über Güter

Das Logo von Güter
© zVg

Bei Güter gibt’s qualitative, nachhaltig produzierte Lebensmittel aus möglichst regionalem Anbau. Wer hier einkaufen möchte, wird Mitglied in der Genossenschaft und darf das Projekt mitgestalten und das Sortiment mitbestimmen. Eröffnet im Oktober 2022 mit 180 Mitgliedern wirken heute schon 220 Menschen in der Foodcoop mit. Du möchtest mehr über die Lebensmittelkooperative erfahren? Güter freut sich, wenn du einfach im Laden vorbei schaust für einen «Probeeinkauf». Interessierte sind auch auf den monatlichen Infoabenden herzlich willkommen. Der nächste findet am 9. Februar 2023 in der Mattenhofstrasse 5 in Bern statt.

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