In-vitro-Fleisch: Die Lösung für unseren grossen Fleisch-Appetit?

Für ein saftiges Stück Fleisch aus der Petrischale muss kein Tier geschlachtet werden. Was für alle, die Tiere lieben und trotzdem gern Chicken Nuggets & Co. essen würden, wie eine Traumvorstellung klingt, soll schon bald auch in der Schweiz auf unseren Tellern liegen: In-vitro-Fleisch. Aber beissen wir wirklich in absehbarer Zeit in den Laborfleisch-Burger?

Ein Burger mit Speck, Käse, Bulette und Salat auf einem Holzbrett
Ein saftiger Burger-Patty macht schon mal Appetit auf Fleisch. © Vitor Monthay / Unsplash
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In-vitro-Fleisch – das Wichtigste in Kürze:

Lange schon wird das Fleisch aus der Petrischale als die Food-Innovation angekündigt. Doch in den Regalen der Supermärkte lässt es noch immer auf sich warten. Woran das liegt, warum selbst das gezüchtete Fleisch nicht ganz ohne Tierleid möglich ist und anderen Fragen rund um das von bösen Zungen als Zombiefleisch bezeichnete Produkt geht dieser Artikel auf den Grund.

Fleisch aus dem Labor – warum eigentlich?

Dafür, dass immer mehr Menschen auf Fleisch verzichten, gibt es viele Gründe – ob aus Liebe zu Rind und Schwein, wegen der Abholzung der Regenwälder für den Futteranbau oder aufgrund der hohen Umweltbelastung. Einen Grund, den ich hingegen selten höre: «Weil es mir nicht schmeckt!» Denn seien wir mal ehrlich: Beim Duft eines saftigen Steaks vom Grill oder von Hackbällchen mit Bratensauce läuft wohl den meisten das Wasser im Munde zusammen, auch mir als Vegetarierin.

Doch wie lässt sich das vereinbaren: Der Appetit auf Fleisch und die Rücksichtnahme auf unsere Umwelt? Die Hoffnung ist gross, dass im Labor gezüchtetes Fleisch, auch «Clean Meat» genannt, die Lösung für dieses schier endlose Tauziehen zwischen Gewissen und Appetit ist.

Wie wächst Fleisch im Reagenzglas?

In Zukunft müsse kein Tier mehr geschlachtet werden, damit wir Fleisch geniessen können. So das Versprechen zahlreicher Lebensmittel-Forschenden. Für das Fleisch aus dem Labor braucht’s gerade einmal ein paar Stammzellen von Rind, Schwein oder Huhn, die per Spritze entnommen werden. Im Labor kommen nur noch die entsprechenden Vitamine und Nährstoffe (etwa auf Algen-Basis) hinzu, damit aus den Muskelzellen eine Portion Hackfleisch oder ein Chicken-Nugget heranwächst, das sich von «echtem» Fleisch in seiner Zusammensetzung nicht unterscheidet.

Wann kommt In-vitro-Fleisch auf den Markt?

Auch wenn es sich so anhört: Laborfleisch ist längst keine Science-Fiction mehr. In Tel Aviv und Singapur wird es bereits verkauft. Und die Restaurants sind gut besucht, was vermuten lässt, dass wenig Abneigung gegen das im Bioreaktor gezüchtete Fleisch besteht.

Auch in Zürich feilen Lebensmittel-Technologinnen und -Technologen bereits am perfekten Hackbraten aus dem Labor. Mirai Foods ist das erste und bislang einzige Food-Start-up der Schweiz, das sich dem Laborfleisch gewidmet hat. Wann das Fleisch aber bei Coop oder Migros in den Regalen liegt, ist noch offen, denn eine Zulassung dafür gibt es in ganz Europa noch nicht.

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Wie sauber Clean Meat wirklich ist

Sobald Laborfleisch hierzulande zugelassen ist, stellt sich mir gleich die nächste Frage: Würde ich das überhaupt essen? Wenn ich an die Bolognese Sauce meiner Mama zurückdenke, die ich als Kind so gerne gegessen habe, muss ich sagen: Ja, wenn das eine Möglichkeit ist, Fleisch zu essen, ohne dadurch die Umwelt stark zu belasten oder Tierleid zu verursachen, würde ich durchaus in einen Fake-Burger beissen.

Doch eben diesen Anforderung an eine geringere Umweltbelastung und die Vermeidung von Tierleid wird In-vitro-Fleisch nicht in jeder Hinsicht gerecht. Nachhaltiger als Fleisch vom gezüchteten Tier ist In-vitro-Fleisch insofern, als dass es weniger wertvolle Ressourcen wie Fläche und Futter braucht, um die gleiche Menge an Fleisch zu produzieren.

Doch da das Fleisch in der Petrischale bei den Temperaturen gezüchtet werden muss, die auch im Inneren eines Tieres herrschen, entsteht ein sehr hoher Energieaufwand. Wie viel Energie und andere Ressourcen tatsächlich für die Fleischherstellung im Labor anfallen, kann jedoch erst richtig eingeschätzt werden, wenn die Produkte in grösseren Mengen produziert werden.

Ein weiteres, für Tierschützerinnen und Tierschützer erhebliches Manko: Als Nährlösung, in der das Fleisch aus den Stammzellen heranwächst, wurde lange Zeit sogenanntes fetales Kälberserum verwendet. Dieses wird alles andere als tierfreundlich gewonnen. Hierfür muss eine trächtige Kuh geschlachtet und dem noch lebenden Fötus Blut abgenommen werden.

Zwei graue Kühe mit Hörnern stehen auf einer Wiese
Auch für Laborfleisch gilt: Ohne Tier geht es nicht. © by-studio / iStock / Getty Images Plus

Mittlerweile lassen immer mehr Lebensmittelforschende das Kälberserum weg und nutzen pflanzliche Alternativen, etwa aus Algen. Was bleibt, ist die Stammzellentnahme des Tiers. Dies ist zwar kein grosser Eingriff: In der Regel ist sie mit einem Stich ins Gewebe getan und das Tier lebt weiter. Dennoch müssen die Tiere gehalten werden. Wenn auch deutlich weniger als für «konventionelles» Fleisch.

Wird In-vitro-Fleisch die Lebensmittelindustrie revolutionieren? Ein Fazit

Die Idee klingt erstmal vielversprechend. Ob Clean Meat aber die beste Lösung für den wachsenden Hunger auf Fleisch einerseits und die Notwendigkeit einer Umstellung des Konsums andererseits ist, bleibt zu bezweifeln.

Klar ist: Anders als beim Tofuschnitzel oder dem Seitanburger steht das Laborfleisch solchem aus geschlachteten Tieren in nichts nach. Die chemische Zusammensetzung ist identisch. Das heisst auch, dass es weder ungesünder, noch gesünder ist.

Weniger Fleisch – ob nun vom Rind aus dem Stall oder aus dem Labor – ist und bleibt aber die gesündeste Wahl. Denn der übermässige Konsum von Fleisch stellt für die Umwelt, aber auch für unsere Gesundheit eine Belastung dar.

Abgesehen davon geht die Forschung und Herstellung von Laborfleisch langsam voran. Schliesslich lässt, was schon 2013 als «marktreif» angepriesen wurde, fast 10 Jahre später noch immer auf sich warten. Wann und ob Laborfleisch in die Massenproduktion geht und zu bezahlbaren Preisen in den Supermarktregalen liegen wird, ist aktuell kaum vorauszusagen.

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