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Geothermie: Wie die Energie aus der Erde genutzt wird

Die Schweiz setzt künftig stärker auf Geothermie. Erdwärme kann Gebäude heizen und kühlen, Warmwasser bereitstellen und in grösseren Tiefen auch für Wärmeverbünde oder Strom genutzt werden. Anders als Sonne und Wind ist sie nahezu konstant verfügbar. Für viele Familien mit Eigenheim ist vor allem die oberflächennahe Geothermie mit Erdsonde und Sole-Wasser-Wärmepumpe relevant. Doch lohnt sich das wirklich – technisch, finanziell und ökologisch?

Ein Thermostat liegt auf einem Tisch auf Planungsunterlagen, Symbolbild
Mit Erdwärme heizen ist umweltfreundlich. © iskrinka74 / iStock / Getty Images Plus

Wichtig ist gleich zu Beginn die Unterscheidung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Anwendungen: Oberflächennahe Geothermie nutzt die im Untergrund gespeicherte Wärme in vergleichsweise geringen Tiefen, meist für einzelne Gebäude. Hier kommen Erdsonden, Erdkollektoren oder Grundwasserfassungen zusammen mit einer Wärmepumpe zum Einsatz. Tiefe Geothermie reicht deutlich weiter in den Untergrund. Sie kann für grosse Wärmeverbünde, Fernwärmesysteme und in einzelnen Fällen auch für Stromproduktion interessant sein. Für private Hauseigentümer:innen ist fast immer die erste Variante entscheidend.

Genau darin liegt auch die Stärke der Geothermie in der Schweiz: Sie ist heute vor allem eine Wärmeenergie. Laut Bundesamt für Energie, 2024, spielt sie im Gebäudebereich bereits eine wichtige Rolle, während ihr Beitrag zur Stromversorgung bislang klein bleibt. Wenn du ein Haus sanierst oder neu baust, ist also nicht die Stromproduktion aus Erdwärme die zentrale Frage, sondern ob dein Gebäude für eine effiziente Wärmepumpenlösung mit dem Untergrund geeignet ist.

Welche Rolle Geothermie heute in der Schweiz spielt

Die Schweiz braucht erneuerbare Lösungen besonders im Wärmesektor. Ein grosser Teil des Energieverbrauchs entfällt weiterhin auf Raumwärme und Warmwasser. Genau hier kann Geothermie helfen, fossile Heizsysteme zu ersetzen. Die oberflächennahe Geothermie ist bereits breit im Einsatz, vor allem über Erdsonden in Ein- und Mehrfamilienhäusern sowie in grösseren Gebäuden.

Im Stromsektor ist die Lage anders. Tiefe Geothermie gilt zwar als potenziell wertvolle Ergänzung, weil sie wetterunabhängig Energie liefern kann. Der tatsächliche Ausbau ist aber bisher begrenzt. Das liegt unter anderem an hohen Investitionskosten, geologischen Unsicherheiten und Anforderungen an Sicherheit und Akzeptanz. Realistisch betrachtet ist Geothermie in der Schweiz heute deshalb vor allem ein Baustein der Wärmewende – und deutlich weniger der Stromwende.

Für dich als Hausbesitzer:in oder Familie mit Sanierungsplänen ist diese Einordnung wichtig. Sie hilft, Erwartungen richtig zu setzen: Geothermie ist kein Alleskönner, aber im passenden Gebäude eine sehr starke Lösung für Heizung, Warmwasser und teilweise auch Kühlung.

So wird Erdwärme genutzt

Erdsonden und Wärmepumpen im Gebäudebereich

Im Alltag ist dies die häufigste Form der Geothermie. Eine Sonde wird vertikal in den Untergrund gebohrt. Darin zirkuliert eine Flüssigkeit, die Wärme aus dem Erdreich aufnimmt. Eine Sole-Wasser-Wärmepumpe hebt diese Temperatur auf ein nutzbares Niveau an, damit dein Haus beheizt und Warmwasser bereitgestellt werden kann.

Das funktioniert besonders gut in gut gedämmten Gebäuden mit niedrigen Vorlauftemperaturen, etwa mit Bodenheizung oder gross dimensionierten Heizflächen. Genau deshalb ist bei einer Sanierung meist zuerst die Gebäudehülle entscheidend. Wenn Dach, Fenster und Fassade viel Wärme verlieren, muss die Wärmepumpe grösser ausgelegt werden, was die Investitionskosten erhöht und die Effizienz verschlechtern kann.

Wärmepumpensysteme arbeiten dann besonders wirtschaftlich und klimafreundlich, wenn sie sorgfältig dimensioniert und auf den tatsächlichen Wärmebedarf abgestimmt sind. Für Familien ist das ein zentraler Punkt: Nicht die grösstmögliche Anlage ist die beste, sondern die passend geplante.

Viele Anlagen können im Sommer auch zur Kühlung genutzt werden. Dabei wird dem Gebäude Wärme entzogen und in den Untergrund abgegeben. Das kann den Wohnkomfort verbessern, sollte aber fachgerecht geplant werden, damit Erdreich und System langfristig im Gleichgewicht bleiben.

Tiefe Geothermie für Wärmeverbünde

Bei der tiefen Geothermie geht es um grössere Projekte für Quartiere, Siedlungen oder ganze Gemeinden. Erschlossen werden tiefer liegende, wärmere Gesteinsschichten oder Thermalwasservorkommen. Die gewonnene Energie wird dann nicht für ein einzelnes Haus genutzt, sondern in Wärmeverbünde oder Fernwärmenetze eingespeist.

Das ist vor allem dort interessant, wo viele Gebäude nahe beieinander liegen und gemeinsam versorgt werden können, etwa in Städten oder Entwicklungsgebieten. Hier liegt ein relevantes Potenzial für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung. Für private Haushalte wird tiefe Geothermie deshalb eher indirekt wichtig: nicht über eine eigene Bohrung im Garten, sondern über den Anschluss an ein lokales Wärmenetz.

Geothermie zur Stromproduktion – Chancen und Hürden

Strom aus Erdwärme klingt besonders attraktiv, weil er unabhängig von Tageszeit, Wetter und Jahreszeit erzeugt werden könnte. Technisch braucht es dafür aber deutlich höhere Temperaturen in grösserer Tiefe oder geeignete hydrothermale Reservoirs. Solche Projekte sind komplex, teuer und geologisch anspruchsvoll.

Hinzu kommen Risiken, die seriös geprüft und überwacht werden müssen. Dazu gehören mögliche induzierte Seismizität, also spürbare Erschütterungen infolge von Eingriffen in den Untergrund, sowie die Frage, ob in der Tiefe tatsächlich genug nutzbare Wärme oder wasserführende Strukturen vorhanden sind. 

Für die nahe Zukunft bleibt Geothermiestrom in der Schweiz deshalb eine Chance mit Perspektive, aber keine Lösung, auf die du als Haushalt kurzfristig setzen solltest. Im Gebäudebereich ist die direkte Nutzung von Erdwärme für Wärme klar relevanter.

Welche Vorteile Geothermie gegenüber anderen Erneuerbaren hat

Geothermie hat einige Eigenschaften, die sie im Energiesystem besonders wertvoll machen. Erstens ist sie witterungsunabhängig. Während Solaranlagen vor allem tagsüber und im Winter eingeschränkt produzieren, steht Erdwärme grundsätzlich konstant zur Verfügung. Zweitens ist sie grundlastnah nutzbar, vor allem in grösseren Wärmenetzen. Drittens ermöglicht sie lokale Wärmeversorgung ohne Brennstofftransporte.

Ausserdem ist der praktische Alltag ein Vorteil: Du musst weder Heizöl lagern noch Holz organisieren. Moderne Wärmepumpensysteme arbeiten weitgehend automatisch. Wenn das System gut geplant ist, sind Betrieb und Wartung überschaubar. Dazu kommt, dass im Betrieb vor Ort keine Luftschadstoffe entstehen.

Ökologisch ist die Bilanz vor allem dann stark, wenn der Strom für die Wärmepumpe aus einem emissionsarmen Mix stammt oder mit einer Photovoltaikanlage kombiniert wird. Das Umweltbundesamt Deutschland und das Bundesamt für Energie ordnen Wärmepumpen 2024 als zentrale Technologie für klimafreundliche Gebäude ein, sofern Planung, Gebäudestandard und Strommix zusammenpassen. Ein verbreitetes Missverständnis ist deshalb, Geothermie sei automatisch und unter allen Bedingungen «CO₂-neutral». Präziser ist: Sie kann sehr emissionsarm sein, aber die tatsächliche Bilanz hängt vom Strombedarf, der Bauphase und der Systemauslegung ab.

Wo die Grenzen liegen

So überzeugend Geothermie sein kann: Sie ist nicht überall die beste Lösung. Ein wichtiger Punkt sind die Bohrkosten. Gerade bei Erdsonden machen Erschliessung und Installation einen grossen Teil der Anfangsinvestition aus. Je nach Untergrund, Platzverhältnissen und Bewilligungslage können die Kosten deutlich variieren.

Hinzu kommt, dass Bohrungen bewilligungspflichtig sind. In Grundwasserschutzzonen oder bei ungünstigen geologischen Verhältnissen sind Einschränkungen möglich. Das kann frustrierend sein, besonders wenn du bereits mit einer bestimmten Heizlösung gerechnet hast. Umso wichtiger ist eine frühe Abklärung mit Fachplaner:in, Bohrunternehmen und Gemeinde oder Kanton.

Bei tiefen Geothermieprojekten kommt das sogenannte Fündigkeitsrisiko dazu. Das bedeutet: Trotz aufwendiger Voruntersuchungen ist nie mit letzter Sicherheit garantiert, dass der Untergrund die erhoffte Fördermenge oder Temperatur liefert. Auch die Thematik Seismik verlangt Vorsicht und klare Sicherheitskonzepte. 

Ein weiterer realistischer Grenzpunkt: Die aktuelle Bedeutung für die Stromversorgung ist klein. Wer von Geothermie spricht, meint in der Schweiz heute meist Wärme – nicht Strom.

Geothermie: Kosten, Wirtschaftlichkeit und Planung fürs Eigenheim

Für ein Einfamilienhaus können die Gesamtkosten für Erdsonde, Bohrung, Wärmepumpe und Installation hoch sein. Je nach Projektumfang, Region und baulichen Voraussetzungen sind grobe Grössenordnungen bis etwa 70'000 Franken möglich, in Einzelfällen auch mehr oder weniger. Eine pauschale Zahl hilft dir deshalb nur begrenzt weiter. Entscheidend ist immer die Auslegung für dein konkretes Gebäude.

Wirtschaftlich sinnvoll wird das System vor allem dann, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: ein gut gedämmtes Haus, niedrige Systemtemperaturen, eine sorgfältige Planung und Förderbeiträge. Die Effizienz von Wärmepumpen hängt stark mit der Temperaturdifferenz zusammen. Vereinfacht heisst das: Je weniger stark die Wärmepumpe «hochheizen» muss, desto günstiger und effizienter läuft sie.

Wenn du sanierst, lohnt es sich daher oft, zuerst den Wärmebedarf zu senken. Dazu gehören etwa bessere Dämmung, neue Fenster oder die Optimierung des Heizsystems. Diese Reihenfolge ist nicht nur energetisch sinnvoll, sondern schützt auch vor einer zu gross dimensionierten und unnötig teuren Anlage.

Die Lebensdauer bleibt ein wichtiges Argument: Erdsonden können sehr lange nutzbar sein, während die Wärmepumpe selbst typischerweise früher ersetzt werden muss. Förderprogramme von Kantonen und Gemeinden können die Anfangskosten spürbar reduzieren. Wie hoch die Unterstützung ausfällt, hängt vom Standort und vom konkreten Projekt ab. Wenn du rechnest, solltest du nicht nur den Kaufpreis, sondern die Gesamtkosten über viele Jahre vergleichen: Investition, Stromverbrauch, Wartung, mögliche Ersatzteile und den Wegfall fossiler Brennstoffe.

Warum Geothermie trotzdem ins Cluster gehört

Manchmal wird die Diskussion unnötig zugespitzt: entweder Wärmepumpe oder Solarenergie, entweder Geothermie oder Fernwärme. In der Praxis funktioniert die Energiewende aber als Zusammenspiel. Genau deshalb gehört Geothermie in ein Cluster erneuerbarer Lösungen.

Im Wärmesektor kann sie einen besonders wertvollen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten. Sie ergänzt Photovoltaik, Effizienzmaßnahmen, Fernwärme, Holzenergie und andere erneuerbare Technologien. Für einzelne Gebäude kann die Kombination aus Erdsonde und Solaranlage sinnvoll sein, weil sie den Strombedarf der Wärmepumpe teilweise abdeckt. In dichter bebauten Gebieten können Wärmeverbünde mit tiefer Geothermie eine starke Option sein. 

Für dich bedeutet das vor allem: Du musst nicht nach der einen perfekten Lösung suchen. Besser ist die Frage, welche Kombination für dein Haus, dein Budget und deinen Standort langfristig sinnvoll ist.

Worauf du vor einer Entscheidung achten solltest

Wenn du über Geothermie fürs Eigenheim nachdenkst, helfen dir ein paar klare Schritte weiter. Erstens: Prüfe den baulichen Zustand des Hauses und den tatsächlichen Wärmebedarf. Zweitens: Kläre früh ab, ob am Standort Bohrungen möglich und bewilligungsfähig sind. Drittens: Lass die Anlage von qualifizierten Fachpersonen planen, damit Bohrtiefe, Wärmepumpe und Wärmeverteilung zusammenpassen. Viertens: Vergleiche nicht nur Anschaffungskosten, sondern die Gesamtkosten über die Lebensdauer.

Besonders für Familien zählt neben der Klimabilanz oft auch der Alltag: Wie verlässlich ist das System? Wie laut ist es? Wie viel Platz braucht es? Wie hoch sind die laufenden Kosten? Genau hier schneiden Erdsondenlösungen häufig gut ab, wenn die Voraussetzungen stimmen. Sie sind leise, benötigen keinen Brennstofflagerraum und arbeiten sehr komfortabel. Gleichzeitig brauchst du Geduld für Planung, Bewilligung und Umsetzung.

Unterm Strich gilt: Geothermie lohnt sich vor allem dort, wo sie zum Gebäude und zum Standort passt. Sie ist kein Schnellschuss, sondern eine langfristige Infrastrukturentscheidung. Wenn du sie gut planst, kann sie dein Zuhause über viele Jahre zuverlässig, emissionsarm und vergleichsweise stabil mit Wärme versorgen.

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