Moderne Landwirtschaft treibt Schweizer Bauern in den Suizid

Der Druck auf Schweizer Landwirte nimmt zu. Bürokratie und Preisdruck bringen viele von ihnen an den Rand ihrer Möglichkeiten. Mittlerweile sehen immer mehr verzweifelte Bauern nur noch einen letzten Ausweg: Suizid. Doch was muss sich ändern, um den Trend aufzuhalten?

Moderne Landwirtschaft treibt Schweizer Bauern in den Suizid
Foto: © valio84sl / iStock / Thinkstock
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Urige Bauernhof-Idylle mit glücklichen Tieren und noch glücklicheren Bauern – für die meisten Landwirte war das einmal. Zwar hatten sie schon immer viel zu tun, doch zusätzlich zur normalen bäuerlichen Arbeit gilt es inzwischen unzählige Regeln zu beachten, die Bund, Grossverteiler und Label-Organisationen vorschreiben. Gleichzeitig verdienen viele Landwirte so wenig, dass sie nur dank Nebenverdiensten über die Runden kommen, wie die Zahlen von Agroscope zeigen.

Die hohe Arbeitsbelastung führt dazu, dass die Zahl der Bauern mit psychischen Problemen immer weiter zunimmt. Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes, zeigt sich gegenüber dem Blick alarmiert: «Vielen Landwirten geht die Luft aus. Wir stellen eine Häufung von Suiziden fest.» Ein grosses Problem dabei ist, dass die Betroffenen ihre Schwierigkeiten verschweigen – bis es zu spät ist.

Nur wenige Bauern suchen Hilfe bei psychischen Problemen

Auf Bauernhöfen wird nicht selten still gelitten. «In der Schweiz sind der Individualismus und die Idee, dass jeder ganz allein mit seinen Problemen klarkommen soll, stark verbreitet», erklärt etwa der Suizidforscher Dr. Vladeta Ajdacic gegenüber dem Beobachter.

Das trifft auch auf Landwirte zu, wie Soja Imoberdorf von der Berner Fachhochschule im Blick feststellt: «Bauern sind es gewohnt, sich selbst zu helfen oder in der Familie um Rat zu fragen. Externe Hilfe wird meist erst geholt, wenn es schon fast zu spät ist.»

Externe Hilfe, das wären beispielsweise Sorgentelefone. Neben der dargebotenen Hand (Tel. 143) stehen betroffenen Bauern und ihren Angehörigen auch das bäuerliche Sorgentelefon sowie die Beratungs- und Hilfsangebote einzelner Bauernverbände zur Verfügung.

Im Kanton Waadt wurde nach einer Suizid-Serie gar ein Pfarrer als Seelsorger für die Landwirte eingestellt. Wie wichtig seine Aufgabe ist, beschreibt der Bauernpfarrer Pierre-André Schütz gegenüber der Zeit: «Die Verzweiflung auf dem Land wird völlig unterschätzt. Wenn wir nicht helfen, dann sterben Menschen.»

Wer bei Schweizer Bauern kauft, kann sie unterstützen

Neben der Bürokratie macht den Bauern der Preisdruck wegen vermehrter günstiger Importe aus dem Ausland zu schaffen. Durch diese Globalisierung sinken in der Folge die Einkommen der Schweizer Landwirte. Und der Druck nimmt immer weiter zu, je mehr billige Importprodukte über die Ladentheke gehen.

Um die Schweizer Landwirte zu fördern, kann es deshalb zumindest etwas helfen, im Supermarkt auf lokal produzierte Lebensmittel zu setzen. Direkt im Hofladen greifen Sie vielleicht noch etwas günstiger zu, weil hier die Marge für die Zwischenhändler wegfällt. In jedem Fall kommt hier dem Bauern das Geld direkt zugute.

Doch es müssen noch weitere Lösungen her. Denn sonst wird sich die Situation für die Bauern immer weiter zuspitzen. Schon jetzt verdienen viele von ihnen zu wenig, um davon leben zu können.

Löhne in der Landwirtschaft liegen deutlich unter dem Durchschnitt

Laut einer Statistik vom Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, verdienten Vollzeit-Landwirte 2015 durchschnittlich 44'600 Franken. Dagegen lag das Einkommen des Durchschnittsschweizers im Jahr 2013 gemäss BAK-WWZ-Verteilungsmonitor bei knapp 58'000 Franken.

Insgesamt sank das Durchschnitts-Einkommen der bäuerlichen Betriebe im Vergleich zum Vorjahr um 6.1 Prozent auf 61'400 Franken. Zu den Hauptgründen, warum Schweizer Landwirte weniger Geld einnehmen konnten, zählen neben Ernteeinbussen die tiefen Preise für Milch und Schweinefleisch.

Gleichzeitig stieg das ausserbetriebliche Einkommen, das Bauernfamilien im Nebenerwerb verdienen, um 3.4 Prozent auf 29'900 Franken.

Text: Anja Stettin