Karl Schefer: «Immer mehr Unternehmen betreiben Greenwashing!»

Karl Schefer ist Gründer und Geschäftsführer von Delinat, einem biologischen Weinhandel. Im Interview mit nachhaltigleben.ch spricht er über Greenwashing und darüber, wie Konsumenten erkennen können, ob Bio nur draufsteht oder auch wirklich drin ist.

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Karl Schefer ist Geschäftsführer von Delinat, einem biologischen Weinhandel, Foto: privat.
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Die Idee zum Bio-Weinhandel kam ihm bei einem Aufenthalt in Paris: «Als ich da Wein aus biologischem Anbau gesehen hatte, war ich begeistert», erklärt Karl Schefer. Da sich der ausgebildete Chemielaborant in der Chemie-Branche fehl am Platz fühlte, war die Gründung eines Weinhandels mit Bioweinen in der Schweiz bald mehr als nur eine Idee. Nur ein Jahr nach seiner Pariser Reise gründete Schefer mit seiner Frau und seinem Bruder 1980 den Bio-Weinhandel Delinat. Der Start erwies sich als harzig. Es gab keinen Markt, keine ähnlichen Produkte oder Konzepte zum Vergleich und die Behörden in der Schweiz liessen als Bezeichnung weder «Bio», noch «natürlich» oder «Natur» in Zusammenhang mit einem Weinhandel zu. Doch der Erfolg liess nicht lange auf sich warten und die Nachfrage nach dem Wein aus biologischem Anbau stieg in den folgenden Jahren rasant an. Viele Vorteile sprechen nach Schefer für seine Bioweine: «Trauben aus biologischem Anbau schmecken besser. Sie sind gehaltvoller, aromatischer und reicher an Vitalstoffen. Logisch, dass mit dieser Basis bessere Weine entstehen. Ausserdem besteht nicht die Gefahr von gesundheitsschädigenden Pestiziden.»

Für eine gute Bio-Qualität sorgt Delinat mit eigenen Richtlinien, welche noch strenger sind als die EU-Norm für biologischen Weinbau. Weingüter, welche den hohen Anforderungen von Delinat entsprechen, tragen das Delinat-Bio-Siegel (eine stilisierte Weinbergschnecke). Die zertifizierten Weingüter werden mehrmals im Jahr kontrolliert. Zur Förderung des biologischen Weinbaus gründete Schefer zudem die gemeinnützige Stiftung Delinat-Institut. Dessen Labor erforscht Methoden und Praktiken für einen ökologischen und wirtschaftlich nachhaltigen Bioweinbau.

Im Interview mit nachhaltigleben.ch spricht Schefer über Greenwashing, wobei Unternehmen Nachhaltigkeit nicht leben und nur zu Marketingzwecken nutzen. Und darüber, dass es wohl eine Katastrophe braucht, um die Massen zum Umdenken zu bewegen.

Herr Schefer, wie stark hat die in den letzten Jahren zunehmende Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit Ihr Leben verändert?

So gut wie gar nicht – wir leben schon seit drei Jahrzehnten sehr bewusst und Nachhaltigkeit ist eine Kernkompetenz von unserer Firma Delinat. Da ist es selbstverständlich, dass Erkenntnisse aus der Firma auch das private Leben beeinflussen.

Die zunehmende Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Öffentlichkeit beobachte ich persönlich mit gemischten Gefühlen. Es ist leider viel Greenwashing mit im Spiel, so dass es immer schwieriger wird, die echte von der scheinbaren Nachhaltigkeit unterscheiden zu können. Das spüren die Menschen und reagieren mit Misstrauen, was der Bewegung nicht förderlich ist.

Was motiviert Sie, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen?

Die Liebe zur Natur. Wenn es keine intakten Wälder, Bergseen und keine Wildnis mit wilden Tieren mehr gäbe, wäre das Leben nur schwer zu ertragen.

Wie verhält sich Ihre Familie, wenn es um Nachhaltigkeit geht? Gibt es diesbezüglich Diskussionen am Familientisch?

Ja, unsere beiden Kinder (17 und 26 Jahre alt) würden manchmal gern das Flugzeug der Eisenbahn vorziehen. Da helfen Ökobilanz-Vergleiche nur bedingt. Oder wenn es um ein neues Handy oder Kleider geht, obwohl das Vorhandene eigentlich noch tauglich wäre. Die Einsicht ist aber schlussendlich meistens da und wir sind ja auch längst nicht immer konsequent.

Für welche persönliche Öko-Sünde schämen Sie sich am meisten? Und warum begehen Sie diese trotzdem?

Die Temperatur im Haus ist in der Heizperiode auf 22 Grad eingestellt, obwohl es 18 Grad eigentlich auch tun müssten. Das haben meine Frau und ich bei allem guten Willen aber nie geschafft.

Angenommen, eine nachhaltigere Gesellschaft wäre nur mit persönlichem Verzicht machbar. Auf was würden Sie verzichten?

Es gibt wenig, auf was wir nicht verzichten könnten. Ich bin aber nicht der Meinung, dass es darauf so sehr ankommt. Ich plädiere mehr für Vernunft und Mass und intelligente Nutzung der Möglichkeiten. Ein Beispiel: Wir bauen soeben eine 500 kW-Solaranlage auf dem Dach unserer Lagerhalle. Wir werden somit den Strom für alle Büros, Lagerhallen und Weindepots aus eigener Produktion abdecken. Privat haben wir einen Opel Ampera bestellt. Wir werden künftig mit Null-Emission Auto fahren. Das ist nicht persönlicher Verzicht, aber Konsumverzicht, Verzicht auf das Plündern von Ressourcen.

Was für ein nachhaltiges Produkt oder welche nachhaltige Dienstleistung würden Sie sich wünschen?

Speicherbatterien für den Haushalt, so dass selbst produzierter Strom nicht ins Netz gespeist werden muss, sondern gleich vor Ort gespeichert und verbraucht werden kann.

Was wäre Ihr dringendster Wunsch an die Politik zur Förderung einer nachhaltigeren Gesellschaft?

Aus meiner Sicht gibt es nichts Wirksameres als das Verbraucherprinzip: Wenn fossile Brennstoffe genügend hoch besteuert würden, Atomstrom mit allen Sekundärkosten belastet wäre und umweltschädliche Technologien für ihre Schäden aufkommen müssten, dann würden sich alle Umweltprobleme wie von selbst lösen. Ich kann nicht verstehen, warum es keine Politiker schaffen, diese einfachen Zusammenhänge populär zu machen und in die Tat umzusetzen. Es ist wohl die Schwäche der Demokratie, die mutige Schritte verunmöglicht. Kaum wären solche Gedanken ausgesprochen, schon wären die Köpfe abgewählt.

Was planen Sie persönlich in den nächsten 2 Jahren, um eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen?

Unseren Prinzipien treu zu bleiben und unsere erfolgreichen Konzepte und Strategien weiterhin konsequent umzusetzen.

Worin sehen Sie in den kommenden Jahren die grössten Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung?

Das Bewusstsein der Menschen für die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Themas zu wecken. Ich befürchte, dass es Katastrophen brauchen wird, um die Masse aufzuwecken.

Nachhaltige Lösungen haben oft ästhetische Beeinträchtigungen zur Folge, wie zum Beispiel Solarzellen im historischen Stadtbild. Wo sollte man die Grenze ziehen?.

Es ist völlig unsinnig, schöne Altstadthäuser mit Photovoltaik auszurüsten. Eine einzige moderne grosse Scheune hat mehr produktive Dachfläche als eine Kleinstadt und bietet alle Voraussetzungen für eine einfache und wirtschaftliche Installation. Es lohnt sich einfach nicht, die schönen kleinen Altstadthäuser damit zu belasten. Schon der technische Aufwand für ein paar Quadratmeter ist enorm, ganz zu schweigen von der Überzeugungsarbeit in der Bevölkerung.

Wem würden Sie selbst die letzten 11 Fragen gern stellen? Und warum?

Unseren Kundinnen und Kunden, weil mich ihre Antworten interessieren und ich gerne abweichende Meinungen diskutieren würde. Und weil wir bei Delinat alle wichtigen Themen mit unseren Kunden diskutieren.

 

Quellen: delinat.com, Interview: Lea Schwer

 

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