Spitzen Openair: «Nachhaltigkeit gehört auch in den Unterhaltungssektor»

Das «Spitzen Openair» ist nicht bloss eines der vielen Festivals in der kleinen, aber feinen Schweizer Musiklandschaft: Das Openair verschreibt sich gänzlich der Nachhaltigkeit und empfängt jedes Jahr mehrere Hundert Besucher – und dies ganz ohne Werbesponsoren. Gründer und Bio-Bauer Florian Buchwalder verrät im Interview sein nachhaltiges Erfolgsrezept.

Ein naturnahes Festival: Spitzen Openair.
Das Spitzen Openair auf dem Baselbieter Bio-Hof Spitzenbühl soll die Musikfans der Natur nahe bringen. Foto: privat
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Grossanlässe mit internationalen Gästen, kleine Festivals mit Quartierbands, kultige Openairs in der Natur und charmante Festspiele, welche ganze Städte einnehmen – die Schweizer Festivalsaison hat für jeden Geschmack etwas zu bieten. So sehr wie sich die Events bei Musikbegeisterten an Beliebtheit erfreuen, sind sie auch richtige Stromfresser, die zudem Unmengen an Abfall produzieren.

«Das geht auch anders», dachte sich der Baselbieter Bio-Bauer Florian Buchwalder vor zehn Jahren. Mit dem «Spitzen Openair» auf seinem Bio-Hof Spitzenbühl in der Gemeinde Liesberg startete er ein Projekt, mit dem er seine Leidenschaften Musik, Nachhaltigkeit und Bio-Landwirtschaft, bis heute gekonnt verbindet. Aus dem Geheimtipp für Musikfans und Umweltbewusste ist mit den Jahren ein weit über die Regionsgrenzen beliebtes Musikfest geworden. Am Konzept der Regionalität wurde dennoch erfolgreich festgehalten. «Nicht zuletzt dank meines sturen Kopfes», erzählt der junge Landwirt lachend im Interview mit nachhaltigleben.

Herr Buchwalder, wie enstand das «Spitzen Openair»?

Ich bin selber Bauer auf unserem Bio-Hof, wo meine Frau, unsere Mitarbeiter und ich eigene Produkte herstellen und versuchen, uns von kommerziellen Marktriesen abzuwenden. Somit waren das passende Gelände und die Ideologie für ein nachhaltiges Openair gegeben. Dazu kam noch, dass ich selber in verschiedenen Bands gespielt habe und regionalen Musikern eine angemessene Bühne geben wollte. Mit einigen Freunden und engagierten HelferInnen gingen die ersten «Spitzen Openair»-Ausgaben über die Bühne. Mittlerweile haben wir den Verein Spitzenopenair gegründet.

Erfrischungsgetränke und Spirituosen: Alles BIo!

Am Spitzen Openair werden Bio-Getränke ausgeschenkt - zum Beispiel Bio-Bier aus der Region. Foto: privat

Ein Openair ist in der Regel Energiefresser und Abfallproduzent. Wie schafft es das Spitzen Openair, schonend mit Ressourcen umzugehen? 

Vollständig CO2-neutral sind wir nicht, eine möglichst tiefe Öko-Bilanz ist uns aber sehr wichtig. Zum Beispiel im kulinarischen Angebot: rund 60 Prozent der Speisen für unsere Essensstände, also Wurst, Käse und Brot, sowie Fruchtsäfte und Spirituosen kommen direkt vom Hof – somit entfallen lange Transportwege. Was wir an Zutaten nicht selbst produzieren, zum Beispiel das Müesli für das Openair-Frühstück beziehen wir bei der Bio-Farm in Kleindietwil, andere Produkte wie Gemüse,Eier oder etwa das Spanferkel für das Spezialmenü von Biobauern aus der Region. Die Bio-Speisen kommen inzwischen super an. Für viele Festivalbesucher ist das Essen eine der Hauptmotivationen, jedes Jahr wieder zum Spitzen Openair zu wandern! Inzwischen arbeiten wir mit wiederverwertbarem Geschirr, das mit einem Depot belegt ist. So entsteht wenig Abfall.

Wie steht es mit den Transportmitteln zum Festivalgelände? Sind diese auch nachhaltig?

Wir motivieren unsere Besucher, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Liesberg zu reisen, um dann von dort aus zu Fuss zum Spitzenbühl zu wandern. Natürlich stossen wir damit nicht immer auf Zuspruch. Deshalb gibt es auch einen Shuttlebus-Service, der zum Gelände hochfährt. Diesen Dienst übernimmt eine Transportfirma aus dem Dorf. Die Zufahrt zum Spitzenbühl ist nur für den Shuttlebus und für Lieferdienste gedacht. Wir halten das Gelände bewusst autofrei.

Inwiefern ist die Planung eines «grünen» Openairs anspruchsvoller als die eines gewöhnlichen Musikfestivals?

Im Organisationsteam braucht es einfach einen «harten Grind» - ohne meine Sturheit hätte ich meine Vision eines nachhaltigen Festivals wahrscheinlich nicht durchbringen können. Sobald eine Schwierigkeit auftaucht, will man in der Regel den schnellstmöglichen, einfachsten Weg einschlagen – ich hingegen möchte immer mit einer nachhaltigen Alternative aufkommen und den Rest des Teams auch noch überzeugen (lacht). Klar, die Organisation an sich ist bestimmt anspruchsvoller. Zum Beispiel schafften wir im vergangenen Jahr mit grosser Müh und Arbeit eine Solarzelle auf den Hügel, damit Auf- und Abbau mit erneuerbarer Energie verrichtet werden können. Im Nachhinein bin ich aber immer froh, haben wir etwa ein genau durchdachtes Abfallkonzept oder keine langen Transportrückwege. Das erspart viel Arbeit.

Genugtuung spielt bestimmt auch eine Rolle.

Natürlich, klar! Ich habe einen ganz direkten Bezug zum Boden, auf dem das Openair stattfindet. Seit acht Jahren gehört der Hof mir, zuvor hat er meinen Eltern gehört. Ich bin da aufgewachsen. Es macht mich sehr stolz, auf diesem Stück Land so etwas wie das Spitzen Openair geschaffen zu haben. Besonders dessen Entwicklung ist erfreulich: Mittlerweile kommen jedes Jahr etwa 500 Leute ans Openair. In einer ausgelassenen und naturnahen Atmosphäre bringen wir ihnen sowohl die Musik als auch unsere nachhaltige Denkweise näher.

Das Essenszeit am Spitzen Openair.

Spitzen Openair: Ein Bio-Speisezelt im Grünen. Foto: privat

Welche Kriterien werden bei der Programm-Zusammenstellung beachtet? Dürfen nur nachhaltige Bands am Spitzen Openair auftreten? 

Nun, schwierig zu definieren was Nachhaltigkeit für Bands überhaupt bedeutet. Wichtig ist uns aber, dass der Fokus auf Bands aus der Region liegt. Wir hatten zwar auch schon internationale Künstler bei uns, wir setzen den Schwerpunkt aber bewusst nicht darauf. In erster Linie natürlich aus budgettechnischen Gründen, aber auch, weil wir lokalen Bands eine Auftrittsmöglichkeit geben möchten. Für uns ist das eine Art von «kultureller Nachhaltigkeit». Bands, die in den letzten zehn Jahren hier einen ihrer ersten Auftritte haben, sind heute europaweit bekannt. So zum Beispiel die Laufentaler Grunge-Rockband Navel, die inzwischen sogar schon in den USA getourt hat.

Das Bandbudget könnten Sie aber effektiv durch die Positionierung von Werbung erhöhen.

Könnten wir, klar, das liegt unserer Philosophie aber fern. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, Werbepartnerschaften einzugehen. So können wir auf die das Naturbild störenden Werbebanner verzichten und unseren schönen Flyern werden keine unpassenden Logos aufgedrückt. Wegen dieser Entscheidungen können wir keine schwindelnd hohen Gagen vergeben – gratis musste bei uns aber noch niemand spielen. Das wäre nämlich auch nicht nachhaltig. Seit rund 3 Jahren werden wir jedoch durch Gönner finanziell unterstützt. Dies sind zum Teil Firmen aber auch Private, welche immerhin auf dem Web-Auftritt erwähnt werden und jeweils als kleines Dankeschön zu einem reichhaltigen Apéro ans Festival eingeladen werden.

Spitzen Openair by night: Keine Überbeleuchtung!

Auch nachts ist die Stimmung am Spitzen Openair traumhaft: Die Organisatoren beleuchten bewusst nur das Mindeste. Foto: privat

Ist es immer möglich, mit Ihrer nachhaltigen Linie gewissen Ansprüchen der Künstler gerecht zu werden? 

Viele Bands bringen ihre eigenen Ton- und Lichttechniker mit. Diese möchten natürlich immer ihr Bestes zeigen und lassen sich selten gleich davon überzeugen, dass wir viel mehr Wert auf einen schonenden Stromverbrauch als auf eine imposante Lichtshow setzen. Aber da wir bei der Gage schon knauserig sein müssen, sind wir was Equipment und Technik betrifft eher nachsichtig. Besonders, seit die LED-Technik geschliffener ist. Dank der LED-Lampen sparten wir bei der vergangenen Ausgabe bis zu 30 Prozent Energie.

«Green Events» wie das Spitzen Openair sind heute noch eine Seltenheit. Was muss passieren, damit sie alltagstauglicher werden?

Was die Veranstalter von Riesenevents daran hindert, nachhaltiger zu handeln, sind bestimmt Preis und Aufwand. Das sind kommerzielle Veranstaltungen, die ihr Tun mehr nach dem Profit ausrichten. Nachhaltigkeit hat da leider nach wie vor zu wenig Platz.
Die Besucher hingegen müssen weiterhin stark sensibilisiert werden. Viele rümpfen die Nase, wenn wir kommunizieren, dass am Spitzen Openair nur Bio-Gerichte serviert und Bio-Getränke ausgeschenkt werden. Wenn sie aber merken, dass Bio-Käse super fein ist oder dass Bio-Bier der lokalen Brauerei würziger ist als das der holländischen Riesen, kommen sie gerne zu uns. Die Gesellschaft muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass für gewöhnlich an Festivals nur Schrott gegessen wird und dass die Openairs nur auf grünem Boden stattfinden können, weil sich das ganze Jahr über jemand um das Land kümmert. Nachhaltigkeit soll unbedingt auch im Freizeit- und Unterhaltungsbereich die Norm sein!

 

Florian Buchwalder (38), Bio-Bauer.

Florian Buchwalder (38) ist verheiratet und Vater eines kleinen Jungen (1,5 Jahre). Der gelernte Meisterlandwirt ist Bauer auf seinem Bio-Hof Spitzenbühl im Kanton Baselland. Auf dem Hof leben behornte Kühe, Rinder und Kälber, mit deren Milch zunehmend eigenverarbeitete Produkte hergestellt werden. Am Wochenmarkt in Laufen verkaufen Buchwalder und seine Frau wöchentlich Käse, Fleisch- und Obstprodukte. Diese werden auch an Gastronomiebetriebe in der Region verkauft. Buchwalder ist Vorstandsmitglied der Schweizer Bauernorganisation «Uniterre» und wird demnächst den Posten als Präsident der «Uniterre Nordostschweiz» übernehmen. Bei Uniterre setzt er sich für die Förderung der Vertragslandwirtschaft und für die Durchsetzung der Ernährungssouveränität in der Ernährungs- und Agrarpolitik ein. Das Spitzen Openair, das er mit viel Herzblut entwickelt hat, findet auch dieses Jahr Mitte August auf dem Spitzenbühl statt. (Foto: privat)

 

 

Interview und Text: Sabrina Stallone - Februar 2012