Kokosblütenzucker: So gesund ist der Zucker wirklich?

Kokosblütenzucker soll gesünder sein als unser normaler Haushaltszucker und für Diabetiker geeignet sein. Das vergleichsweise neue Süssungsmittel wird richtig gehypt. Doch: Was ist dran an der Zuckeralternative?

Kokosblütenzucker: so gesund ist er wirklich
Kokosblütenzucker soll gesünder sein als viele andere Zuckerarten. Foto: © seramo/ iStock / Getty Images Plus
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In Asien seit Ewigkeiten das natürliche Süssungsmittel Nummer eins, mausert sich der Kokosblütenzucker bei uns langsam zum Trend. Im Handel wird er auch als Kokospalmenzucker oder Kokoszucker verkauft. Ein neues, vergleichsweise sehr teures Produkt, das als Superfood gilt und gut für die Gesundheit sein soll. Doch ganz so blauäugig sollten Kunden den Zucker mit der besonderen Note nicht im nächsten Rezept verwenden.

Kokosblütenzucker: Vielseitige Alternative mit Geschmack

Normaler Zucker ist einfach nur süss. Kokosblütenzucker dagegen hat eine feine, an Karamell und Vanille erinnernde Note, die gesüssten Speisen einen besonderen Geschmack verleiht.

Zudem ist Kokosblütenzucker ein Zuckerersatz der unseren Haushaltszucker beim Backen, in Getränken und vielen Rezepten für Desserts ersetzen kann.

Wie gesund ist Kokosblütenzucker tatsächlich?

Kokosblütenzucker wird als gesünder als der raffinierte Zucker aus heimischen Rüben beschrieben. Der Hauptgrund: Kokoszucker habe einen niedrigeren glykämischen Index.

Dieser Index, kurz GI genannt, gibt an, inwieweit kohlenhydratreiche Lebensmittel unseren Blutzuckerspiegel ansteigen lassen. Je höher der Wert, desto mehr Zucker haben wir im Blut, bekommen so schneller wieder Hunger oder gar Heisshungerattacken. Ist er dauerhaft hoch, dann warnen Mediziner vor Diabetes und Übergewicht als Folge.

Traubenzucker, wie Glukose umgangssprachlich genannt wird, hat den höchsten glykämischen Index von 100. Normaler Zucker hat einen Wert von 60. Kokoszucker soll mit 35 einen vergleichbar niedrigen Index haben und wird daher als gesund präsentiert.

2 Studien, 2 Ergebnisse zum GI von Kokosblütenzucker

Der Wert des Kokosblütenzuckers mit einem GI von 35 wird viel zitiert. Tatsächlich wurde dieser Wert in einer Studie mit lediglich 10 Probanden vom philippinischen Food and Nutrition Research Institute, kurz FNRI, ermittelt.

Gewusst? Die Philippinen sind eines der führenden Anbauländer von Kokospalmen und bei der Gewinnung von Kokosblütenzucker.

In dieser Studie wurde den Probanden erst Glukose, dann Kokosblütensirup – hat einen höheren glykämischen Index als der Kokoszucker – und anschliessend der Kokospalmenzucker gegeben. Nach jeder Einnahme wurde innerhalb von 2 Stunden mehrmals Blut abgenommen. Der GI war wie angegeben bei Kokosblütenzucker niedriger als bei Glukose. Dies wird vom FNRI als ein Hauptgrund für die positiven Gesundheitsaspekte des Kokosblütenzuckers genannt und von Herstellern wie Verkäufern zitiert.

Die Universität Sydney hat eine sehr umfangreiche Datenbank zu den Nährwerten von Lebensmitteln und deren glykämischem Index. 2014 hat das Institut ebenfalls mit Probanden den GI von Kokosblütenzucker getestet. Die australischen Forscher kamen auf einen Messwert von 54. Ein Wert, der nur knapp unter dem von als ungesund bezeichnetem Rübenzucker liegt.

Letztlich bestehen beide Süssungsmittel nahezu komplett aus Glukose und Fruktose. Beim Kokoszucker wird nur gerne so genannte Sukrose als dritte Komponente angegeben. Sukrose ist allerdings nichts anderes als Glukose und Fruktose.

Ein Umstand, der erklärt, dass der Kaloriengehalt von etwa 400 Kilokalorien auf 100 Gramm bei Zucker und 384 Kcal bei dem Kokosblütenzucker nahezu gleich ist. und somit für unserer Gesundheit keinen Unterschied macht.

Gepriesene Gesundheitsaspekte in der Kritik

Diabetiker sollen weitestgehend auf jede Form von Zucker verzichten, so der ärztliche Rat. Dies scheint auch für Kokoszucker zu gelten, auch wenn Händler diesen für Diabetiker als Zuckeralternative empfehlen.

Aufgrund fehlender, grösserer Untersuchungen, gibt es von Verbraucherschützern Kritik. Ökotest beispielsweise bemängelt die in der Bewerbung des Zuckers oft genannten Gesundheitsversprechen ebenso, wie das deutsche Verbraucherportal Lebensmittelklarheit.de. Die meist als «umfangreiche philippinische Studie» zitierte Untersuchung mit 10 Probanden ist den Fachleuten eindeutig zu wenig. Letztere sehen die Bewerbung als eine für Diabetiker geeignete Zuckeralternative als unverantwortlich an. Laut EU-Recht, welches die Schweiz in ihrer Bedeutung übernommen hat, ist die Werbung mit den gesundheitsbezogenen Effekten von Lebensmitteln nur dann erlaubt, wenn diese eindeutig belegt sind. Doch, im Falle von Kokosblütenzucker, ist diese Eindeutigkeit mehr als fraglich und sei laut Lebensmittelklarheit verboten.

Kokosblütenzucker doch nicht so Top für unsere Gesundheit

Das Süsse Gold soll angeblich einen hohen Gehalt an Aminosäuren und Vitaminen bieten. Werden hier konkrete Zahlen genannt, dann gibt mancher Händler relativierend an: «Gehalt beim frisch gewonnenen Kokosblütennektar». Was später, im stundenlang über dem Holzfeuer kochenden Nektar enthalten ist, verrät kein Anbieter und belegt keine Studie. Im Falle des Vitamin C und der B-Vitamine weiss der gesundheitsbewusste Konsument, dass sie hitzeempfindlich sind.

Ein anderes Beispiel: Der Gehalt von Folsäure wird auf Kokosbluetenzucker.de angegeben mit 0,24 mg/100 g im unverarbeiteten Nektar. Andere Lebensmittel liefern hier entscheidend mehr. Von Pflaumen (2 mg/100g*) bis Erdbeeren (65 mg), Vollkornbrot (14 mg), Haferflocken (88 mg) oder Gemüse.

Vorsprung bei gesunden Mineralstoffen

Das FNRI untersuchte den Kokoszucker auch nach dem Gehalt an Mineralien. Wohl durch seine schonendere Verarbeitung enthält er Mineralstoffe wie Eisen, Kalzium, Spuren von Zink, Kalium und Ballaststoffe. Auch Spuren von Antioxidantien wie Flavonide seien enthalten.

Weisser Zucker enthält durch seine zahlreichen Verarbeitungsschritte keine gesunden Inhaltsstoffe mehr.

Kokosblütenzucker, Landraub und Urwaldzerstörung

Erst im Sommer 2017 kämpften mehrere Aktivistengruppen dafür, dass auf den Philippinen keine Familien von ihrem Land vertrieben werden und Urwälder den Kokospalmen-Plantagen zum Opfer fallen – teils mit Erfolg.

Leider wachsen Kokospalmen eben da, wo auch Regenwald prächtig gedeiht. Und dieser muss immer öfter weichen, mitsamt der dort lebenden Bevölkerung, dank dem Boom von Kokos und allen hieraus entstehenden Produkten

Bio & fair: Die Alternative

Wer dennoch nicht auf die Zucker-Alternative von der Palme verzichten möchte, sollte zum Backen, für die Süsse im Getränk oder für das nächste Dessert auf Bio-Kokosblütenzucker aus fairem Handel setzen.

Es gibt traditionell viele Kleinbauern, die kleine Kokosplantagen besitzen und Kokosprodukte herstellen, darunter Bio-Kokosblütenzucker. Auch für Inselstaaten wie Vanuatu oder Fidschi sind Produkte der Palme eine wichtige Einnahmequelle.

Kokosblütenzucker: Schonend & rohstoffarm verarbeitet

Tatsächlich wird der Zucker aus den Kokosblüten gewonnen. Hierzu werden die Blüten geerntet, der Nektar aufgefangen und dieser bei niedriger Temperatur oder unter Dampfdruck so lange eingekocht, bis die braunen, zuckerartigen Kristalle entstehen. Diese erinnern an braunen Zucker.

Pro Palme und Tag können etwa 4 Liter Nektar gewonnen werden. Hieraus werden etwa 500 Gramm Kokosblütenzucker. Die Palme liefert mehrere Jahrzehnte Saft aus ihren Blüten, wohingegen die Rübe Jahr für Jahr neu in den Acker muss. Ein nachhaltiger Pluspunkt.

Heisser Preis für den Palmennektar

Preislich ist der Kokosblütenzucker keine Alternative, denn Kunden zahlen das Zehn- bis Zwanzigfache wie für normalem Zucker, je nachdem ob sie Bio-Kokosblütenzucker kaufen oder konventionellen. Wer aber selten Zucker nutzt, etwa für die gute Tasse Kaffee am Morgen, den wird der Preis nicht sonderlich stören.

Fazit: Zucker bleibt Zucker

Kokosblütenzucker oder weisser Zucker aus heimischen Rüben – Zucker bleibt Zucker. Allerdings muss Bio-Kokosblütenzucker einen massiv weiteren Weg zurücklegen bis wir ihn für unsere süssen Rezepte und Getränke verwenden könne. Dadurch steigt seine CO2-Bilanz erheblich. Die Regenwaldabholzung ist definit ein No Go. Für unsere Gesundheit gibt es definitiv bessere Zuckeralternativen. Und wenn, dann sollten Kunden auf fair produzierten Bio-Kokosblütenzucker setzen.

Soll es erwiesenermassen gesünder sein? Wie wäre es mit Honig. Der süsse Saft der fleissigen Honigbienen enthält, schonend verarbeitet, nachweislich jede Menge gesunde Inhaltsstoffe und wirkt beispielsweise entzündungshemmend – vor allem wenn es sich um Bio-Honig handelt.

Last but not least: Wer nun nicht mehr auf den Bio-Kokoszucker setzt, sondern zum guten alten Haushaltszucker oder Rohrzucker zurückkehrt, sollte auch hier auf Bio-Produktion achten.

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