Sicher und sinnvoll investieren mit nachhaltigen GeldanlagenDie Zahl der nachhaltigen Geldanlagen wächst. Und das aus gutem Grund, meint Robert Hassler, Vorstand der Ratingagentur oekom research. Welche Vorteile «grüne» Investments haben, und wie private Anleger sich vor Fehlinvestitionen schützen können, erklärt der Experte für nachhaltige Geldanlagen im Interview. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Bei nachhaltigen Geldanlagen stimmt beides: Die Ethik und die Rendite. Foto: denphumi, iStock, Thinkstock Wenn du dich heute mit nachhaltigen Geldanlagen beschäftigst, ist das Thema deutlich breiter und zugleich komplexer als noch vor einigen Jahren. Für Schweizer Anleger:innen ist vor allem wichtig: Nachhaltig investieren kann sinnvoll sein, aber du solltest genau hinschauen, wie ein Produkt Nachhaltigkeit definiert, welche Kosten anfallen und ob die Anlagestrategie zu deinem Zeithorizont und deinem Risiko passt. Als Begleitartikel zum aktualisierten Hauptguide auf nachhaltigleben.ch ordnet dieser Beitrag das Interview ein und zeigt dir, worauf du heute besonders achten solltest. Redaktionelles Update: Was sich für nachhaltige Anleger:innen in der Schweiz geändert hat Mehr Auswahl, aber auch mehr Greenwashing-Risiko Das Grundprinzip aus dem Interview ist weiterhin aktuell: Nachhaltigkeit und Rendite müssen sich nicht ausschliessen. Neu ist aber, dass der Markt heute viel unübersichtlicher ist. Es gibt mehr Fonds, ETFs, Vermögensverwaltungen und App-Angebote mit nachhaltigem Anspruch. Gleichzeitig ist die Bezeichnung «nachhaltig» nicht automatisch ein Qualitätsbeweis. Für dich heisst das: Verlass dich nicht nur auf den Produktnamen, sondern lies nach, ob ein Produkt Ausschlusskriterien, Best-in-Class-Ansätze, Stimmrechtsausübung, Engagement oder konkrete Klimaziele nachvollziehbar offenlegt. Warum Kosten, Steuern und Produktweg heute mitentscheiden Viele Menschen konzentrieren sich zuerst auf Werte und Wirkung. Das ist verständlich, aber für dein Ergebnis zählen auch nüchterne Faktoren. Hohe laufende Gebühren können die Rendite über Jahre spürbar schmälern. Auch Steuern, Handelskosten und der gewählte Zugang – etwa Hausbank, Broker oder Vorsorgelösung – machen einen Unterschied. Für Schweizer Privatanleger:innen bleibt breit diversifiziertes, langfristiges Investieren zentral. Robert Hassler ist Vorstand von oekom research. Die unabhängige Rating-Agentur ist auf nachhaltige Geldanlagen spezialisiert. Gegen nachhaltige Geldanlagen besteht das Vorurteil, dass sie niedrigere Renditen aufweisen als konventionelle Investments. Wie beurteilen Sie das, Herr Hassler? Werden sehr strenge Kriterien für Nachhaltigkeit angesetzt, können Investitionsmöglichkeiten stark eingegrenzt werden. In diesem Fall kann man nur noch mit viel Glück eine gute Performance erreichen. Wenn Investoren die Kriterien für Nachhaltigkeit jedoch breiter ansetzen, zeigen diverse Studien, dass ein unter Nachhaltigkeitsaspekten festgesetztes Portfolio* mindestens genauso gut abschneidet wie ein konventionelles. Ihre aktuelle Studie zum Thema «Doppelte Dividende mit Nachhaltigkeitsratings» zeigt, dass nachhaltige Investments in vielen Fällen sogar mehr Rendite erwirtschaften. Warum ist das so? Persönlich denke ich, dass Unternehmen, die sich der Nachhaltigkeit mehr annehmen, einfach besser sind. Sie gehen Entwicklungen aktiv an und erarbeiten sich so einen Vorteil auf dem Markt, der langfristig zu einer besseren Performance führt. Können Sie allgemeine Empfehlungen abgeben, wie Investoren mit nachhaltigen Investments eine höhere Rendite erwirtschaften? Investoren sollten den Begriff Nachhaltigkeit bei der Auswahl des Portfolios relativ breit ansetzen, das heisst, mit durchaus strengen und ambitionierten Nachhaltigkeitsfiltern in die besten Unternehmen aus möglichst vielen Branchen investieren. Neben der Rendite ist gerade für private Anleger das Risiko ein wichtiges Kriterium. Wie können Risiken bei nachhaltigen Geldanlagen minimiert werden? Man sollte in einen ausgewogenen Mix von nachhaltigen Geldanlagen investieren. Anleger sollten sich nicht nur auf einen Bereich konzentrieren, wie zum Beispiel nur die Windenergie. Besser ist es, sehr breit in mehrere Branchen zu investieren. Über eine potenziell höhere Rendite hinaus, welche weiteren Vorteile haben nachhaltige Geldanlagen? Viele! Private Anleger können etwa bei einer nachhaltigen Geldanlage die eigenen Werte mit einfliessen lassen. Und letztlich ist jeder Anleger auch Teil einer Hebelwirkung. Wenn Investoren nur noch Aktien kaufen, die bestimmte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, dann bewegt sich auch in der Wirtschaft etwas im Bezug auf Nachhaltigkeit. Wo liegen die Nachteile nachhaltiger Investments? Für private Investoren ist es schwierig, dass Nachhaltigkeit als Wort oft missbraucht wird. Unter dem Begriff Nachhaltigkeit wird viel subsumiert. Darum besteht die Gefahr, dass Geldanlagen als nachhaltig ausgegeben werden, ohne tatsächlich die Erwartungen an ein nachhaltiges Investment zu erfüllen. Wie können Anleger sich davor schützen? Man kann sich inzwischen auf vielen Internetseiten informieren. Das bedeutet zwar einen gewissen Aufwand, aber es lohnt sich. Es gibt Datenbanken, bei denen man bereits 300 nachhaltige Fonds im Bezug auf ihre Kriterien und die Performance vergleichen kann. Zusätzlich wird daran gearbeitet, ein Qualitätslabel für nachhaltige Fonds zu entwickeln. Helfen Studien wie die der oekom research, die Vorteile nachhaltiger Geldanlagen besser zu erkennen und Vorurteile abzubauen? Davon sind wir absolut überzeugt. Solche Studien sind eine wichtige aufklärerische Arbeit. 5 Fragen, die du vor dem ersten Investment beantworten solltest 1. Wofür legst du an – und wie lange? Je klarer dein Ziel, desto einfacher wird die Produktauswahl. Geht es um langfristigen Vermögensaufbau, die private Vorsorge oder Geld, das du in wenigen Jahren brauchst? Für kurz- bis mittelfristige Ziele sind starke Kursschwankungen oft schwer auszuhalten. Für längere Anlagehorizonte kann ein breit gestreutes Portfolio sinnvoller sein als punktuelle Themenwetten. 2. Wie viel Risiko kannst du wirklich tragen? Viele unterschätzen, wie belastend Wertschwankungen emotional sein können. Nachhaltig bedeutet nicht automatisch sicher. Auch nachhaltige Aktienfonds oder ETFs können in Krisen deutlich fallen. Überlege ehrlich, ob du investiert bleiben kannst, wenn dein Depot vorübergehend 20 oder 30 Prozent im Minus liegt. Genau diese Frage schützt oft besser vor Fehlentscheiden als jede Renditeprognose. 3. Bank, Broker oder App? Eine klassische Bank kann für Einsteiger:innen übersichtlich sein, ist aber nicht immer die günstigste Lösung. Ein Broker bietet oft mehr Auswahl und tiefere Gebühren, verlangt aber mehr Eigenverantwortung. Eine App wirkt einfach, kann jedoch bei Produkttransparenz, Beratung und langfristiger Strategie Grenzen haben. Achte darauf, ob du verständliche Produktunterlagen, Angaben zu Kosten und klare Informationen zur Nachhaltigkeitsmethodik erhältst. 4. ETF oder aktiver Fonds? Ein nachhaltiger ETF ist oft günstiger und breit gestreut. Ein aktiver Fonds kann dafür gezielter ausschliessen, Unternehmen intensiver prüfen oder seine Stimmrechte aktiver nutzen. Beides kann sinnvoll sein. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern ob Strategie, Kosten und Nachhaltigkeitsanspruch für dich nachvollziehbar sind. Laut FINMA, 2024, ist gerade die Verständlichkeit der Nachhaltigkeitsbezogenen Angaben zentral, um irreführende Erwartungen zu vermeiden. 5. Brauchst du Beratung? Beratung kann nützlich sein, wenn du wenig Erfahrung hast, grössere Beträge investieren willst oder deine Anlagen mit Vorsorge, Steuern und Familienbudget abstimmen möchtest. Gute Beratung erkennst du daran, dass nicht nur Produkte verkauft, sondern Ziele, Risikofähigkeit, Anlagehorizont und Nachhaltigkeitspräferenzen systematisch besprochen werden. Skepsis ist angebracht, wenn Nachhaltigkeit nur als Werbewort auftaucht, aber nicht konkret erklärt wird. So schützt du dich heute vor typischen Fehlentscheiden Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass nachhaltige Anlagen automatisch eine messbare positive Wirkung haben. In der Praxis gibt es grosse Unterschiede. Manche Produkte schliessen nur wenige problematische Branchen aus. Andere verfolgen zusätzliche Klimaziele, üben Stimmrechte aus oder suchen den Dialog mit Unternehmen. Beides kann legitim sein, aber du solltest wissen, was du kaufst. Für dich bedeutet das ganz praktisch: Prüfe, welche Kriterien gelten, wie sie umgesetzt werden und ob das Portfolio dazu passt. Ebenso wichtig: Nachhaltiges Investieren ersetzt keinen Notgroschen. Wenn du in den nächsten Monaten auf das Geld angewiesen sein könntest, gehört es meist nicht in schwankungsanfällige Anlagen. Für Familien ist dieser Punkt besonders relevant, weil unerwartete Ausgaben schnell auftreten können. Nachhaltig investieren funktioniert am besten, wenn dein Alltag finanziell stabil genug ist, damit du Marktschwankungen aussitzen kannst. Mini-Checkliste: Dein Start in 5 Schritten Definiere dein Ziel: Vermögensaufbau, Vorsorge oder ein konkreter Zukunftsbetrag. Lege deinen Anlagehorizont fest und halte einen Notgroschen separat. Vergleiche Kosten, Steuern und die Nachhaltigkeitsmethode mehrerer Produkte. Setze auf breite Diversifikation statt auf einzelne Trendthemen. Prüfe, ob du selbst entscheiden willst oder eine transparente Beratung brauchst.