«Weitere Verzögerungen können schwere Folgen für das Klima haben»

Die Schweiz hat gemeinsam mit der EU eine deutliche Minderung des CO2-Ausstosses von 20 Prozent bis 2020 beschlossen. Inwiefern kann dies als Vorbild dienen und zum Aufschwung der Klimapolitik in anderen Ländern führen?

Die EU und damit die Schweiz haben in Durban eine wichtige Rolle gespielt und Druck gemacht, dass man diese Verhandlungen weiterführt. Die Bereitschaft, den CO2-Ausstoss zu reduzieren, hat sicher Signalwirkung. Allerdings werden die 20% nicht genügen, um das 2°C-Ziel zu erreichen. Und der Ausstieg von Kanada aus dem Kyoto Protokoll hat gezeigt, dass das Vorbild noch nicht genügt, und der Druck nicht genügend hoch ist. Die wirtschaftlichen Interessen gehen an vielen Orten immer noch vor.

Bisher ist der CO2-Ausstoss jedoch in der Schweiz noch nicht gesunken. Welche Auswirkungen würde es haben, wenn die Schweiz das Ziel verfehlt?

Auf das Klima würde es wenig Auswirkungen haben, weil die Schweiz klein ist. Aber international wäre es ein gefährliches Signal. Wenn ein Land wie die Schweiz mit so viel Wissen, Technologie, Geld, und einer stabilen wirtschaftlichen und politischen Lage dieses Ziel nicht erreichen kann, dann ist nicht klar wer sonst so ein Ziel erreichen könnte. Es ist aber anzunehmen, dass die Schweiz mit dem Zukauf von CO2-Zertifikaten Ihre Lücken stopfen wird, falls die Emissionen zu hoch liegen. Dieser Fall ist nicht unwahrscheinlich.

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, die zurückhaltenden Staaten dazu zu bringen, sich stärker als bisher für eine CO2-Minderung einzusetzen?

Die Geschichte zeigt, dass wir das leider nicht wissen. Seit bald zwanzig Jahren verhandelt man jetzt über dieses Thema, und es soll nochmals einige Jahre gehen, bis man sich einigen will. Wir alle müssen einsehen, dass wir mit jeder Verzögerung den Handlungsspielraum in der Zukunft einschränken, und später für den Schaden bezahlen werden. Und es wäre falsch, die Schuld auf ein paar wenige andere Staaten abzuschieben. Natürlich gibt es Staaten die mehr und andere die weniger Bereitschaft zeigen, aber alle tun zu wenig, um das erklärte 2°C-Ziel zu erreichen.

Anhand Ihrer Forschungen zeigte sich, dass eine Minderung des weltweiten CO2-Ausstosses auf die Hälfte bis 2050 und eine Eliminierung der CO2-Emissionen bis 2100 erreicht werden müsste. Ist das derzeit ein realistisches Ziel?

Berechnungen mit Modellen zeigen, dass dieses Ziel technologisch noch möglich und auch bezahlbar ist. Allerdings nicht mehr sehr lange. Ob es politisch realistisch ist, das ist eine ganz andere Frage, die die Klimaforschung nicht beantworten kann. Der Mensch handelt nicht immer rational. Manchmal handeln wir nicht, und manchmal handeln wir erstaunlich schnell. Man denke nur an den beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie nach Fukushima.

Was bedeutet es für das Weltklima, wenn der Klimaschutz weiterhin so langsam vorankommt und die weitreichenden Klimaziele deutlich verfehlt werden?

Im Moment bewegen wir uns mit den versprochenen Emissionsreduktionen auf einem Szenario für 3-4°C Erwärmung. Die Auswirkungen davon wären enorm, sei es auf den Wasserkreislauf, den Anstieg des Meeresspiegels, oder auf Ökosysteme. In der Schweiz hätte das deutliche Auswirkungen auf Gletscher, Permafrost, Schneesicherheit, Tourismus, Wasserkraft, Landwirtschaft, und vieles mehr. Nicht alle Auswirkungen sind negativ, aber vor allem bei grossen Veränderungen überwiegen die Nachteile deutlich. An eine kleine Klimaveränderung können sich bestimmte Systeme noch anpassen, an eine grosse und schnelle Veränderung zum Teil nicht mehr. Für eine Tierart zum Beispiel kann das bedeuten, dass sie ausstirbt.

Welches ist Ihre Prognose? Wird es noch rechtzeitig ein Umdenken und damit eine ausreichende CO2-Minderung geben?

Diese Frage kann aus wissenschaftlicher Sicht kaum beantwortet werden. Ich denke, man wird irgendwann handeln müssen. Die Frage ist, ob man es früh genug macht, um das erklärte Ziel von 2°C zu erreichen. Ich würde auf Grund der Situation heute sagen, es ist unwahrscheinlich geworden. Aber wie gesagt, der Mensch ist zu vielem fähig, wenn er will. Wie gross dieser Wille in der Zukunft ist, weiss wohl niemand. Das Klimasystem basiert auf Naturgesetzen und lässt sich berechnen, aber eine Prognose, wie wir in der Klimafrage entscheiden werden, ist fast wie Kaffeesatz-Lesen.

Interview: Bianca Sellnow