Renato Werndli: «Tierversuche werden aus Bequemlichkeit gemacht»

Am 13. Februar stimmen Schweizer Stimmberechtigte über ein totales Verbot von Tier- und Menschenversuchen ab. Die öffentliche Mehrheit appelliert zum «Nein». Wir haben mit Renato Werndli, der sich im Komitee der Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» engagiert, gesprochen und möchten wissen, was ein «Ja» für die Schweiz bedeuten würde.

Maus auf einer Hand im Gummihandschuh
Geht es auch ganz ohne Tierversuche? © anyaivanova / iStock / Getty Images Plus
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Käme die Tierversuchsverbots-Initiative durch, würde sich in der Schweiz vieles ändern. Sie wäre das erste Land, das Tierversuche so weitreichend verbietet, was schwere Folgen hätte. So wären beispielsweise ab 2024 alle neuen Medikamente, die an Tieren getestet wurden – ob in der Schweiz oder weltweit – verboten. Daher geht die Volksinitiative sowohl dem Parlament als auch dem Bundesrat zu weit.

Im Gespräch mit Dr. med. Renato Werndli möchten wir wissen, was die Umsetzung der Initiative aus seiner Sicht für Vorteile bringen würde. Werndli setzt sich seit Jahrzehnten für den Tierschutz ein. Er war bei der Gründung der Tierschutzorganisation «Ärztinnen und Ärzte für Tierschutz in der Medizin» dabei und ist Mitbegründer der ersten veganen Hausarztpraxis in der Schweiz

Nachhaltigleben: Gegner*innen der Initiative sagen, dass ein Verbot von Tierversuchen den medizinischen Fortschritt hemmt. Sie behaupten das Gegenteil und sind der Meinung, dass Tierversuche den Fortschritt aufhalten. Warum?

Dr. med. Renato Werndli
Dr. med. Renato Werndli © Nik Hunger

Dr. med. Renato Werndli: Ich habe schon die Abstimmungen über Tierversuche in den 80er und 90er Jahren miterlebt. Und das war schon immer das Killer-Argument. Damals haben wir noch klein beigegeben, weil wir dachten: Bei den grossen Wissenschaftlern können wir nicht mitreden. In der Zwischenzeit haben wir viel recherchiert und uns auf die Forschungsrichtung der Meta-Forschung fokussiert, die verschiedene Methoden miteinander vergleicht. Dabei haben wir entdeckt, dass Tierversuche in der Meta-Forschung sehr schlecht abschneiden.

Dennoch haben wir seit vielen Jahrzehnten nur Medikamente, die an Tieren getestet wurden. Wären die Forschungs-Methodiker beachtet worden, hätte man längst Medikamente ohne Tierversuche mit besseren Methoden getestet. Wir wären im medizinischen Fortschritt wahrscheinlich weiter, wenn wir nie auf Tierversuche gesetzt hätten. Schliesslich schneidet er so schlecht ab in der Meta-Forschung.

Aber Tierversuche werden ja gemacht, weil beispielsweise Ratten eine grosse genetische Ähnlichkeit zum Menschen haben. Ist das nicht ein wichtiger Vorteil?

Aus der Meta-Forschung habe ich schon etwa 100 Studien gesammelt. Wichtig für unsere Argumentation ist die Übertragbarkeit vom Tier auf den Menschen. Sechs der Studien sagen aus, dass 95 Prozent von allen Medikamenten, die in Tierversuchen funktionierten, im Menschenversuch scheiterten. Das zeigt schon, dass die Übertragbarkeit schlecht ist. Und es zeigt wieder die Insuffizient der Forschungsmethode Tierversuch.

Gibt es denn überhaupt gute Alternativen zu Tierversuchen?

Ja, es gibt unendlich viele. Jede andere Forschungsmethode kann Tierversuche ersetzen. Eine der berühmtesten Alternativen sind Biochip, wo man aus menschlichen Zellkulturen Organe wachsen lassen kann. Aber auch Computersimulationen, epidemiologische Studien oder die Microdosing-Methode, bei der mit kleinen Dosen begonnen wird, können Tierversuche ersetzen.

Aber wenn Forschende heute eine Fragestellung haben, dann wählen sie einfach den Tierversuch, weil das so üblich ist. Dabei sollten sie anfangen, zu hinterfragen, denn sie selbst sind nicht Spezialisten von Forschungsmethoden. Sie sollten zur Meta-Forschung gehen und fragen: Was ist für diese Fragestellung die beste Methode? Dann würden praktisch nie mehr Tierversuche angewendet werden müssen.

Das heisst, es werden heute Tierversuche gemacht, obwohl es Alternativen gäbe?

Tierversuche werden aus Bequemlichkeit gemacht. Sie sind eben seit 150 bis 200 Jahren üblich. Heute macht man sie, weil man die Methode nicht hinterfragt. Das ist der Fehler daran.

Sie haben die Tierschutzorganisation «Ärztinnen und Ärzte für Tierschutz in der Medizin», mitbegründet. Die Organisation unterstütz die Initiative jedoch nicht, sondern befürwortet einen Ausstieg, der «schrittweise und praktikabel» erfolgt. Was spricht für Sie für einen abrupten, sofortigen Ausstieg?

Erstens die Ethik. Das ist der Hauptgrund für unsere Initiative. Die Ethik sagt, wir können ein Verbrechen nicht teilweise akzeptieren. Das wäre, als würde man statt 10 Morden in einer Woche einen Mord akzeptieren. Er ist aber ganz verboten. Und da sind Tierversuche bei uns ethisch gesehen das Gleiche. Im Gegensatz zu der 90er Jahren kommt hinzu, dass wir heute wissenschaftlich begründen können, dass es keinen Grund für Tierversuche gibt. Das behaupten wir nicht einfach, das können wir mit unzähligen Studien aus der Meta-Forschung beweisen.

Was denken Sie, warum distanzieren sich selbst Tierschutzorganisationen wie der Schweizer Tierschutz (STS) von der Initiative?

Wir haben schon vorher mit allen Organisationen Gespräche geführt und ausnahmslos alle sagten: Wir sind zwar auch für die Abschaffung von Tierversuchen, aber wir wollen den langsamen Weg. Ihr werdet hoch verlieren und wenn wir euch unterstützen, schadet das unserem Image. Für mich ist diese Argumentation völlig daneben. Wenn wir wirklich verlieren, werden die, die sich gegen Tierversuche einsetzen, ihr Gesicht so oder so verlieren. Das kann ja niemand unterscheiden, ob die nun dabei waren oder nicht.

Sie wollen das gleiche Ziel, aber finden den Weg schlecht. Zwei grosse Organisationen, die sich ausschliesslich gegen Tierversuche aussprechen, wollten uns nicht unterstützen. Wenigstens machen sie keine Anti-Kampagnen, da muss man noch dankbar sein. Der STS fordert ja sogar aktiv dazu auf, Nein zu stimmen.

Sie haben eben die Politik angesprochen. Woran liegt die Empfehlung zum «Nein» seitens Bund und Parlament?

Die Politik hört auf die Professorinnen und Professoren, die Tierversuche anwenden, weil sie die grosse Mehrheit bilden. Da haben wir keine Chance, wenn wir mit Meta-Forschung kommen. Die meisten wissen nicht einmal, was das ist. Dabei können wir damit belegen, dass Versuche an Tieren schlecht sind. Nur leider hört uns niemand zu.

Ein Kritikpunkt an der Initiative ist auch, dass die Schweiz dann ihre internationalen Verpflichtungen nicht mehr wahrnehmen könnte. Was hätte ein Tierversuchsverbot denn für Auswirkungen auf die Schweiz?

Da geht es um die WTO-Verträge und das Freihandelsabkommen mit vielen Ländern. Klar, man kann den Handel nicht einfach so verbieten. Aber die WTO – das habe ich gelesen – haben eine Klausel drin, dass man den Handel von einzelnen Artikeln verbieten kann, wenn es die öffentliche Moral verlangt. Robbenfell beispielsweise ist in der Schweiz verboten. Und in der EU ist es verboten, Kosmetika einzuführen, die Tierversuchs-getestet sind. Es gibt also schon Handelsbeschränkungen.

Wenn die Mehrheit sagt, sie wolle keine Tierversuche, weil sie ethisch bedenklich sind, dann kann man ein Handelsverbot mit dieser öffentlichen Moral begründen.

Die Initiative verlangt auch ein Verbot vom Import solcher mit Tierversuchen getesteten Medikamente. Das wird von der Gegenseite als zu radikal bezeichnet.

Dass wir das Importverbot von Tierversuch-getesteten Medikamenten mit reingenommen haben, wird uns am meisten angekreidet. Für mich ist jedoch klar, wenn die Bevölkerung sagt, wir wollen keine Tierversuche mehr, dann können wir eben diese Bevölkerung auch keinen Medikamenten aus dem Ausland aussetzen, die mit Tierversuchen getestet wurden.

Wie würde das denn in der Umsetzung aussehen – im Moment werden ja die meisten Medikamente mit Tierversuchen hergestellt?

Es gibt in der Schweiz kein Gesetz, das besagt, dass Medikamente an Tierversuchen getestet werden müssen. Aber sie sind alle Tierversuch-getestet, weil die Zulassungsbehörde sie sonst nicht akzeptieren würde. Denn die sagen, Tierversuche sind ein Beweis für die Sicherheit. Das ist wissenschaftlich falsch.

Und wenn die Initiative durchkäme, würden diese Medikamente dann von heute auf Morgen verschwinden?

Ab Annahme der Initiative können alle Medikamente weiter importiert werden, auch wenn sie Tierversuch-getestet sind. Nur Neuentwicklungen, die an Tieren getestet wurden, ob hier oder im Ausland, wären verboten.

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