Klimaaktivistin Hanna Fischer: «Wir wollten das System zwingen, inne zu halten und den Kurs zu wechseln»

Die Klimajugend beherrschte in den vergangenen Tagen die Medien. Hanna Fischer von «Rise up for Change» sagt, warum die Klimajugend von den Medien enttäuscht ist, was sie eigentlich erreichen wollten und warum eine legale Demonstration nicht infrage kam. 

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Aufruf zur grossen Klimademo auf dem Bundesplatz in Bern

Auf der Klima-Demonstration am 4. September rufen die Demonstranten bereits zur Besetzung des Bundesplatzes auf. Das Motto: «Rise up vor Change». Foto © Climatestrike Switzerland

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Die Medizinstudentin Hanna Fischer (19) war als Sprecherin der Aktionswoche «Rise up for Change» bei der Besetzung des Bundesplatzes in Bern an forderster Front dabei. Wir haben mit ihr am Mittwochmorgen, nachdem die Polizei den Platz geräumt hat, gesprochen. «Rise up for Change» wird von mehrern Klimabewegungen unterstützt, namentlich von Klimastreik, Extinction Rebellion, Collective Climate Justice, Collective Break Free sowie Greenpeace Schweiz.

Hanna Fischer, es ist erst wenige Stunden her, dass die Polizei den Bundesplatz geräumt hat. Wie ist die Stimmung unter den Aktivisten?

Hanna Fischer: Die ist sehr unterschiedlich. Einige von uns wurden in Gewahrsam genommen, andere sind auf dem Heimweg und erholen sich vom Stress der letzten Tage. Ich selber bin sehr müde. Sobald wir ein wenig geschlafen haben, besprechen wir, wie es weiter geht.

Hanna Fischer Rise up for Change

Hanna Fischer bei der Besetzung des Bundesplatzes in Bern. Foto © zVg

Das Besetzen des Bundesplatzes während der Session ist illegal, was wolltet ihr mit eurer Aktion erreichen?

Wir wollten das System zwingen, inne zu halten und den Kurs zu wechseln und wir wollen eine Chance auf einen Diskurs haben, darüber was illegal und was legal sein sollte. Die Politik und die Wirtschaft tun Dinge, die illegal sind oder sein sollten, gefährden Kinder- und Menschenleben und kommen damit durch, während unsere friedliche Aktion aufgelöst wird, weil sie illegal ist.

Die Medien haben aber kaum über eure Ziele berichtet, sondern in erster Linie darüber, ob und wann der Bundesplatz geräumt wird und dass ihr den Rechtsstaat angegriffen habt. Seid ihr am Ziel vorbei geschossen?

Es wäre naiv, zu denken mit der Besetzung des Bundesplatzes alle Probleme zu lösen. Wir wollten möglichst viele Menschen erreichen und informieren. Leider waren die Medien wie üblich eher an den aktivistischen Sensationen interessiert als an unserer Botschaft. Unsere Aktion hätte wohl noch länger dauern müssen, damit eine ernsthafte Diskussion in den Medien hätte entstehen können, darüber was legal und was illegal sein sollte.

Hättet ihr euch mit einer legalen Aktion oder einer bewilligten Demonstration mehr Gehör verschafft?

Nein, eine legale Aktion wäre kaum mehr wahrgenommen worden von der breiten Öffentlichkeit, die Medien wären kaum interessiert gewesen. Das hat die Vergangenheit gezeigt. Die Aufmerksamkeit der Medien war zu Beginn unserer Bewegung sehr gross. Aber irgendwann waren die Demonstrationen nur noch eine Randspalte wert. Wir müssen irritieren und zum Innehalten zwingen, denn die Klima-Situation ist dringender als die meisten meinen. Dass Jugendliche eine Straffanzeige in Kauf nehmen, um auf ihre Sorgen und Forderungen aufmerksam zu machen, sollte doch wachrütteln.

Könnt ihr die Reaktion der bürgerlichen Politiker und ihre Forderung zur Räumung des Bundesplatzes nachvollziehen?

Es hat uns nicht überrascht. Es beweist nur, dass viele Politiker lieber an ihren eigenen wirtschaftlichen Interessen festhalten, statt Probleme für die Gesellschaft zu lösen. Das ist erschreckend.

In den Medien kursiert auch die Meinung, eure Aktion könnte ein Schuss ins eigene Bein sein, weil ihr mit der illegalen Aktion den grossen Rückhalt in der Bevölkerung verlieren könntet. Wie schätzt ihr die Situation bisher ein?

Dieses Gefühl haben wir nicht. Im Gegenteil. Wir haben enormen Support erhalten aus der Bevölkerung, zum Beispiel auch mit der Solidaritätsaktion «Das Klimacamp darf bleiben #RiseUpForChange», wo innert weniger als einem Tag über 17'000 Menschen unterschrieben haben. Auch auf Social Media war die Zustimmung sehr gross. Viele Leute verstehen uns und unsere Aktion auf dem Bundesplatz.

Wird es weitere illegale Aktionen der Klimastreik-Bewegung geben?

Das ist durchaus möglich. Aber natürlich werden wir auch ganz legale Aktionen planen, wie wir das bisher auch getan haben.

Wie ist dein persönliches Fazit nach diesen drei Tagen?

Ich bin sehr glücklich, dass wir ein Zeichen setzen konnten und so präsent sind. Dass wir es geschafft haben, den Bundesplatz zu besetzen, ist für die Schweiz eigentlich revolutionär. Klar ist aber auch, dass unsere Arbeit noch längst nicht getan ist. Wir brauchen konkrete Massnahmen zum Schutz des Klimas und so lange diese nicht ergriffen wurden, hören wir nicht auf.