Tierschutz in der Schweiz: Wie vorbildlich sind wir?

Die heutige Massentierhaltung hat oft wenig mit artgerechter oder tierfreundlicher Aufzucht zu tun. Der Tierschutz in der Schweiz und dessen Verordnungen sollen zwar weltweit die strengsten sein. Doch nicht alles ist Gold was glänzt.

Wie gut ist der Schweizer Tierschutz?
Glückliche Schweine, Kühe oder Hühner: Geht es nach der Schweizer Tierschutz-Verordnung soll dies in jedem Stall auch so sein. Und wie sieht es in der Realität aus? Foto: anopdesignstock, iStock, Thinkstock
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Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Tiere nicht nur in der Schweizer Landwirtschaft anders gehalten als heute. Der Hahn krähte da noch stolz auf dem Misthaufen und die Kuh durfte Kuh sein und genoss ein artgerechtes Leben auf der Weide. Für jeden Bauern war das Vieh wertvoll, der gute Braten kam allenfalls am Sonntag auf den Tisch. Heute, in Zeiten der Massenproduktion von Fleischprodukten und des steigenden Konsums, müssen stattdessen Reglementierungen her, um die leistungsoptimierte Tierzucht zu bremsen. Denn freiwillig geschehen nur selten Massnahmen, die dem Tierwohl entsprechen.

Tierschutz in der Schweiz liegt weit vorne

So leitete die Süddeutsche Zeitung vor drei Jahren einen Artikel über den Tierschutz in der Schweiz ein, welcher zu dieser Zeit stark überarbeitet wurde und von der eigentlichen Tierhaltung bis zum Transport strenge Auflagen per Gesetz festlegte. Zwar gibt es immer mal wieder Kritik an der Schweizer Landwirtschaft, genauer, den Tierschutzbestimmungen, doch die Schweizer Tierschutz-Vorgaben gelten weltweit als die strengsten. Und so mancher Tierschützer im restlichen Europa wäre froh, wenn ähnlich strenge Bedingungen - zumindest auf dem Papier - in seiner Heimat herrschen würden.

Glückliche Kühe und Schweine dank strengem Tierschutz in der Schweiz?

Wohl weltweit einmalig ist in der Verordnung für die Schweizer Landwirtschaft, dass beispielsweise Kühe seit 2010 mindestens 90 Tage pro Jahr Freigang haben müssen. So dürfen sie nicht länger als zwei Wochen am Stück in ihrem Stall stehen und müssen selbst im Winter artgerechten Ausgang haben.

Die Organisation Schweizer Tierschutz STS hält allerdings dagegen, dass nicht alles so rosig sei wie es sich anhört. Zwar sollen 40 Prozent der Nutztiere ausreichend tiergerechte Ställe haben, 60 Prozent aber eben noch nicht. So leben in der Schweizer Landwirtschaft 110.000 Mastrinder und 1,1 Millionen Schweine ohne Einstreu in zu engen Stallungen, obwohl der Tierschutz in der Schweiz etwas anderes fordert. Auch soll nur die Hälfte aller Nutztiere trotz strengem Tierschutz ausreichend Auslauf erhalten. Die kontrollierenden Organe würden laut STS Verstösse viel zu locker handhaben.

Biolandwirtschaft strenger als bei unseren Nachbarn

Wenn man auf die Schweizer Biolandwirtschaft schaut, wird vieles besser gemacht, als in anderen Ländern. Nur ein Beispiel: In Deutschland dürfen bis zu 11.000 Biohühner in einem Mastbetrieb gehalten werden. Die strengen Tierschutz-Vorgaben für die hiesige Landwirtschaft erlauben indes lediglich 500 Tiere in einer Zucht, strenge Auflagen inklusive.

Überhaupt wird immer wieder die deutsche Truten- und Hühnerzucht von Schweizer Tierschützern kritisiert. Denn regelmässig werden Videos etwa von der Tierschutzorganisation PETA veröffentlicht, die einen qualvollen, teils sadistischen Umgang mit dem Geflügel in der konventionellen Tierhaltung aufdecken. Ein Umstand, der nicht nur Deutsche, sondern auch Schweizer Konsumenten interessieren sollte. Denn schliesslich liegt auch bei den Schweizer Detailhändlern genügend deutsches Geflügel in der Fleischtheke.

Tierschutz in der Schweiz: Verordnungen ab 2014 leicht verschärft

Die letzten Änderungen in den gesetzlichen Vorgaben beim Tierschutz in der Schweiz gab es 2008. Nun will der Bund ein paar noch vorhandene Lücken schliessen. Neu ab 2014 wird deshalb sein, dass Schweizer Kühe nicht mehr unter so genannten überlangen Zwischenmelkzeiten leiden müssen. Dies ist ein Verfahren, bei dem etwa für Ausstellungen das Melken für eine bestimmte Zeit ausgesetzt wird, um den Euter besonders prall erscheinen zu lassen. Auch die Verwendung von stromführenden und Stacheldrahtzäunen wird verschärft.

Dennoch: Auch in der Schweizer Landwirtschaft wird, wie anderswo, ein männliches Küken gleich nach der Geburt vergast. Der Hahn benötigt einfach zu lange und zu viel Futter, um richtig Fleisch anzusetzen. Ausnahmen: KAGfreiland. Dort werden auch die Hähne aufgezogen. Und der Erfolg gibt KAGfreiland Recht. Denn die wesentlich schmackhafteren, weil langsamer wachsenden, Junghähne sind oft schon im Voraus komplett ausverkauft.

Gleich, ob Huhn, Rind oder Schwein – letztlich hat es der Verbraucher mit seinem Konsum in der Hand, welche Tierhaltung er fördert. Mehr zu (Bio-)Labels und Gütesiegel in der Schweiz.

Quellen: Tierschutz.com, Schweizer Eidgenossenschaft,  20min.ch, K-tipp.ch, Tier-im-Fokus.ch, KAGfreiland.ch

Text: Jürgen Rösemeier-Buhmann