«Neubauten ja, aber nur noch mit Plusenergie!»

Dank Plusenergiehäusern ist es endlich möglich, emissionsfrei zu wohnen. Der preisgekrönte Architekt Werner Setz hat auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet und baute das erste Plusenergiehaus in Riehen (BS). Inwiefern Nachhaltigkeit sein Leben verändert hat, erzählte er im Interview mit nachhaltigleben.

Architekt Werner Setz baut Plusenergiehäuser.
Werner Setz ist Plusenergie-Pionier: Er baute das erste Plusenergiehaus in Riehen. Foto: altrendo images / Stockbyte / Thinkstock
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Das traute Heim als eigenes kleines Kraftwerk? Das ist seit der Entwicklung der energieerzeugenden Plusenergiegebäude keine Wunschvorstellung mehr. Das Architekturbüro Setz mit Sitz im Aargauischen Rupperswil hat sich auf gesundes und energieeffizientes Wohnen spezialisiert. Werner Setz, Geschäftsleiter und Gründer des Architekturbüros lässt Häuser bauen, welche nicht nur erneuerbare Energie für die Eigennutzung erzeugen, sondern auch noch überschüssige, welche ins öffentliche Netz eingespeist wird. Ein weiterer Schwerpunkt des Architektenteams ist die Elektromobilität: Der überschüssige Strom steht in erster Linie den Plusenergiehaus-Besitzern als Treibstoff für Elektro-Transportmittel zur Verfügung. Im Interview mit nachhaltigleben sprach er über seine Arbeit und seine Überzeugungen.

Wer ist Ihr ökologisches Vorbild? Und was zeichnet dieses Vorbild für Sie aus?

Mein Vorbild ist der nachhaltige Pionier Bertrand Piccard. Und zwar, weil er ein Querdenker ist, der in Dimensionen handelt, welche andere als unmöglich erachten. Er ist eine starke Persönlichkeit, hat eine enorme Willenskraft und noch viel wichtiger: Er glaubt an die Energiewende mit erneuerbaren Energien.

Wie stark hat die in den letzten Jahren zunehmende Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit Ihr Leben verändert?

Anstatt Bezüger von ca. 40'000 Kilowattstunden an Atomstrom im Jahr zu sein, bin ich heute Produzent von ca. 18'000 Kilowattstunden an Solarstrom. Davon brauche ich dank energetischer Effizienzmassnahmen an der Gebäudehülle und der Gebäudetechnik lediglich knapp 10'000 kWh für den Eigengebrauch. Zudem werde ich bald Besitzer eines Elektroautos sein, das direkt von meinem Nachbardach erneuerbare Energie bezieht. Dieses Auto wird über ein Car-Sharing-System auch ausgewählten Nachbarn zur Verfügung stehen.

Wie setzen Sie Nachhaltigkeit im Büro-Alltag um?

Auch in unserem Architekturbüro verwenden wir ausschliesslich Strom aus erneuerbaren Energien. Wir sehen uns berufen, die 2000-Watt-Gesellschaft gemäss den Zielvorgaben zu erreichen, deshalb bauen wir nur noch Minergie-Gebäude oder noch energieeffizientere. Immer öfter bauen wir Plusenergiehäuser.

Was motiviert Sie, sich so stark für Nachhaltigkeit einzusetzen?

Ich liebe nun mal die Natur. Und es tut mir weh zu sehen, wie sie durch unseren nicht nachhaltigen Umgang mit Ressourcen leidet. Die Verantwortung gegenüber der Schöpfung Erde ist für mich selbstverständlich – zumal ich meinen Kindern und Nachkommen auch einen Gefallen tue, wenn ich schonend mit ihr umgehe! Als Architekt habe ich die Möglichkeit, einen aktiven Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten. Ich möchte am Ende meines Lebens zurückblicken und sagen können: «Du hast deine Berufung zum Wohle unserer Natur und unserer Kinder gelebt.»

Wie verhält sich Ihre Familie, wenn es um Nachhaltigkeit geht? Gibt es diesbezüglich Diskussionen am Familientisch?

Klar, es gibt immer wieder kleine Auseinandersetzungen. Mir sind Kleinigkeiten sehr wichtig. Wie zum Beispiel, dass die richtige Pfannengrösse für die passende Kochherdplatte ausgewählt, dass unnötiges Licht gelöscht und dass der Computer ausgeschaltet wird. Bezüglich Raumtemperatur gibt es auch Diskussionen: Denn wo ist die Komfortzone für die ganze Familie?

Für welche persönliche Öko-Sünde schämen Sie sich am meisten? Und warum begehen Sie diese trotzdem?

Ich fliege jährlich im Durchschnitt zwei- bis dreimal in andere Länder. Ich mache dies, weil ich einfach liebend gerne fliege! Sie verstehen jetzt sicherlich, woher meine Faszination für Bertrand Piccard kommt.

Angenommen eine nachhaltigere Gesellschaft wäre nur mit persönlichem Verzicht machbar. Auf was würden Sie verzichten?

Auf Wohnraumfläche. Oder ich würde vom privaten auf den öffentlichen Verkehr umsteigen.

Was für ein nachhaltiges Produkt oder welche nachhaltige Dienstleistung würden Sie sich wünschen?

Ich wünschte mir, dass bei Neubauten oder Sanierungen nur noch Plusenergie-Standards erlaubt wären. Äusserst praktisch wäre auch ein saisonaler Energiespeicher, der die solare Energieproduktion des Sommers aufnimmt und im Winter wieder zurückgibt. Ebenfalls wichtig wäre ein Paradigmenwechsel in der Energiepreispolitik: Wer wenig Energie verbraucht, erhält die kWh günstiger, als diejenigen, die mehr verbrauchen.

Was wäre Ihr dringendster Wunsch an die Politik zur Förderung einer nachhaltigeren Gesellschaft?

Das wäre zweifelsfrei die Förderung der Plusenergiegebäude in der Schweiz. Bis jetzt gibt es diese nur im Kanton Bern, und das auch erst seit Beginn dieses Jahres.

Was planen Sie persönlich in den nächsten zwei Jahren, um eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen?

Geplant ist eine intensive Vermarktung des Plusenergiegebäudes. In den kommenden zwei Jahren werden Messungen sämtlicher Energieverbräuche und der Energieproduktion in den von uns erbauten Häusern aufgezeichnet. Ziel ist, für den Feinschliff unserer Konzepte herauszufinden, wie sich die Mieter in den Plusenergiehäusern verhalten und Erkenntnisse für neue Speichersysteme zu erhalten.

Wem würden Sie selbst die letzten elf Fragen stellen? Und warum?

Bundesrätin Doris Leuthard. Sie ist mit dem beschlossenen Atom-Ausstieg der Befürworter-Lobby entgegengetreten und hat einen mutigen sachpolitischen Entscheid gefasst. Als Aargauer bin ich sehr stolz auf unsere Aargauer Bundesrätin!

Text und Interview: Lea Schwer und Sabrina Stallone - Februar 2012

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