Geschützte Arbeitsplätze: Warum wir lieber kaufen statt spenden

Geschützte Arbeitsplätze für körperlich oder psychisch beeinträchtigte Menschen in der Schweiz sind durch Automatisierung und günstigere Angebote im Ausland gefährdet. Dabei gäbe es einfache Lösungen.

Geschützte Arbeitsplätze als wichtiger Baustein für soziale Nachhaltigkeit
Geschützte Arbeitsplätze sind ein wichtiger Baustein der nachhaltigen Gesellschaft. Foto: © zVg 
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Eine Lernschwäche, eine körperliche Behinderung oder eine psychische Beeinträchtigung. Viele Menschen in der Schweiz sind auf einen geschützten oder angepassten Arbeitsplatz angewiesen. Die Krux: Sie sind hochmotiviert, aber nicht ganz so schnell wie unser Arbeitsmarkt das gerne hätte.

Deshalb bieten Institutionen wie die Stiftung Brändi im Kanton Luzern oder sozial-medizinische Institutionen wie das «Bürgerspital Basel» in ihren Werkstätten geschützte oder angepasste Arbeitsplätze an. Sie bilden Menschen mit einer Lernschwäche aus, beschäftigen handicapierte Menschen und sorgen im besten Fall dafür, dass Arbeitnehmer, die von der IV abhängig sind, den Weg in den regulären, den sogenannten ersten Arbeitsmarkt finden.

Geschützte Arbeitsplätze als wichtiger Baustein für soziale Nachhaltigkeit

Durch geschütze Arbeitsplätze gewinnen Mitarbeitende mit einer Beeinträchtigung mehr Selbstvertrauen und können sich in unsere Gesellschaft integrieren. Foto: © zVg

Damit das funktioniert, brauchen die Werkstätten Aufträge aus der Privatwirtschaft. Denn wie jedes andere Unternehmen arbeiten sie betriebswirtschaftlich. Preis und Qualität müssen stimmen. Lieferfristen müssen eingehalten werden. Roger Aeschlimann, Leiter der Kommunikation bei der Stiftung Brändi, bringt es auf den Punkt: «Ohne Aufträge gibt es keine sinnvolle Arbeit, keine Tagesstruktur und keine berufliche Integration für Menschen mit Behinderung. Wir brauchen die Aufträge auch, um Lernende auszubilden.»

In der Stiftung Brändi werden permanent 1100 Menschen beschäftigt und 220 Personen ausgebildet. Sie alle haben eine geistige oder körperliche Behinderung oder leiden an einer Lernbehinderung oder psychischen Beeinträchtigung. Ziel der Anstellung ist es, die Voraussetzung für den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen.

Wenn die Arbeit ausgeht

Doch Aufträge fehlen den Werkstätten zunehmend. Denn Firmen vergeben Aufträge gerne günstiger ins Ausland. Einfache Arbeiten werden automatisiert und in einer schnelllebigen Zeit müssen Aufträge am liebsten über Nacht erledigt werden.

«Wenn einfachere Arbeiten automatisiert oder ins Ausland verschoben werden, ist dies für uns eine grosse Herausforderung. Es stellt sich die Frage, womit wir in Zukunft Menschen mit Behinderung ausbilden oder beschäftigen können», gibt Aeschlimann zu bedenken.

Individuelles statt von der Stange

Diese Erfahrung hat auch der Leiter der Schreinerei des «Bürgerspital Basel», Jürgen Kohlbrenner, schon gemacht. Die Schreinerei ist einer von insgesamt 15 Betrieben des Bürgerspital Basel. Rund 400 Arbeitnehmende, die eine IV-Rente beziehen, beschäftigt das Bürgerspital in den verschiedenen Werkstätten.

In der Schreinerei arbeiten jeweils zwischen 30 und 35 Personen. Ein Drittel von ihnen hat eine Lernschwäche oder ein psychisches Leiden, ein Drittel sind Lehrlinge. «Wir spüren den Preisdruck auf dem Markt sehr. Früher haben wir kleine, einfache Arbeiten gemacht. Inzwischen haben wir uns auf individuelle Aufträge spezialisiert, zum Beispiel eine Küchengarnitur nach Mass oder den Kleiderschrank mit persönlichen Extras.» Doch grosse Stammkunden seien genauso wichtig, sagt Kohlbrenner.

Vielfalt statt Einheitsbrei

Eine weitere Strategie zur Sicherung von Arbeitsplätzen ist die  Diversifikation. Die Institutionen vergrössern ihre Produktpalette und bieten die unterschiedlichsten Dienstleistungen an. Die Stiftung Brändi beispielsweise ist in 14 Branchen tätig.

Es braucht die Menschen da draussen

Doch bei allem Erfindergeist und aller Flexibilität braucht es letztlich auch die Konsumenten und das Wissen um die Bedeutung geschützter und angepasster Arbeitsplätze.

Die Präsenz von Menschen mit Behinderung ist in den letzten Jahren zwar grösser geworden. «Dennoch ist das Thema Behinderung ein Low Involvement Thema», sagt Aeschlimann. Man wisse, dass es Menschen mit Behinderung gibt, wenn man aber nicht direkt betroffen sei oder jemanden Nahestehenden kennt, der davon betroffen sei, habe man das Thema nicht präsent. «Es ist sehr schwierig, Menschen mit Behinderung ins Zentrum der Gesellschaft zu stellen.»

Geschützte Arbeitsplätze als wichtiger Baustein für soziale Nachhaltigkeit

Damit die Arbeit läuft, sind die Werkstätten auf Aufträge aus der Privatwirtschaft angewiesen. Foto: © zVg

Wenn Kohlbrenner von seiner Arbeitswelt in der Schreinerei erzählt, klingt er trotz schwieriger Zeiten zuversichtlich. «Wir suchen die Zusammenarbeit mit den Unternehmen und beschaffen so Aufträge für die Schreinerei.» Daneben brauche es aber auch die Bevölkerung.

«Wir müssen uns bewusst werden, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung, sei es geistig oder körperlich, arbeiten und selber Geld verdienen wollen.» Den Kauf dieser Produkte unterstütze die Schreinerei und damit auch die beeinträchtigten Menschen und gebe ihnen eine gesunde Portion Selbstachtung. Das helfe in vielen Fällen mehr und sei nachhaltiger als eine Spende.

Ein Baustein der nachhaltigen Gesellschaft

Letztlich sind angepasste und geschützte Arbeitsplätze ein wichtiger Baustein einer nachhaltigen Gesellschaft. Und das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Roger Aeschlimann gibt ein konkretes Beispiel für den Kanton Luzern: «Die Stiftung Brändi hat einen Eigenfinanzierungsgrad von 52 Prozent. Mit dem Verkauf von Dienstleistungen und Produkten erwirtschaften wir über 44 Millionen Franken im Jahr. Damit entlasten wir die Gesellschaft im Kanton Luzern erheblich.»

Doch fast noch wichtiger: Menschen, die trotz einem Handicap arbeiten können, sind weniger vom Staat abhängig und haben die Chance, sich durch ihre Arbeit in unsere Gesellschaft zu integrieren. Für die Betroffenen selber bieten geschützte und angepasste Arbeitsplätze ungleich mehr. «Durch diese Arbeit haben handicapierte Menschen persönliche Entwicklungsziele, erfahren Geborgenheit und Dazugehörigkeit, sind stolz auf das, was sie tun und werden gebraucht. Sie können selbstständig wohnen und in der Gesellschaft mitreden», sagt Aeschlimann.

Dieser Artikel entstand mit Unterstützung der Coop-Nachhaltigkeitsinitiative «Taten statt Worte». Erfahren Sie mehr darüber, wie das Gütesiegel Solidarité Menschen mit Beeinträchtigung unterstützt, über die Zusammenarbeit von Coop mit sozialen Institutionen oder wie Coop sich für Flüchtlinge in der Schweiz engagiert.

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