Was die ESG-Kriterien über nachhaltige Investments aussagen Pauline Bodinek Nachhaltigkeit ist längst auch bei der Geldanlage ein wichtiges Thema und immer mehr Menschen wollen nachhaltig investieren. Doch nachhaltige Investments sind von konventionellen nicht immer leicht zu unterscheiden. Was die ESG-Kriterien bedeuten, wo ihre Grenzen liegen und wie du Fonds und ETFs fundierter beurteilen kannst. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Wer nachhaltig investieren möchte, muss die ESG-Kriterien kennen. © Akil Mazumder | Pexels Jede Kaufentscheidung, die wir heute treffen, beeinflusst die Welt von morgen. Das gilt in noch grösserem Umfang für die Geldanlage. Denn wo du dein Vermögen investierst, hat nicht nur einen Einfluss auf die Rendite, sondern auch auf Umwelt, Gesellschaft und wirtschaftliche Entwicklung. Deshalb spielen ESG-Investments eine wichtige Rolle auf dem Finanzmarkt und sind gefragter denn je. Sie bezeichnen Anlagen, bei denen die drei Kriterien Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance) systematisch berücksichtigt werden. Wenn du mit Rücksicht auf Mensch und Natur investieren möchtest, lohnt sich ein genauer Blick: ESG hilft bei der Einordnung, ist aber kein geschütztes Synonym für «durch und durch nachhaltig». Neben einer Definition erfährst du hier, wie ESG methodisch funktioniert, warum sich Ratings unterscheiden und worauf du in der Schweiz besonders achten solltest. Was sind ESG-Kriterien? Nachhaltigkeit ist im Finanzbereich – wie auch in vielen anderen Branchen – nicht einheitlich definiert. Gleichzeitig sind die Anforderungen an Transparenz und Nachvollziehbarkeit in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Anwendung der ESG-Kriterien gehört heute zu den verbreitetsten Ansätzen, um Nachhaltigkeitsaspekte in der Geldanlage systematisch zu erfassen. ESG-Kriterien – Definition Die Abkürzung ESG kommt aus dem Englischen und fasst die Bereiche Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung) zusammen. Research- und Ratingagenturen, Vermögensverwalter und Fondsanbieter bewerten Unternehmen und Finanzprodukte danach, wie sie in diesen drei Bereichen aufgestellt sind. Kurz: nach ESG-Kriterien. Die ESG-Kriterien © TarikVision / iStock / Getty Images Plus Die Kriterien unter diesen drei Begriffen gehören heute zu den wichtigsten Standards, um Nachhaltigkeitsrisiken und -chancen besser sichtbar zu machen. Für eine gute Bewertung müssen Unternehmen in mehreren ESG-Bereichen überzeugen. Die folgende Liste zeigt typische Themen, die bei nachhaltigen Anlagen bewertet werden: Umwelt (E) Energieverbrauch und -effizienz, Treibhausgasemissionen sowie Nutzung erneuerbarer Energien Ressourcenverbrauch und Schutz natürlicher Lebensräume Abfallmanagement, Umweltverschmutzung und Umgang mit Klimarisiken Soziales (S) Faire Arbeitsbedingungen und gerechte Entlohnung Gesundheits- und Arbeitsschutz Umgang mit lokalen Gemeinschaften, Lieferkettenverantwortung und Menschenrechte Unternehmensführung (G) Korruptionsprävention Transparenz und Qualität der Berichterstattung Vergütung der Geschäftsleitung, Vielfalt und Kontrolle in Leitungsorganen Stärkung der Anlegerrechte Damit bieten ESG-Kriterien einen tieferen Einblick in Unternehmen und Kapitalanlagen, als klassische Finanzkennzahlen allein es tun. Für dich als Anleger:in kann das helfen, besser zu verstehen, welche Risiken, Zielkonflikte und Nachhaltigkeitsansätze hinter einem Produkt stehen. Wichtig zu wissen: ESG = Analyseansatz, nicht Qualitätsgarantie Ein hoher ESG-Score bedeutet nicht automatisch, dass ein Unternehmen oder Fonds «vollständig nachhaltig» ist. ESG zeigt in erster Linie, wie systematisch relevante Umwelt-, Sozial- und Führungsaspekte in die Analyse einfliessen. Laut der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA, 2024, sind klare und überprüfbare Angaben wesentlich, damit Kund:innen Nachhaltigkeitsmerkmale von Finanzprodukten nachvollziehen können. Auch die Asset Management Association Switzerland AMAS, 2024, betont, dass Nachhaltigkeitsansätze präzise beschrieben und konsequent umgesetzt werden müssen. ESG ist nicht gleich SRI und nicht gleich Impact Viele Begriffe rund um nachhaltige Geldanlagen klingen ähnlich, beschreiben aber unterschiedliche Methoden. Genau hier entstehen oft Missverständnisse. Wenn ein Fonds «ESG» im Namen trägt, heisst das noch nicht, dass er dieselben Ziele verfolgt wie ein strenger SRI-Fonds oder ein Impact-Produkt. ESG-Integration – worum es methodisch geht Bei der ESG-Integration werden Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren in die klassische Finanzanalyse eingebaut. Es geht also darum, zusätzliche Risiken und Chancen zu bewerten: etwa Klimarisiken, Konflikte in Lieferketten oder Mängel in der Unternehmensführung. Dieser Ansatz kann zu einer besseren Risikoeinschätzung führen, schliesst aber nicht automatisch bestimmte Branchen aus. Ein Fonds mit ESG-Integration kann deshalb weiterhin in Unternehmen investieren, die in einer umstrittenen Branche tätig sind, solange sie innerhalb des Modells als vergleichsweise besser geführt oder weniger riskant eingestuft werden. SRI – warum der Begriff oft strenger verstanden wird SRI steht meist für «Socially Responsible Investing». In der Praxis wird der Begriff häufig für strengere Nachhaltigkeitsstrategien verwendet, die zusätzlich mit Ausschlusskriterien arbeiten. Dazu können etwa Kohle, kontroverse Waffen, schwere Verstösse gegen Arbeitsrechte oder Unternehmen mit wiederholten Verletzungen internationaler Normen gehören. Wichtig ist aber: SRI ist kein weltweit einheitlich geschützter Begriff. Wie streng ein Produkt tatsächlich ist, zeigt sich erst in den Anlagegrundsätzen und im Fondsprospekt. Impact Investing – wann Wirkung explizit gemessen wird Impact Investing geht noch einen Schritt weiter. Hier soll mit dem investierten Kapital eine konkrete positive Wirkung erzielt und möglichst auch messbar gemacht werden, etwa beim Ausbau erneuerbarer Energien, bei sozialem Wohnraum oder bei Kreislaufwirtschaft. Entscheidend ist nicht nur, ob Risiken berücksichtigt werden, sondern ob die Anlage nachweisbar auf eine positive Veränderung ausgerichtet ist. Wenn du also gezielt «Wirkung» suchst, reicht ein blosses ESG-Label meist nicht aus. Dann lohnt sich der Blick darauf, ob ein Fonds klare Wirkungsziele, Kennzahlen und regelmässige Wirkungsberichte veröffentlicht. Mini-Checkliste für Fondsnamen und Fondsdokumente Steht im Namen nur «ESG» oder auch «SRI», «Sustainable», «Climate» oder «Impact»? Werden im Fondsprospekt konkrete Ausschlüsse genannt? Ist erklärt, ob ESG nur integriert oder aktiv zur Titelauswahl genutzt wird? Findest du Angaben zu Best-in-Class, Engagement oder Stimmrechtsausübung? Ist das aktuelle Portfolio einsehbar und mit der Nachhaltigkeitsaussage vereinbar? Werden Nachhaltigkeitsziele mit Kennzahlen belegt oder nur allgemein beschrieben? ESG: Es gibt auch Ausschlusskriterien Es gibt zudem Ausschlusskriterien, die von Fondsanbietern und Ratingagenturen mehr oder weniger streng angesetzt werden. Beispielsweise werden Unternehmen ausgeschlossen, die Kohle fördern, kontroverse Waffen herstellen oder in schwere Verstösse gegen internationale Normen verwickelt sind. Nicht alle Ausschlusskriterien sind für nachhaltige Investments allgemeingültig. Es gibt normbasierte Ausschlüsse, die sich an international anerkannten Standards orientieren – dazu gehören etwa Kinderarbeit, Zwangsarbeit, schwere Menschenrechtsverletzungen oder Korruption. Daneben gibt es wertbasierte Ausschlüsse. Hier entscheidest du als Anleger:in selbst, welche Themen dir wichtig sind. So kannst du bei der Geldanlage darauf achten, dass keine Waffen, kein Alkohol, keine fossilen Brennstoffe oder keine problematischen Geschäftsmodelle über deine Anlage mitfinanziert werden. Warum ESG-Fonds trotzdem Öl-, Banken- oder Rohstofftitel enthalten können Viele Menschen sind überrascht, wenn sie in einem ESG-Fonds Titel aus dem Energie-, Finanz- oder Rohstoffsektor entdecken. Das muss nicht automatisch ein Fehler sein. Oft liegt es an der gewählten Methodik. Best-in-Class kurz erklärt Beim Best-in-Class-Ansatz werden nicht zwingend ganze Branchen ausgeschlossen. Stattdessen werden innerhalb einer Branche diejenigen Unternehmen bevorzugt, die im Vergleich zu ihren direkten Konkurrenten bei ESG-Kriterien besser abschneiden. Ein Ölkonzern kann so in einem ESG-Fonds landen, wenn er innerhalb seiner Branche als «relativ besser» gilt als andere Ölkonzerne. Das ist methodisch nachvollziehbar, kann aber zu Enttäuschungen führen, wenn du eigentlich ein Produkt ohne fossile Energien suchst. Genau deshalb ist es wichtig, die Strategie des Fonds nicht nur am Namen, sondern an den Details zu beurteilen. ESG-Risiken sind nicht automatisch Ausschlusskriterien Ein zentraler Punkt wird oft übersehen: ESG-Ratings bewerten häufig, wie gut ein Unternehmen mit Nachhaltigkeitsrisiken umgeht – nicht zwingend, ob sein Geschäftsmodell an sich nachhaltig ist. Ein Unternehmen kann also gute Prozesse im Bereich Governance haben und Klimarisiken sauber managen, obwohl es in einer ökologisch problematischen Branche tätig ist. Darum kann ein ESG-Fonds Unternehmen enthalten, die du persönlich nicht als nachhaltig empfindest. ESG-Risikoanalyse und ethische Ausschlusslogik sind verwandt, aber nicht identisch. Darum lohnt sich der Blick ins Fondsportfolio Wenn du wirklich wissen willst, was dein Geld unterstützt, reicht ein ESG-Label allein nicht. Schau dir die grössten Positionen, die Ausschlussliste und die Anlagestrategie an. Achte besonders darauf, ob der Fonds breit formulierte Nachhaltigkeitsziele nennt oder ob er nachvollziehbar erklärt, nach welchen Regeln Unternehmen aufgenommen, ausgeschlossen oder aktiv beeinflusst werden. Gerade in der Schweiz ist dieser Blick wichtig. Die FINMA hat 2024 in ihrer Aufsichtskommunikation zu Greenwashing betont, dass Nachhaltigkeitsbezogene Bezeichnungen nicht irreführend sein dürfen und dass Prozesse, Ziele und Anlagestrategien konsistent offengelegt werden müssen. Wer bewertet und definiert ESG-Kriterien? Auf Nachhaltigkeit spezialisierte Ratingagenturen übernehmen die Messung der ESG-Kriterien. Dabei gewichten sie Umwelt, Soziales und Unternehmensführung unterschiedlich und verwenden eigene Modelle, Datenquellen und Definitionen. Auch grosse Finanzdatenanbieter wie MSCI, Bloomberg oder Morningstar Sustainalytics stellen heute entsprechende Ratings zur Verfügung. Genau hier liegt eine wichtige Grenze: Es gibt keinen weltweit einheitlichen ESG-Massstab. Unterschiedliche Ratings sind deshalb nicht automatisch ein Widerspruch, sondern oft die Folge verschiedener Methoden und Gewichtungen. Klar wird dabei: ESG-Kriterien sind ein wichtiger Anhaltspunkt für nachhaltige Geldanlagen – aber keine absolute Wahrheit. Nachhaltigkeit bleibt auch eine Frage der Methodik, der Datenqualität und deiner persönlichen Prioritäten. Wenn du Fonds vergleichst, hilft dir deshalb nicht nur der ESG-Score. Ebenso wichtig sind Ausschlüsse, Portfoliozusammensetzung, Transparenz über Stimmrechtsausübung und das sogenannte Engagement, also der aktive Dialog des Fondsanbieters mit Unternehmen. FAQ zu ESG-Fonds Die häufigsten Fragen auf einen Blick ESG-Fonds sind nicht automatisch umfassend nachhaltig. Unterschiedliche Ratings entstehen durch unterschiedliche Methoden und Daten. FINMA und AMAS stärken in der Schweiz vor allem Transparenz und Klarheit gegen Greenwashing. Sind ESG-Fonds automatisch nachhaltig? Nein. ESG-Fonds berücksichtigen Nachhaltigkeitsaspekte, aber je nach Methode sehr unterschiedlich. Manche integrieren ESG nur als zusätzlichen Analysefaktor, andere arbeiten mit klaren Ausschlüssen, wieder andere verfolgen einen Best-in-Class-Ansatz. Wenn dir bestimmte Themen wichtig sind, etwa kein Öl oder keine Waffen, solltest du das immer in den Fondsdokumenten und im Portfolio prüfen. Warum unterscheiden sich ESG-Ratings je nach Anbieter? Weil Ratinganbieter unterschiedliche Datenquellen, Definitionen und Gewichtungen verwenden. Der eine gewichtet Klimarisiken stärker, der andere Governance oder Kontroversen. Zudem ist nicht jede Unternehmensangabe gleich gut vergleichbar. Unterschiedliche Resultate sind deshalb häufig Ausdruck verschiedener Modelle – nicht zwingend ein Hinweis darauf, dass eines der Ratings falsch ist. Welche Rolle spielen FINMA und AMAS in der Schweiz? Die FINMA beaufsichtigt den Finanzmarkt und hat 2024 ihre Erwartungen an die Vermeidung von Greenwashing konkretisiert. Für dich bedeutet das: Nachhaltigkeitsbezogene Aussagen sollen nicht irreführend sein und müssen mit Strategie, Prozessen und Portfolio zusammenpassen. Die AMAS hat 2024 ihre Selbstregulierung für nachhaltigkeitsbezogene kollektive Kapitalanlagen weiterentwickelt. Das soll für mehr Vergleichbarkeit und verständlichere Informationen sorgen. Woran erkenne ich Greenwashing eher früh? Warnsignale sind sehr allgemeine Formulierungen ohne klare Kriterien, fehlende Ausschlusslisten, keine Einsicht ins Portfolio, keine Angaben zur Stimmrechtsausübung und keine messbaren Nachhaltigkeitskennzahlen. Vorsicht ist auch angebracht, wenn der Fondsname sehr ambitioniert klingt, die Unterlagen aber kaum erklären, wie diese Ansprüche umgesetzt werden. Reicht ein Blick auf die Rendite und den ESG-Score? Nein. Beide Kennzahlen sind hilfreich, aber nicht genug. Ein sinnvoller Vergleich berücksichtigt zusätzlich Kosten, Strategie, Ausschlüsse, Portfolio, Transparenz und deinen eigenen Zeithorizont. Nachhaltige Geldanlage ist nicht nur eine Frage von Zahlen, sondern auch von Prioritäten und Zielkonflikten. Fazit: ESG kann dir Orientierung geben – entscheiden musst du trotzdem selbst ESG-Kriterien helfen dir, Nachhaltigkeitsrisiken und -chancen strukturierter zu bewerten. Das ist nützlich, gerade wenn du verständlicher und bewusster investieren möchtest. Gleichzeitig ist ESG keine Garantie dafür, dass ein Fonds deinen persönlichen Wertvorstellungen entspricht. Am meisten Klarheit gewinnst du, wenn du drei Dinge kombinierst: die Methode des Fonds verstehen, Ausschlüsse prüfen und die grössten Positionen im Portfolio ansehen. So triffst du keine Entscheidung nur nach dem Etikett, sondern auf Basis von nachvollziehbaren Informationen.