Ernst Ulrich von Weizsäcker: Wachstum durch mehr Nachhaltigkeit

Der Klimaforscher und Umweltpolitiker ist der Pionier der ökologischen Steuerreform. In seinem neuen Buch «Faktor 5» zeigt der Umweltexperte, wie die globale Ressourcenproduktivität um das Fünffache gesteigert werden kann. Mit nachhaltigleben.ch sprach er über sein Engagement für eine nachhaltigere Gesellschaft.

Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Klimaforscher und Umweltpolitiker und engagiert sich für mehr Nachhaltigkeit.
Ernst Ulrich Von Weizsäcker, Foto: Natur Messe Basel.
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Sie engagieren sich seit Jahrzehnten für den Umweltschutz. Was sind Ihre grössten Erfolge?

Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, das am Anfang stark durch mich geprägt war, hat meiner Meinung nach die Umweltdiskussion erheblich befruchtet. Insbesondere Friedrich Schmidt-Bleek‘s Konzept Faktor 10 hat dazu beigetragen. Dieses Konzept habe ich auf den Faktor 4 etwas abgeschwächt, damit die Steigerung der Ressourcenproduktivität auch die etwas schwierige Thematik der Energieeffizienz einbinden kann. Ich denke, dieses Projekt hat seinen Weg gemacht durch die internationalen Organisationen. Inzwischen weiss jeder, dass man mit dem Klimaschutz nicht vorankommt, wenn man nicht wenigstens so etwas wie einen Faktor 4 zustande bekommt.

Und was war für Sie persönlich die grösste Enttäuschung in der Nachhaltigkeitsdebatte der letzten 2o Jahre?

Enttäuschend ist, dass die im Prinzip gute und auch wirtschaftsfreundliche Idee einer ökologischen Steuerreform immer wieder sabotiert worden ist. Nachdem wir sie in Deutschland fünf Jahre lang verwirklicht hatten, hat die Politik das Programm einfach wieder still gelegt. Zudem war natürlich sehr enttäuschend, dass die USA mit ihrer politischen Wende von 1981 praktisch aufgehört haben, eine Umweltschutz-Nation zu sein. Und das ist immerhin die politisch mächtigste Nation der Erde. Seither ist es unendlich schwierig geworden, internationale Umweltpolitik zu machen, weil die USA eigentlich immer blockieren.

Sie sind einer der geistigen Väter der ökologischen Steuerreform in Deutschland. Was wurde davon letztlich wirklich umgesetzt?

1999 wurde in Deutschland beschlossen, dass in fünf kleinen Schritten Benzin, Strom und Gas für Heizungen verteuert werden und die Einkünfte verwendet werden, um die Lohnnebenkosten zu senken. Dadurch sollte es im Vergleich zu vorher rentabler werden, Energie einzusparen, statt Menschen zu entlassen. Auch in Skandinavien wurden ökologische Steuerreformen umgesetzt, dort jedoch mit rein ökologischen Motiven. In Deutschland hatte die Umsetzung hingegen auch ein beschäftigungspolitisches Motiv.

In Ihrem neuen Buch «Faktor 5» stellen Sie die Ressourcenproduktivität in den Vordergrund. Warum ist dies für Sie der zentrale Hebel?

Unter Produktivität versteht man fast immer nur die Arbeitsproduktivität und sagt, dass deren Erhöhung der Kern des Fortschritts sei. Und das sagt man in einer Zeit, wo nach Auskunft der Weltarbeitsorganisation ILO eine Milliarde Arbeitsplätze fehlen. Gleichzeitig sagen alle, Energie und Ressourcen werden knapp, einschliesslich Wasser. Dennoch tut die Wirtschaft weiterhin so, als ob wir das vergeuden dürften. Das ist vollständig irrational. Produktivität eines knappen Faktors, in diesem Fall Ressourcen, zu erhöhen, ist viel wohlstandsförderlicher als die Produktivität eines Überflussfaktors zu erhöhen. Das ist eine ganz einfache, ökonomische Überlegung. Den knappen Faktor produktiver machen, das schafft Wohlstand und gleichzeitig Umweltentlastung.

Sie fordern auch die Wiedererstarkung des Staates für eine Förderung der nachhaltigen Entwicklung. Ist dies denn angesichts des schlechten Ansehens in der Bevölkerung und der geringen Handlungsspielräume überhaupt realistisch?

Dass der Staat in den letzten Jahrzehnten enorm geschwächt worden ist, liegt zum grossen Teil an einer Doktrin, die mit dem Namen Milton Friedman verbunden ist. Friedman hatte die Schwächung des Staates zum Ziel, um die Förderung des freien Marktes voranzutreiben. Mein Anliegen ist es, die Aufklärung zu leisten, dass diese Geschichte der Schwächung des Staates jedoch gleichzeitig eine Schwächung aller öffentlichen Anliegen ist: der Umwelt, der Gerechtigkeit, der Volksbildung, sowie der Verteilung von Wohlstand, denn all das ist schlechter geworden. Die Menschen müssen verstehen, dass das Friedmansche Programm der Schwächung des Staates eine Schwächung der Bürger war und es insofern irrational ist, wenn die Bürger auf den Staat schimpfen. Sie sollten auf Friedman schimpfen und den Staat wieder zu Ehre kommen lassen. Dann kann der Umweltschutz auch wieder vorankommen.