Julika Fitzi: «Die Tierversuchsverbotsinitiative ist zu kurz gedacht»

Die Volksinitiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» möchte alle Tierversuche in der Schweiz verbieten. Dieses Streben geht Bund und Parlament zu weit und selbst der Schweizer Tierschutz (STS) spricht sich gegen die Initiative aus. Wir haben mit Julika Fitzi, Leiterin der Fachstelle Tierversuche beim STS, gesprochen und wollten wissen, warum die Initiative übers Ziel hinausschiesst.

Forschende tropft etwas in eine Petrischale
Tierversuche sind ein grosser Bestandteilung der Forschung in Tier- und Humanmedizin. © FreshSplash / E+
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Am 13. Februar stimmen Schweizer Stimmberechtigte über ein Verbot von Tier- und Menschenversuchen ab. Käme die Initiative durch, würde sich für die Schweiz vieles ändern. Beispielsweise wären ab 2024 alle neuen Medikamente, die irgendwo auf der Welt an Tieren getestet wurden, verboten. Das geht der öffentlichen Mehrheit zu weit. Auch der Schweizer Tierschutz distanziert sich von der Initiative, obwohl auch er ein Verbot von Tierversuchen anstrebt.

Im Gespräch mit Dr. med. vet. MLaw Julika Fitzi möchten wir wissen, warum der STS die Initiative nicht unterstützt und weshalb ein Ja zum Tierversuchsverbot die Schweiz vom globalen Handel abschotten würde.

Nachhaltigleben: Frau Fitzi, können Sie in wenigen Worten sagen, wofür der Schweizer Tierschutz (STS) steht?

Frau Fitzi: Der STS ist der älteste und grösste Tierschutzverein der Schweiz. Wir sind als Dachverband zu verstehen und setzen uns für alle Tieranliegen ein.

Sie leiten unter anderem die Fachstelle Tierversuche. Ist es ein Ziel des STS, Tierversuche abzuschaffen?

Wir setzten uns ganz klar für ein Verbot schwerbelastender Tierversuche ein und möchten Schritt für Schritt von Tierversuchen für die Gesundheitsforschung des Menschen wegkommen. Schwer belastende Tierversuche verursachen aus unserer Sicht nur Tierleid und machen wissenschaftlich keinen Sinn. Deshalb ist die Abschaffung genau dieser Tierversuche eines unserer wichtigsten Ziele.

Inwiefern unterscheidet sich dieses Ziel von dem, das die Initiative «JA zum Tier- und Menschenversuchsverbot» anstrebt?

Julika Fitzi
Julika Fitzi © Julika Fitzi

Die Initiative will alle Tier- und Menschenversuche verbieten. Wir finden, dass das schrittweise passieren muss. Ausserdem sind wir der Meinung, dass nichtbelastende Tierversuche sinnvoll sein können. Zum Beispiel wenn es darum geht, das Tierwohl zu verbessern oder Erkenntnisse über das Tierverhalten zu erlangen, denn das kann für Verbesserungen in der Tierhaltung sorgen. Wenn das Ziel der Forschung jedoch ist, Erkenntnisse für die menschliche Gesundheit zu gewinnen, dann kann das nicht mit Tierversuchen passieren. Dann muss das mit Menschen, menschlichem Gewebe oder anderen Ersatzmethoden geschehen, dafür ist das Tier das falsche Medium. Eine Abschaffung aller Tierversuche ist nicht unser Fokus, sondern diese klare Differenzierung.

Ist das Tier das falsche Medium für den Menschen, weil es sich nicht immer übertragen lässt?

Das ist das eine, es lässt sich nicht oder kaum auf den Menschen übertragen. Zudem ist das System Tierversuche sehr fragil, denn es birgt viele Fehlerquellen. Tiere sind empfindungsfähige und schmerzfähige Individuen, die auch ein Erinnerungsvermögen haben, und dieses sowie Belastungen und Stress können die Ergebnisse beeinflussen.

Dieses System ist aber nie hinterfragt worden. Wir wissen eigentlich gar nicht, wo wir stehen würden, wenn wir keine Tierversuche für menschliche Therapien machen würden. Vielleicht wären wir schon viel weiter – davon gehe ich sogar aus.

Hier überschneiden sich Ihre Ansichten stark mit denen der Initiatiant*innen. Im Gespräch mit Herrn Werndli, der sich im Komitee der Initiative engagiert, hat er ebenfalls betont, dass die Forschung vermutlich weiter wäre, wenn nicht auf Tierversuche gesetzt worden wäre.

Das ist natürlich nur eine Schätzung. Sie beruht aber auf meinen langjährigen Erfahrungen, die ich in diesem Fachbereich machen konnte. Es ist tatsächlich so, dass wir sehr viel ersetzen können mit Computermodellen, Invitro, Insilico, Organs on a Chip und viele weitere Methoden. Wenn wir das jetzt alles zusammenfassen, ist es irrsinnig, dass wir immer noch mit Tieren und tierischen Materialien arbeiten, obwohl wir ja Produkte brauchen, die beim Menschen funktionieren und wirken sollen. Da muss noch viel Arbeit geleistet werden und ein grosses Umdenken stattfinden, dass wir von Tierversuchen wegkommen. Nicht zuletzt sind sie wahnsinnig teuer und vielfach auch irreführend, denn wir wollen ja mit der Forschung und Entwicklung primär beim Menschen landen und nicht beim Tier.

Anders als der STS unterstützt die Schweizer Liga gegen Tierversuche (LSCV) die Initiative. Ihre Begründung ist, dass Tierversuche in der Forschung noch immer mehr finanzielle Unterstützung erhalten als Alternativmethoden. Der STS fordert seit langem das Gleiche, oder?

Wir haben schon vor der Initiative gefordert, dass tierversuchsfreie Methoden mindestens dieselbe staatliche Unterstützung erhalten sollen wie Tierversuche. Das 3R Kompetenzzentrum sowie das nationale 5-Jahres-Programm vom Bund, wo 20 Millionen Franken innert fünf Jahren in tierversuchsfreie Forschung investiert werden, sollen diesen Prozess vorantreiben. Aber auch das ist noch viel zu wenig.

Würden die Investitionen fliessen und gäbe es strengere Bewilligungskriterien für Tierversuche, dann würden sich manche Lehrstühle und Forschenden sehr wahrscheinlich umorientieren. Aber das ist nicht mit einer Hauruck-Aktion, wie es die Tierversuchsverbotsinitiative versucht, zu gestalten.

Anmerkung der Redaktion: Das 3R Kompetenzzentrum Schweiz unterstützt als gemeinnütziger Verein die Bildung, Forschung und Kommunikation in Zusammenhang mit den 3R-Prinzipien. Ziel der 3R-Prinzipien (reduce, replace und refine) ist es, weniger Tierversuche durchzuführen, immer mehr zu ersetzen und die Tiere in den Versuchen weniger zu belasten.

Auf der Website des STS steht, dass eine tierversuchsfreie Entwicklung humanrelevanter Forschung nicht mit rückschrittlichen Forderungen vereinbar ist. Welche Forderungen der Initiant*innen empfinden Sie als rückschrittlich?

Ich fände zum Beispiel rückschrittlich, wenn wir uns aufgrund der Annahme dieser Initiative abschotten müssten. Schliesslich wären weder Tierarzneimittel noch Humanarzneimittel, die mit Tierversuchen gemacht wurden, nach der Initiative noch importfähig. Es käme nichts mehr auf den Markt, was mit Tierversuchen getestet wurde. Kein Haarfärbemittel, kein Lack, keine Farbe, kein Lebensmittelzusatz, keine Vitaminprodukte. Viele Dinge, die wir im Haushalt nutzen, sind sicher nicht ohne Tierversuche in Verkehr gebracht worden. Die Tierversuchsverbotsinitiative ist zu kurz gedacht. Wenn wir keine Produkte, die irgendwo an Tieren getestet wurden, importieren können, bleibt nicht mehr viel übrig. Und wir können unmöglich alles selbst herstellen.

Die Initiative ist dem STS also zu radikal?

Ja, und das ist das Dilemma. Denn einige Punkte der Initiative sind vollkommen gerechtfertigt. Sie greift nur viel zu kurz, indem sie hergeht und jeden Tierversuch als Verbrechen abstempelt und Importmöglichkeiten ausschliessen würde, die grösstenteils nötig oder gar lebensrettend sind. Die Schweiz kann sich aufgrund der Geografie nicht in dem Ausmass abschotten. Der Handel und wir sind darauf angewiesen, dass Medikamente oder Substanzen importiert werden, die beispielsweise in den USA oder in China zugelassen wurden.

Im Grunde sind die Ziele der Initiative und des STS die gleichen. Hat der STS an einem Punkt überlegt, die Initiative zu unterstützen?

Die Initiative wurde einfach lanciert – ohne grosse Rücksprache mit uns. Danach gab es einen kurzen Austausch. Wir haben aber schnell gemerkt, dass wir nicht zueinander finden, weil die Ansichten zu weit auseinander gegangen sind.

Und dann kam der politische Prozess dazu, in den wir sehr involviert waren. Wir haben intensiv im Parlament an Gegenvorschlägen mitgearbeitet. Aber sowohl die Initianten als auch die Parlamentarier, die natürlich gemerkt haben, dass die Initiative nicht durchkommt, haben die Gegenvorschläge nicht angenommen. Wenn die Initianten etwas offener gewesen wären, hätte es vielleicht einen Gegenvorschlag geben können. Dann hätten wir gemeinsam an einem Strick gezogen und Bund und Politik wären unter Druck geraten.

Das Einzige, was nun zustande kam, war das Nationale Forschungsprojekt «Advancing 3R». Das war wohl hauptsächlich ein strategischer Entscheid des Bundes. Das wird nun ein bisschen die Gemüter beruhigen, auch die Forschenden und einen Teil der Mitstreiter zufriedenstellen. So kann man sehen, dass im Bereich Tierversuche und Alternativmethoden was gegangen ist.

Wie hätte das besser laufen können?

Für mich wäre es wichtig gewesen, die Initiative nicht so radikal zu formulieren, sondern Step-By-Step-Szenarien auszuarbeiten, die uns der ganzen Thematik nähergebracht hätten.

Denn wir müssen tatsächlich überlegen, was wir da eigentlich machen, wieviel Tierleid da verursacht wird und wohin wir in den nächsten Jahren wollen. Wenn wir die menschliche Gesundheit nachhaltig fördern wollen, dann geht das auf Dauer nur mit menschlichen Materialien, Probanden und schlussendlich der erfolgreichen Anwendung beim Menschen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass in naher Zukunft in der Schweiz keine Tierversuche mehr gemacht werden?

Dass keine Tierversuche mehr gemacht werden, ist meiner Meinung nach ganz unwahrscheinlich. Tierversuche gehören teilweise auch zur Ausbildung für verschiedene Berufe, die naturwissenschaftlich, biomedizinisch oder bioanalytisch ausgerichtet sind. Tiermediziner beispielsweise müssen verschiedene diagnostische Untersuchungstechniken lernen, bevor sie ihren Beruf ausüben können. Diese gelten als Tierversuche und müssen bewilligt werden.

Auch der Begriff «Tierversuch» müsste zugenauer differenziert werden, da hier sehr viele Dinge mit reinzählen. Für mich ist aber ganz klar, dass schwerbelastende Tierversuche keine Daseinsberechtigung haben, noch nie hatten und auch zukünftig nicht haben sollten. Und ich denke, es wäre eine realistische Möglichkeit, diese schwerbelastenden Tierversuche zu verbieten.

Wenn in der Schweiz keine Tierversuche mehr gemacht werden dürften, könnte man dann überhaupt sagen, dass wir «tierversuchsfrei» sind?

Nein, das könnten wir nicht. Wir sollten uns nicht der Illusionen hingeben, dass durch eine Abschaffung von Tierversuchen in der Schweiz unser Land nicht anderswo für Tierversuche verantwortlich ist. Das ist jetzt schon so, darüber spricht nur niemand. Wir haben zwar eine schöne Tierversuchsstatistik, wo die Zahlen jedes Jahr ein bisschen weiter runter gehen. Das liegt aber vor allem daran, dass viele Tierversuche schon ins Ausland ausgelagert wurden und der Trend dahin geht, dass auch weiterhin viel ausgelagert wird. Dafür sind in erster Linie die grossen Pharmafirmen verantwortlich, aber auch die Universitäten können Tierversuche quasi «auslagern», indem sie gemeinsame Projekte mit Universitäten oder Hochschulen im Ausland durchführen, inklusive Tierversuchen. Das verzerrt natürlich hierzulande die Statistiken.

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