Warum scheiterte der zweite Schweizer Nationalpark an der Urne?

Rund um das Bündner Rheinwaldhorn sollte der Parc Adula zum Nationalpark werden. Doch im November 2016 endete der Traum. Wir haben mit dem Direktor des Parc Adula und einem Mitglied des Nein-Komitees über die Gründe gesprochen.

Parc Adula: Warum der geplante Nationalpark an der Urne scheiterte
Foto: © Marcus Gyger / swissimage
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Nach 16 Jahren Vorbereitung nahm der Parc Adula in den Kantonen Graubünden und Tessin langsam Gestalt an. Auf dem Gebiet von neun Gemeinden sollte die sogenannte Kernzone des Parks entstehen. Sie hätte 145 Quadratkilometer nahezu unberührter Natur umfasst. Dazu kommt eine Umgebungszone, an der sich 8 weitere Gemeinden beteiligt hätten. Dieser Bereich war als Puffer um die Kernzone gedacht und sollte weniger streng reglementiert werden.

Mit insgesamt 1250 Quadratkilometern wäre der Parc Adula mehr als 7-mal grösser gewesen als der Schweizerische Nationalpark im Engadin. Doch nach der Abstimmung vom 27. November 2016 traten 8 der 17 beteiligten Gemeinden aus dem Projekt aus. Damit platzte der Traum vom Nationalpark rund um den Piz Adula.

Was hätte der Parc Adula für die Natur gebracht?

Im Herzen des Parks sollte der Naturschutz absolute Priorität geniessen. Die Charta des Parc Adula sah in der Kernzone zahlreiche Verbote für Einheimische und Touristen vor, um die reichhaltige Flora und Fauna im Alpengebiet sowie die unvergleichbaren Landschaften zu schützen.

Bereits in den Jahren der Vorbereitung wurden zudem zahlreiche Pilotprojekte umgesetzt, um zu zeigen, wie ein Nationalpark unter anderem die Natur in der Region fördern könnte. So setzte sich das Nationalpark-Projekt beispielsweise dafür ein, dass Moorgebiete und Kastanienwälder erhalten bleiben. Auch unterstützte die Initiative die Renovation von Trockenmauern, die nicht nur seit Jahrhunderten die Landschaft prägen, sondern auch verschiedenen Tierarten einen wichtigen Lebensraum bieten. Trotz der positiven Auswirkungen für die Umwelt und zahlreicher Ausnahmeregelungen sorgten aber die Verbote für viel Unmut.

«Wir dürften die Natur nicht so geniessen, wie wir es bisher konnten. Mit den vielen Verboten wäre das nicht mehr möglich», meint Pablo Maissen, Präsident der SVP Surselva und Mitglied im mittlerweile aufgelösten Nein-Komitee. Gleichzeitig hätten die neuen Regeln seiner Meinung nach insgesamt nur wenige Verbesserungen für den Naturschutz gebracht. Denn viele Gebiete, so wie die Greina-Hochebene, stehen bereits unter besonderem Schutz.

Doch der zweite Nationalpark hätte auch noch mehr als Naturschutz bringen sollen.

Parc Adula: Warum der geplante Nationalpark an der Urne scheiterte

Greina Hochebene. Foto: © Roland Gerth / swissimage

Wie könnte die Bevölkerung von einem Nationalpark profitieren?

Der Parc Adula sollte als Nationalpark neben der Natur auch die lokale Bevölkerung unterstützen. «Produkte und Dienstleistungen hätten durch das Park-Label auf schweizerischem Niveau vermarktet werden können. Zusätzlich hätte die Umgebung an Anerkennung und Tourismus gewonnen», erklärt Martin Hilfiker, Direktor des Parc Adula im Interview.

Die Gegner des Parks im Nein-Komitee sahen das etwas anders: Statt Touristen anzulocken, wären diese eher von den unnötigen Verboten abgeschreckt worden. Wandern im Nationalpark wäre beispielsweise nur eingeschränkt auf genau festgelegten Routen möglich gewesen und die Hunde der Touristen hätten die Kernzone nicht betreten dürfen. Auch sei der Tourismus in anderen Schutzzonen rückläufig und einige Hotels in den Bündner Pärken mussten sogar schon schliessen.

Was jedoch unumstritten dem Gebiet geholfen hätte, sind die mit einem Nationalpark verbundenen Fördergelder. Jährlich 5,2 Millionen Franken hätten dadurch zur Verfügung gestanden. Sie sollten in Projekte investiert werden, die auch dazu beitragen, Arbeitsplätze zu sichern. Martin Hilfiker ist überzeugt, dass dieses Geld «mit Sicherheit der Wirtschaft in den Regionen geholfen hätte, sich weiterzuentwickeln.» Doch das reichte der Bevölkerung wohl nicht aus. «Wir sind unverkäuflich», erklärt Pablo Maissen dazu.

So waren es denn auch nicht nur die Verbote, die Kritik auslösten, sondern auch die Vorgehensweise im Verlaufe der Planung des Nationalparkprojekts. Wie Maissen erläutert, sei «vieles erst deutlich zu spät kommuniziert worden, als sich bereits eine Gegenfront aufgebaut hatte.» Die Verantwortlichen für den Nationalpark hätten einfach «nicht den Puls der Bevölkerung gespürt.» Eine Kritik, die sich eben genau im Wahlergebnis vom 27. November 2016 niederschlägt.

Dennoch hat ein zweiter Nationalpark gute Chancen

In einem sind sich Martin Hilfiker und Pablo Maissen trotz aller Unterschiede einig. Beide halten es für möglich, dass es irgendwann doch noch einen zweiten Schweizer Nationalpark geben wird.

Allerdings betont Pablo Maissen, dass die Region gut gewählt sein sollte, die dann dem Naturschutz überlassen werde: «Ein Nationalpark kann nur dort funktionieren, wo es keine Bevölkerung hat und niemand das Land und den Boden braucht.»

Martin Hilfiker setzt indes bereits neue Hoffnungen in ein konkretes Projekt, und zwar den Parco del Locarnese im Tessin. Denn er meint: «Die Schweiz ist besonders geeignet für einen zweiten Nationalpark und diese Chance nochmals zu verpassen, wäre eine Schande.»

Text: Anja Stettin