Kommt das EU-Reifenlabel bei Winterreifen gefährlich ins Schleudern?

Seit 2012 gibt es das EU-Reifenlabel, das dem Verbraucher beim Kauf helfen soll, sich über den Rollwiderstand, der  Spritverbrauch beeinflusst, Abrollgeräusche und Bremseigenschaften zu informieren. Doch die Sache hat gleich mehrere Haken. Kritiker gehen so weit zu sagen, dass das Etikett für Winterreifen sogar gefährlich sein kann.

EU Reifenlabel: Kennzeichnung für Winterreifen gefährlich?
Bei winterlichen Strassenverhältnissen hat nahezu jeder Respekt, wenn er mit dem Auto unterwegs ist. Ein Sicherheitsfaktor: Richtig gute Winterreifen. Die Reifen ausschliesslich aufgrund der Beurteilung des neuen EU-Reifenlabels zu kaufen kann allerdings nach hinten losgehen, schlimmstenfalls gefährlich sein. Foto: © trendobjects / iStock / Thinkstockphotos
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Getestet werden Reifen bereits seit Jahrzenten. Mit dem Reifenlabel wollte die EU nun Eigenschaften von Reifen, die Einfluss auf den Spritverbrauch haben können, ein Mittel mit an die Hand geben, um beim Reifenkauf die sparsamsten der Sparsamen auszusuchen. Doch gerade bei der verlässlichen Kennzeichnung für Winterreifen fällt dieses Label anscheinend oft durch.

EU-Reifenlabel: Leise abrollen und zügig bremsen

Wir leben in einer lärmenden Welt. Und Lärm kann erwiesenermassen krank machen. Dies war wohl auch einer der Gründe der EU, die Abrollgeräusche der Reifen zu kennzeichnen. So werden auf dem EU-Reifenlabel mit einem Symbol für die Lautstärke Reifen in drei Gruppen eingeordnet. Um dies festzulegen muss ein PKW mit 80 Km/h und ein Nutzfahrzeug mit 70 Km/h über eine bewässerte Teststrecke fahren. Je nach Lautstärke in Relation zu einem standardisierten Vergleichsreifen werden dann ein, zwei oder drei schwarze Streifen dem Symbol zugefügt. Bei drei  Streifen auf dem EU-Reifenlabel entspricht der Reifen dem EU-Grenzwert, bei zwei ist er bis zu drei Dezibel leiser, bei nur noch einem schwarzen Streifen drei oder mehr Dezibel.

Ein zweites Kriterium, welches Reifenkäufer auf dem EU-Reifenlabel ablesen können, ist das Bremsverhalten auf nasser Fahrbahn. Dieses wird in die Klassen A, B, C, E und F aufgeteilt. Und dies scheint sinnvoll, denn der Bremswegunterschied – bei einer Standardabbremsung von 80 Km/h auf Null – kann bis zu 18 Meter Differenz betragen. Doch, und hier setzen Kritiker schon an: Wie sieht es auf verschneiter oder vereister Fahrbahn aus? Mit dem Kurvenverhalten oder den Längs- und Querkräften bei Aquaplaning? Alles Kriterien, die beispielsweise beim neutralen ADAC-Reifentest seit vielen Jahren mit das Endergebnis bestimmen. Bei dem gesetzlich zwingenden EU-Reifenlabel werden diese aber nicht berücksichtigt. Und das, obowhl dies gerade bei Winterreifen mit die wichtigstens Kriterien sind, um sich etwa bei verschneiter Fahrbahn nicht irgendwann neben dieser wiederzufinden.

Mit dem EU-Reifenlabel zum Spritsparmeister?

Einer der wichtigsten Punkte des EU-Reifenlabels ist das eigentliche Energielabel für Reifen. Wie der Verbraucher dies seit Jahren vom Kühlschrank bis zur Waschmaschine kennt, so wird nun auch für Reifen auf einer Skala von A bis G – D wurde ausgelassen – der Spritverbrauch bewertet. Doch was bei Haushaltsgeräten immense Verbrauchsunterschiede anzeigt, scheint beim EU-Reifenlabel fast unbrauchbar zu sein. Denn, ausgehend von einem Auto etwa der Golfklasse mit einem Durchschnittsverbrauch von 6,6 Litern, spart der A-Reifenfahrer im Vergleich zum G-Reifenfahrer lediglich 0,15 Liter auf 100 Kilometer. Alleine eine Klimaanlage abzuschalten bringt mit etwa einem halben Liter Sprit auf 100 Kilometer schon drei Mal so viel. Von spritsparendem und vorausschauendem Fahren einmal ganz abgesehen.

EU Reifenlabel: Kennzeichnung für Winterreifen gefährlich?

Drei Dinge soll das EU-Reifenlabel aussagen. Doch laut Kritikern ist die Kennzeichnung für Winterreifen  nicht aussagekräftig, führe sogar in die Irre. Foto: © European Union / Wikipedia

Fazit von Reifenherstellern und ADAC zum EU-Reifenlabel

Die ausführlichen Reifentests checken bis zu 18 Kriterien an den Gummisohlen eines Fahrzeugs. Übrigens auch die Verbrauchswerte sowie die Lebensdauer, die nicht nur kosten-, sondern auch umweltrelevant ist. So hat der deutsche ADAC, Europas grösster Reifentester, eine zwiespältige Meinung zum neuen EU-Reifenlabel: «Schön, dass die EU mit dem Reifenlabel eine Kennzeichnung hinsichtlich Energieeffizienz, Reifenhaftung und Lärm definiert hat, wodurch sich Autofahrer über die umweltrelevanten Reifeneigenschaften informieren können. Das Label kann jedoch den umfassenden ADAC Reifentest als wichtigste Kaufhilfe nicht ersetzen». Und der Reifenhersteller Continental empfiehlt eindeutig «alternative Informationsquellen wie Reifentests, Herstellerinformationen und Händlerempfehlungen zu nutzen».

Die Winterreifentests für das EU-Reifenlabel fänden nicht einmal bei den für Winterreifen passenden, kalten Temperauren statt, wie die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen wiederum kritisiert. Ein Umstand, der die Winterreifen allesamt vergleichsweise schlecht abschneiden lässt und dabei die eigentlichen winterlichen Wetterbedingungen, bei denen der Winterreifen erst seine Qualitäten zeigt, ausser Acht lässt. Für die Verbraucherzentrale ist das EU-Reifenlabel als Winterreifenkaufhilfe daher gänzlich untauglich.

Quellen: Continental-Reifen.de, DasReifenlabel.de, ADAC, T-Online.de, VZ-NRW.de, Text: Jürgen Rösemeier-Buhmann