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Haus aus Lehm: Natürlich-vielseitiger Baustoff erlebt Renaissance

Holz, Stein oder Lehm gehören zu den ältesten, sehr zuverlässigen Baustoffen überhaupt – und wurden im 20. Jahrhundert vielerorts von Ziegel und Beton verdrängt. Ein Haus aus Lehm, oft in Kombination mit Holz, gewinnt in der Schweiz aber wieder an Bedeutung. Denn Lehm kann ein gesundes Raumklima unterstützen, spart in der Herstellung viel Energie und lässt sich am Ende seines Lebenszyklus vergleichsweise unkompliziert in den Stoffkreislauf zurückführen.

Haus aus Lehm: Paradebeispiel für ökologisches Bauen
Das Haus aus Lehm, hier ein Einfamilienhaus in Ossingen, bei dem der Zürcher Architekt Reto Brawand den Baustoff mit Holz kombinierte, bietet seinen Bewohnern viele Vorteile. Ökologisch wie ökonomisch. © Foto: Reto Brawand

Ob Fachwerkhäuser in Europa, grosse Bauten in heissen Regionen mit angenehm kühlen Innenräumen oder historische Befestigungsanlagen: Lehm ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheitsgeschichte. Seine Renaissance hat heute weniger mit Nostalgie zu tun als mit konkreten Fragen, die viele Familien beschäftigen: Wie schaffen wir ein Zuhause, das im Winter nicht auskühlt, im Sommer nicht überhitzt und sich «gut» anfühlt – ohne unnötige Schadstoffe und ohne riesigen Energie- und Ressourcenverbrauch?

Von der Tradition zurück in die Gegenwart

Mit der Industrialisierung galten Lehmbautechniken oft als zu arbeitsintensiv. Dank günstiger Energie wurden Ziegel gebrannt und Beton zum Standard. In den Nachkriegsjahren wurde Lehm – wie der Schweizer Fachverband IG Lehm beschreibt – zeitweise aus der Not heraus wieder genutzt. Heute ist das Interesse vor allem fachlich begründet: Lehm kann Feuchtigkeit puffern, zur thermischen Behaglichkeit beitragen und ist regional verfügbar. Gleichzeitig werden Bauweisen weiterentwickelt (z.B. vorgefertigte Elemente, geprüfte Lehmbaustoffe, klar definierte Verarbeitung im Innenausbau).

Lehm ist vielseitig und regional verfügbar

Ein Haus aus Lehm zu bauen ist in vielerlei Hinsicht nachhaltig und eine gute Möglichkeit, ökologisch zu bauen. «Öko» ist ein Lehmhaus unter anderem, weil Lehm sehr gut Feuchtigkeit aufnehmen, zwischenspeichern und wieder abgeben kann. Das kann Schwankungen der Raumluftfeuchte abfedern – wichtig für Komfort und für viele Materialien im Innenraum.

Aus Nachhaltigkeitssicht zählt ausserdem: Lehm ist in vielen Regionen verfügbar und muss oft nicht weit transportiert werden. Damit ist er häufig kein weitgereister Baustoff. Und wenn der Lehm direkt vor Ort nicht passt, findet sich oft eine geeignete Quelle in der Nähe – je nach Anforderungen an Körnung, Bindigkeit und Verarbeitung.

Lehm & Raumklima: Was Lehm kann – und wo die Grenzen liegen

Wenn du mit Kindern wohnst, merkst du schnell, wie stark das Raumklima den Alltag beeinflusst: trockene Luft, stickige Schlafzimmer am Morgen oder beschlagene Fenster nach dem Duschen. Lehm kann hier unterstützen, weil er Feuchte kurzfristig puffert und dadurch Spitzen abmildern kann. Für viele Familien fühlt sich das schlicht angenehmer an.

Wichtig ist aber auch die Grenze: Lehm ersetzt keine konsequente Lüftung und keine funktionierende Bauphysik. Dauerhaft zu hohe Feuchte entsteht meist durch zu wenig Luftaustausch, Wärmebrücken oder undichte Anschlüsse – und kann auch im Lehmhaus zu Problemen führen. Für gesundes Wohnen zählt deshalb immer das Zusammenspiel aus Material, Planung, Ausführung, Heizen und Lüften.

Zielwerte im Alltag: Luftfeuchte und CO₂

  • Relative Luftfeuchte: Ideal sind für viele Wohnsituationen etwa 40–60 %. Unter ca. 30 % empfinden viele Menschen die Luft als unangenehm trocken, über längere Zeit deutlich über 60 % steigt das Risiko für Feuchteprobleme an Oberflächen (vor allem an kühlen Ecken).
  • CO₂ als Lüftungsindikator: CO₂ zeigt dir, wie «verbraucht» die Luft ist. Als pragmatischer Orientierungswert gilt: unter 1000 ppm ist häufig ein gutes Ziel im Alltag, nachts in Schlafzimmern wird das ohne Lüftung oft überschritten.

Mini-Check in 7 Tagen (ohne Stress)

  1. Stell ein Hygrometer in Wohn- und Schlafzimmer auf Augenhöhe (nicht direkt über Heizung, nicht am Fenster).
  2. Wenn möglich, nutze zusätzlich ein CO₂-Messgerät (besonders fürs Schlafzimmer).
  3. Notiere 7 Tage lang morgens und abends Luftfeuchte und CO₂.
  4. Wenn Luftfeuchte regelmässig über 60 % liegt oder CO₂ oft deutlich über 1000 ppm, plane bewusstere Lüftungsroutinen (kurz und kräftig) oder prüfe, ob bauliche Ursachen vorliegen.

Schimmel vermeiden – typische Risikostellen

Schimmel entsteht nicht «weil Lehm atmet», sondern weil Oberflächen zu lange feucht bleiben. Typische Risikostellen sind:

  • Aussenwandecken (besonders hinter Möbeln mit wenig Luftzirkulation)
  • Fensterlaibungen und Rollladenkästen
  • Bad und Küche (Dampf, Spritzwasser, ungenügende Abluft)
  • Keller und Waschküche (kühle Flächen, Wäschetrocknung)

Wenn du hier wiederholt Kondenswasser, muffigen Geruch oder dunkle Punkte bemerkst: früh reagieren, Ursachen klären und das Lüftungs- und Heizverhalten anpassen. Ergänzend helfen klare Routinen (nach dem Duschen, Kochen, Wäschetrocknen) und ausreichend Abstand von Möbeln zu Aussenwänden.

Hinweis bei Sanierungen: Radon und Schadstoffe mitdenken

Wenn du ein älteres Gebäude sanierst oder einen Neubau planst, lohnt sich ein zusätzlicher Gesundheits-Check: In der Schweiz ist Radon je nach Region ein relevantes Thema, besonders bei Kellern und Erdgeschossbereichen. Ausserdem können bei Umbauten Staub, alte Anstriche oder belastete Baustoffe eine Rolle spielen. Plane Messungen und Schutzmassnahmen frühzeitig mit ein – idealerweise bevor Oberflächen geschlossen werden.

Ideale Dämmung und Energieeffizienz durch Lehm

Wenn du nach einem harten Winter wegen der hohen Energiekosten schluckst oder dich im Sommer in überhitzten Räumen unwohl fühlst, lohnt ein genauer Blick auf die Bauweise: Lehm kann durch seine Wärmespeicherfähigkeit zur thermischen Behaglichkeit beitragen – vor allem im Zusammenspiel mit einer passenden Dämmstrategie und guter Planung. Wichtig: Lehm allein ist nicht automatisch «die Dämmung». In vielen Konstruktionen wird Lehm mit Holzrahmenbau, Naturdämmstoffen oder weiteren Schichten kombiniert, damit die Anforderungen an den Wärmeschutz erfüllt werden.

Auch bei der Schalldämmung kann Masse helfen: Lehmbauteile und Lehmputze können – je nach Aufbau – die akustische Qualität in Innenräumen verbessern, was im Familienalltag (Hausaufgaben, Schlaf, Rückzug) spürbar sein kann.

Haus aus Lehm: Paradebeispiel für ökologisches Bauen
Die Wände aus Lehm können mittels Pigmenten viele Farbtöne annehmen. Nette Nebeneffekte: Nie mehr streichen oder tapezieren und ein tolles Raumklima. © Foto: Reto Brawand

Ein weiterer Vorteil liegt in der Herstellungsenergie: Lehm wird nicht gebrannt wie Ziegel und benötigt in der Verarbeitung deutlich weniger Energie als viele konventionelle Baustoffe. Zudem lässt sich Lehm am Ende der Nutzungszeit in vielen Fällen einfacher zurückbauen und wiederverwenden oder als mineralischer Baustoff entsorgen – vorausgesetzt, er wurde nicht mit problematischen Zusatzstoffen kombiniert.

Haus aus Lehm: So wird es gebaut

Ein Haus aus Lehm gibt es in verschiedenen Varianten. So kann Lehm, vermischt mit Stroh und Wasser, schichtweise zu einer Wand aufgetragen werden. Entsprechend dimensioniert, kann diese Wellerlehmwand genannte Lehmbauweise auch statischen Ansprüchen genügen.

Sehr gängig ist ausserdem eine Holzrahmenkonstruktion, die mit Lehmsteinen aufgefüllt wird. Diese Konstruktion gibt es auch in Fertigbauweise und – je nach Anbieter – mit Möglichkeiten zum Selbstbau oder zur Eigenleistung. Wenn du handwerklich beitragen möchtest: Kläre früh, was realistisch ist (Zeit, Trocknungszeiten, Koordination) und was aus Qualitäts- und Gewährleistungsgründen besser Profis übernehmen.

Haus aus Lehm: Paradebeispiel für ökologisches Bauen
Dieses amerikanische Lehmhaus wird Cob-Haus genannt. Es besteht aus einer geschichteten Wellerlehmwand wie sie etwa bei englischen Cottages verwendet wurde. © Foto: Cobworks

Eine weitere, sehr verbreitete Anwendung ist Lehm im Innenausbau: Auf eine (meist) hölzerne oder mineralische Trägerkonstruktion werden mehrere Lagen Lehmputz aufgetragen. Mit geeigneten, natürlichen Pigmenten kann er farbig gestaltet werden. Praktisch für den Familienalltag: robuste, matte Oberflächen, die sich bei kleineren Schäden oft lokal ausbessern lassen – ohne gleich ganze Wände neu zu beschichten.

Bei einigen Anbietern kannst du übrigens mehr oder weniger viel Eigenleistung beisteuern, was das Bauen mit Lehm letztlich auch finanziell attraktiv machen kann. Schweizer Architekten und Baufirmen für ein Haus aus Lehm listet die IG Lehm hier auf.

Alltagstauglichkeit: Langlebigkeit, Pflege und Planung

Lehmhäuser können sehr langlebig sein, wenn Planung und Witterungsschutz stimmen. Achte besonders auf:

  • Guten Schlagregenschutz (Dachüberstände, Sockel, Details an Fenstern und Anschlüssen)
  • Saubere Bauphysik (Feuchteschutz, Wärmebrücken vermeiden, passende Schichtenfolge)
  • Kontrollierte Feuchtequellen im Alltag (Wäschetrocknung, Badezimmerlüftung)

Wenn du mit Kindern planst, lohnt sich ein zusätzlicher Blick auf «stressarme» Lösungen: ausreichend Stauraum, pflegeleichte Oberflächen, gute Akustik, sowie ein Lüftungskonzept, das auch an vollen Tagen funktioniert.

Dem Lehmhaus-Trend und der alten Bauweise folgend, meist nach dem Prinzip der Wellerlehmwand errichtet, gibt es derzeit besonders im Anglo-Amerikanischen. Dort veranstalten Fachleute Workshops, in denen der Interessent lernt, sein eigenes Haus aus Lehm zu bauen. Diese werden im Englischen «Cob»-Häuser genannt. Oft werden hierbei auch Recyclingmaterialien verbaut. Beispiele aus den USA gibt es hier.

Wie vielfältig, fast märchenhaft diese Cobhäuser sind, zeigt dieses bei You Tube sehr beliebte Video:

 

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