Nachhaltig Renovieren: Streichen ohne Nebenwirkungen Christine Lendt Frisch gestrichene Wände machen viel aus – gerade im Familienalltag. Wenn du aber in Innenräumen malst, zählen nicht nur Deckkraft und Farbeindruck, sondern auch Inhaltsstoffe, Geruch und Emissionen. Hier findest du einen schnellen, wissenschaftlich fundierten Weg zu schadstoffarmem Streichen in der Schweiz – inkl. Checkliste. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Nachhaltige Farbe schont die Umwelt und die eigene Gesundheit. Foto: © Stockbyte / Thinkstock Die Grundregel bleibt: Farben auf Wasserbasis sind oft die bessere Wahl als lösemittelhaltige Produkte – aber «wasserbasiert» allein garantiert noch keine gute Innenraumluft. Entscheidend sind vor allem flüchtige Stoffe (die in die Raumluft ausgasen), Konservierungsmittel (Allergierisiko) und die Frage, wie viel Staub und Reizstoffe beim Vorbereiten entstehen. Besonders wichtig ist das in Haushalten mit Babys, Kleinkindern, Asthma oder Duftstoff-Empfindlichkeit. Welche Schadstoffe sind relevant? Bei Innenwandfarben geht es weniger um «giftig vs. ungiftig», sondern um konkrete Stoffgruppen, die die Raumluft belasten oder die Haut reizen können. Fachstellen wie das deutsche Umweltbundesamt ordnen Innenraumemissionen und gesundheitliche Risiken vor allem über diese Gruppen ein. Glossar: Das steckt hinter den wichtigsten Begriffen VOC (flüchtige organische Verbindungen): Stoffe, die nach dem Streichen in die Raumluft übergehen können und Geruch, Reizungen oder Kopfschmerzen begünstigen. Entscheidend ist nicht nur der «VOC-Gehalt», sondern auch die tatsächliche Emission nach dem Auftragen. SVOC (schwerflüchtige organische Verbindungen): Verdunsten langsamer, können länger in Staub und Oberflächen verbleiben. Für Kinder relevant, weil sie staubnah leben und mehr Hand-zu-Mund-Kontakt haben. Lösemittel: In klassischen lösemittelhaltigen Produkten sind sie Haupttreiber für Geruch und Emissionen. Bei Innenräumen mit Kindern möglichst vermeiden. Konservierer (z.B. Isothiazolinone): Werden in wasserbasierten Farben eingesetzt, damit sie im Eimer nicht mikrobiell verderben. Können Kontaktallergien auslösen – wichtig, wenn in der Familie bereits Ekzeme oder Allergien vorkommen. Aromaten: Bestimmte organische Verbindungen, die gesundheitlich ungünstig sein können. Moderne Innenfarben sind häufig aromatenarm, ein Blick ins Datenblatt lohnt sich trotzdem. Wichtig: «Naturfarbe» ist kein geschützter medizinischer Begriff. Auch Naturfarben können Allergien auslösen (z.B. durch bestimmte Pflanzenöle oder Additive). Wenn jemand in der Familie empfindlich reagiert, ist «geruchsarm» nicht automatisch «verträglich» – hier helfen Datenblatt, klare Deklaration und gute Lüftung mehr als Marketingworte. Produktwahl in 5 Schritten Wenn du nur einen Quick Win mitnehmen willst: Wähle eine Innenwandfarbe mit sehr niedrigen Emissionen, möglichst wenig Konservierern, und plane das Trocknen so, dass Kinder möglichst nicht im frisch gestrichenen Raum schlafen. 1-Seiten-Checkliste: So findest du schnell eine gute Innenfarbe 1) Einsatzort klären: Kinderzimmer/Schlafzimmer besonders streng auswählen (geruchsarm, emissionsarm, matte Innenfarbe ohne unnötige Zusätze). 2) Wasserbasiert bevorzugen und lösemittelhaltige Produkte für Innenräume meiden. 3) Datenblatt prüfen: VOC/Emissionen, Konservierer, Eignung für Innenräume, Verarbeitungshinweise. 4) Labels richtig einordnen: Schweizer Umwelt-Etikette (A ist am strengsten), ergänzend Blauer Engel als Orientierung. 5) Trocknungsphase planen: mehrere Tage intensiv lüften; Kinder und empfindliche Personen möglichst erst nach Abklingen von Geruch/Emissionen im Raum schlafen lassen. Datenblatt lesen: Worauf es wirklich ankommt Das Sicherheitsdatenblatt und technische Merkblatt geben dir mehr als jedes Werbeversprechen. Achte besonders auf: Angaben zu VOC und Hinweise wie «emissionsarm» oder «sehr emissionsarm». Noch hilfreicher als eine Zahl ist, ob der Hersteller Emissionsprüfungen nach anerkannten Verfahren ausweist. Konservierungsmittel: Wenn Konservierer enthalten sind, sollten sie möglichst klar genannt sein. Bei bekannten Kontaktallergien in der Familie kann es sinnvoll sein, vorab ärztlich abzuklären, welche Stoffe zu meiden sind. Duftstoffe: «Parfümiert» ist für Innenräume meist unnötig. Duftstoffe können Beschwerden verstärken, ohne einen Nutzen zu bringen. Verarbeitung und Trocknung: Plane ausreichend Zeit ein – «trocken» ist nicht gleich «ausgelüftet». Emissionen/Labels einordnen: Schweizer Umwelt-Etikette & Blauer Engel In der Schweiz bietet die Schweizer Umwelt-Etikette eine praktische Einteilung von A bis G: A steht für die strengsten Kriterien, G für die schwächsten. Für Innenräume mit Kindern ist eine möglichst hohe Kategorie (nahe A) ein guter Startpunkt, weil hier u.a. Anforderungen an Inhaltsstoffe und Emissionen zusammenkommen. Als zusätzliche Orientierung kann auch der Blaue Engel dienen. Gleichzeitig ist der Hinweis wichtig, den bereits Verbraucherinformationen betonen: Ein Label deckt nicht immer alle Aspekte gleich stark ab. Nutze Labels deshalb als Filter – und überprüfe im zweiten Schritt das Datenblatt (z.B. Konservierer, Duftstoffe, konkrete Hinweise zur Innenraumtauglichkeit). Nachhaltige Wandfarbe erkennen Sie an Gütesiegeln. Foto: © Digital Vision / Thinkstock Wenn du zwischen zwei Produkten schwankst, ist für viele Familien diese Reihenfolge hilfreich: niedrige Emissionen (innenraumtauglich) vor «besonders natürlicher Rohstoffbasis», weil die Raumluftbelastung direkt den Alltag beeinflusst. Naturfarben können eine gute Option sein – sie sind aber nicht automatisch die beste Wahl für Allergiker:innen. Untergrund & Vorbereitung Viele Probleme entstehen nicht durch die Farbe selbst, sondern durch den Untergrund: Nikotinbeläge, alte Leimfarben, kreidende Altanstriche oder Feuchte führen zu Geruch, schlechter Haftung und im schlimmsten Fall zu Schimmel. Wenn du nachhaltig renovieren willst, zahlt sich hier Sorgfalt aus – du musst dann seltener nachstreichen und reduzierst unnötige Emissionen und Abfall. Schimmel/Feuchte zuerst klären Wenn Schimmel sichtbar ist oder die Wand dauerhaft feucht wirkt, bringt «drüberstreichen» keine nachhaltige Lösung. Farbe kann Schimmel kurzfristig überdecken, aber das Problem bleibt und kann sich verschlimmern. Kläre zuerst die Ursache (z.B. Wärmebrücken, Wasserschaden, falsches Lüften, undichte Fugen). In Mietwohnungen solltest du das frühzeitig dokumentieren und mit der Verwaltung besprechen. Erst stoppen, dann streichen muffiger, anhaltender Geruch, besonders nach dem Lüften schnell wieder da schwarze/olivgrüne Punkte, Schatten oder «Wolken» an Aussenwänden, hinter Möbeln, in Raumecken abplatzender Putz, feuchte Stellen, Salzausblühungen regelmässig beschlagene Fenster trotz Lüften Wenn eines davon zutrifft: zuerst Ursache abklären (ggf. Fachperson), dann geeigneten Aufbau wählen. So schützt du Gesundheit und Bausubstanz. Beim Abschleifen alter Anstriche oder beim Entfernen von Tapeten entsteht zudem Staub. Für Familien ist eine staubarme Vorbereitung oft der grösste «Gesundheitshebel» – nicht nur die Farbauswahl. Staubarm renovieren Staub ist nicht nur lästig: Er kann Reizungen auslösen und bestehende Atemwegsprobleme verschärfen. Mit einem einfachen Setup kannst du die Belastung deutlich senken – besonders, wenn Kinder im Haushalt sind oder ihr während der Renovation zu Hause bleibt. Abkleben/Unterdruck/Luftreiniger Staub-Setup: Praktische Liste für zu Hause Bereich abtrennen: Tür mit Folie und Klebeband abdichten, Spalt unten abdichten (z.B. mit feuchtem Tuch oder Dichtband). Möbel raus oder dicht einpacken: Folie vollständig schliessen, nicht nur «oben drüber». Staubarme Werkzeuge: Wenn schleifen nötig ist, möglichst mit Absaugung arbeiten; trockenes Schleifen ohne Absaugung vermeiden. Unterdruck nutzen: Wenn möglich, im Arbeitsraum ein Fenster kippen/öffnen und gegenüberliegend lüften, sodass Luft nach draussen zieht (nicht in den restlichen Wohnbereich). Luftreiniger mit HEPA-Filter kann in der Trocknungs- und Staubphase ergänzen, ersetzt aber Lüften nicht. Feucht wischen statt trocken stauben: Staub bindet besser, weniger Aufwirbelung. Kinder schützen: Arbeitsbereich konsequent tabu; Spielzeug und Textilien aus dem Raum entfernen (nehmen Gerüche und Staub leicht auf). Beim Streichen selbst gilt: lieber in Etappen planen. Wenn du z.B. Kinderzimmer streichst, ist es oft einfacher, zuerst das Zimmer komplett fertig zu machen, dann gut zu lüften und erst danach das Bett und Textilien zurückzubringen. Entsorgung & Reste Nachhaltig wird Renovieren auch durch sauberes Aufräumen: Farbreste, Abdeckmaterial und Pinselwasser gehören nicht einfach in den Ausguss oder in den normalen Abfall – das gilt besonders für lösemittelhaltige Produkte. Was gehört in der Schweiz wohin? Flüssige Farbreste (auch wasserbasierte) und lösemittelhaltige Produkte: in der Regel zur Sonderabfallsammlung deiner Gemeinde oder zu offiziellen Sammelstellen. Eingetrocknete Farbreste: je nach Gemeinde teils als Kehricht möglich, teils separate Sammlung – am besten lokal prüfen. Pinsel/Tools: Wasserbasierte Farben möglichst so verarbeiten, dass kaum Reste bleiben. Pinsel nicht unter fliessendem Wasser «endlos auswaschen»; lieber überschüssige Farbe abstreifen, mit wenig Wasser im Eimer vorreinigen und die Reste korrekt entsorgen. Gebinde/Deckel: Nur vollständig entleert und trocken dem Recycling zuführen, sofern lokal akzeptiert. Wenn du es ganz natürlich willst: Farben selbst herstellen – mit realistischem Blick Traditionelle Rezepturen wie Leimfarbe oder Kalkkasein können funktionieren, sind aber nicht automatisch die einfachste oder emissionsärmste Lösung im Familienalltag. Sie erfordern saubere Untergründe, Erfahrung bei Mischungsverhältnissen und sind je nach Raum (z.B. Spritzwasserzonen) ungeeignet. Wenn du trotzdem selbst mischen möchtest, beachte: Kalkprodukte sind stark alkalisch und können Haut und Augen reizen – gute Schutzbrille und Handschuhe sind sinnvoll, und Kinder sollten währenddessen nicht mithelfen.