Klimawandel: Wasserspiegel steigt durch Gletscher-Schwund

Mit der Schweiz verbindet man Berge, aber auch Gletscher, die fast in allen Jahreszeiten das Skifahren erlauben. Aber damit könnte bald Schluss sein, durch die Klima-Erwärmung verschwinden immer mehr Gletscher. Zu verhindern ist dies kaum. Selbst Gletscherzüchter schaden der Umwelt.

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Wenn die Gletscher wegschmelzen bleiben nur noch Bergseen zurück. Foto: Roberto Caucino / iStock / Thinkstock
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Alle Schweizer werden es gespürt haben: Der Juli 2010 war der wärmste seit 150 Jahren. Und das merken auch die Schweizer Gletscher, die in ihrem Volumen um ganze zwölf Prozent in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen sind. Der Morteratschgletscher am Berninamassiv beispielsweise verlor in diesem Zeitraum durchschnittlich 30 Meter pro Jahr an Länge. Die Masse dieses Gletschers hat in den letzten 160 Jahren ein ganzes Drittel abgenommen. Der grosse Aletschgletscher verlor seit 1980 rund vier Kubikkilometer Eis. In den meisten Berggebieten der Schweiz hat sich die Jahresmitteltemperatur in den vergangenen hundert Jahren um ein bis zwei Grad erhöht. Unter den stetig ansteigenden Temperaturen zerfliessen unsere Gletscher regelrecht. Das sind Spuren der Klimaerwärmung.

Nachhaltigkeit von Umweltschutz erfolgt langsam

Und Besserung ist weit und breit nicht in Sicht, denn das Klima kühlt nicht ab. «In der Tendenz beschleunigt sich die heutige Klimawandel sogar», sagt der Hydrologe und Glaziologe Martin Funk von der ETH Zürich. Zu bekämpfen ist also die Klimaerwärmung. Funk ist aber skeptisch: «Es wird sehr schwierig, die Klimaerwärmung einzudämmen», sagt er. Das sei nur mit einem enormen Aufwand machbar und die Wirkung auf die Gletscher wäre so verzögert, dass die Schmelze trotzdem noch jahrzehntelang weiter wirken würde. «Selbst wenn die Erwärmung ab sofort auf Status Quo bliebe, anstatt weiter anzusteigen, würde beispielsweise der Aletschgletscher bis zum Ende dieses Jahrhunderts noch einen Drittel seines Volumens verlieren», sagt Funk. Die Gletscher seien mit dem zurzeit herrschenden Klima in einem ausgesprochenen Ungleichgewicht und seien immer noch dabei, sich anzupassen. «Diese Anpassung braucht Zeit. Schon allein deshalb wird eine weitere beträchtliche Menge von Gletschern verschwinden.»

Klimawandel: Gebet für Schnee und Eis

Ein Meter Eis entsteht aus rund zehn Metern Schnee und es dauert sieben bis zehn Jahre, bis Neuschnee zu richtigem Gletschereis wird. Da wären noch ein paar kalte, schneereiche Tage gefragt, um die Gletscher nur zu erhalten. Stattdessen blühen die Maiglöckchen im Februar. Wie dieser Entwicklung kurzfristig begegnet werden soll, darüber herrscht weitgehend Ratlosigkeit. Und die ist so gross, dass sogar der Papst ins Spiel kommt. In der Walliser Gemeinde Fiesch pflegt man seit 1678 die Tradition einer jährlichen Prozession. Bisher betete man dafür, dass der Aletschgletscher nicht mehr wachsen möge. Seit kurzem beten die Bewohner von Fiesch nun dafür, dass der Gletscher weniger schmilzt oder gar, dass er wächst. Die Änderung dieses Gelübdes wurde offiziell vom Papst persönlich genehmigt.

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Mit der Klimaerwärmung steigt auch die Gefahr, dass Gletscher Flutwellen auslösen. Foto: © Kristy Ferguson / iStock / Thinkstock

Die Angst vor Eisabbrüchen und Flutwellen ist in den Dörfern der Täler gross. Darum versucht man, die Gletscher im Auge zu behalten. «In der Schweiz werden die Gletschergefahren regelmässig untersucht, um rechtzeitig für die Sicherheit in raumwirksamen Regionen eingreifen zu können», sagt Funk. Trotzdem können Überraschungen nicht ausgeschlossen werden. Wenn beispielsweise ein böses Gewitter über einem Gletscher tobt und der Gletscherbach viel Schmelzwasser führt, dann könnte es gefährlich werden. «Aufgrund der Schmelze kann es in einem Gletscher auch wegen einer Verstopfung eine Ansammlung von Wasser geben, das dann auf einmal ausbricht und zu Flutwellen führen kann. Damit muss man rechnen», sagt Funk. Voraussehbar sei so etwas nicht.

Energie-Verbrauch für künstliche Gletscher

Langfristig bedeutet die weltweite Gletscherschmelze einen progressiven Anstieg des Meeresspiegels, was beispielsweise in Holland mit Argusaugen verfolgt wird, hierzulande jedoch bisher nicht unmittelbar zu Besorgnis führt. Eine abenteuerliche Idee aus Deutschland hat kürzlich Aufsehen erregt: Der Physikprofessor Eduard Heindl versucht, Gletschereis zu züchten. Auf dem Theodulgletscher oberhalb von Zermatt hat er eine Eismaschine mit umfunktionierten Rasensprengern installiert. Im Schwarzwald wurde mit dieser Methode bereits Eis gezüchtet. Ob dies langfristig hilft im Kampf gegen die Gletscherschmelze, muss allerdings in Frage gestellt werden. «Man kann solche Spielereien lokal betreiben», sagt Funkt dazu. «Aber im grossen Massstab ist das ein illusorisches Vorhaben. Man versucht, etwas Natürliches künstlich herzustellen - und braucht dazu Energie, die wiederum zur Klimaerwärmung beiträgt.» Funk glaubt nicht, dass die Gletscherschmelze gestoppt werden kann. «Sie hört erst auf, wenn die Gletscher weg sind», sagt er. Die Landschaft und der hydrologische Kreislauf werden sich verändern. Die Menge an Wasser nimmt ab und dort, wo heute noch Gletscher sind, werden künftig Kühe grasen.

Text: Elena Ibello

Gletscher und Klimaerwärmung:

 
  • In den meisten Schweizer Berggebieten hat sich die Jahresmitteltemperatur in den vergangenen 100 Jahren um ein bis zwei Grad erhöht.
  • Der Juli 2010 war in der Schweiz einer der wärmsten seit 150 Jahren.
  • Laut einer Studie der ETH Zürich ist das Gletschervolumen in der Schweiz ist in den vergangenen zehn Jahren um 12 Prozent zurückgegangen.
  • Studien an der Universität Zürich kommen 2006 zum Schluss, dass die Alpengletscher 80 Prozent ihrer Fläche verlieren könnten, wenn die Sommertemperaturen um drei Grad steigen.
  • Die Gletscher reagieren auf eine Klimaveränderung verzögert: Wenn die Erwärmung heute stoppen würde, würden sich die Gletscher noch jahrzehntelang weiter zurückziehen, bis sie wieder ein Gleichgewicht gefunden hätten.
  • Für einen Meter Eis braucht es etwa zehn Meter Schnee.
  • Es dauert sieben bis zehn Jahre, bis aus Neuschnee richtiges Gletschereis wird.