«Wir müssen unser gesamtes Wirtschaftsmodell radikal überdenken»

Das Programm Novatlantis der ETH-Zürich setzt sich seit 15 Jahren für mehr Energieeffizienz ein. Trotzdem sind wir weiter von ihrer Vision der 2000-Watt-Gesellschaft entfernt denn je. Roland Stulz, ehemaliger Geschäftsführer von Novatlantis, zeigt, warum es mit dem Sparen nicht klappt und wie das Programm, aber auch Politik und Gesellschaft sich verändern müssen, um die Ziele zu erreichen.

Um die 2000 Watt-Gesellschaft zu schaffen müssen wir mehr Energie sparen
Unser Wirtschaftsmodell basiert darauf, dass wir immer mehr einkaufen. Für eine nachhaltige Zukunft muss sich das ändern. Foto: © Monkey Business / Thinkstock
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Novatlantis will den Energieverbrauch auf 2.000 Watt pro Kopf reduzieren. Warum ausgerechnet 2.000 Watt?

Bei Beginn des Projekts vor 15 Jahren wurde der gesamte Energieverbrauch weltweit analysiert. So ist man darauf gekommen, dass jeder Mensch pro Jahr etwa 2000 Watt verbraucht. Wissenschaftler haben zudem ermittelt, dass dies die Menge ist, die ein Mensch braucht, um seine Bedürfnisse zu decken.  

Der derzeitige Wattverbrauch der Schweizer liegt bei 6000 Watt pro Kopf.

Ja, das ist ein immenser Unterschied und viele liegen noch wesentlich darüber. Beispielsweise Leute die viel fliegen oder reisen und luxuriös leben. Es ist eine ausserordentlich grosse Herausforderung und man muss sich bewusst sein, dass das nicht von heute auf morgen zu schaffen ist.

Nun arbeiten Sie aber bereits seit 15 Jahren an der Vision. Woran scheitert die Umsetzung bisher beim Einzelnen?

Wir haben keinen Leidensdruck. Man könnte sagen, dass die Leute doch einfach ein bisschen bewusster werden sollten. Aber diese Freiwilligkeit funktioniert eigentlich nicht.

Gab es denn für die Verbraucher in den letzten Jahren Anreize seitens Novatlantis etwas zu verändern?

Wir haben fast ausschliesslich im Mobilitätsbereich und in der Stadtentwicklung gearbeitet. Im Baubereich sind wir auf einem guten Weg, vor  allem bei den Neubauten. Das tägliche Konsumverhalten haben wir bisher ausgeklammert, weil wir ein beschränktes Budget haben. Zudem haben wir hier noch wenig gesichertes Wissen wo man ansetzen soll.

Man kann den Leuten aber nicht vorwerfen, dass sie ihr Verhalten nicht ändern, wenn ihnen die 2000 Watt-Gesellschaft gar kein Begriff ist.

Genau. Da sind wir dran. Das wird übernommen vom Programm Energie Schweiz, also vom Bundesamt für Energie. Dort gibt es eine Pilotaktion, die das Leben von vier bis zehn Familien, Paaren oder Wohngemeinschaften dokumentiert und aufzeigt, was es bedeutet energieeffizient zu wohnen. Zudem schwebt mir eine Plattform vor, auf der man sich miteinander austauschen kann. Aber so etwas braucht Zeit.

Aufklären ist das eine, aber werden für Konsumenten auch Anreize geschaffen?

Es wird vermehrt Entscheidungshilfen und Handlungsanweisungen geben. Bezüglich einer finanziellen Unterstützung sehe ich jedoch wenige Möglichkeiten. Das geht nur über Massnahmen wie Ökosteuer und Lenkungsabgaben. Aber die Ökosteuer diskutiert man seit 25 Jahren, Fahrgemeinschaften seit 30 Jahren. Geschehen ist bisher zu wenig.

Wer ist dafür verantwortlich, dass nichts vorangeht?

Das ist natürlich unsere Gesellschaft. Wir sind in einem Konsumrausch und haben einen noch nie da gewesenen Ressourcenverschleiss. Wir sind übersättigt mit Informationen und Gütern, die eigentlich schon zur Last werden. Die heutige Wirtschaft funktioniert nur so lange wir immer mehr konsumieren. Es ist kein qualitatives, sondern ein quantitatives Wachstum.

Also müsste sich die gesamte Wirtschaft verändern um die Visionen der 2000 Watt-Gesellschaft erreichen zu können?

Wenn wir wirklich grundsätzlich den Schritt Richtung 2000-Watt-Gesellschaft tun wollen, dann heisst das unser gesamtes Wirtschaftsmodell radikal zu überdenken. Wenn man weniger konsumiert, produziert man weniger und es gibt weniger Arbeitsplätze. Für ein neues nachhaltiges Wirtschaftsmodell braucht es grosse übergeordnete politische Entscheidungen, die weltweit und mehrheitlich getragen werden.

Wenn man bedenkt wo wir jetzt stehen, ist die 2.000 Watt-Gesellschaft ein zu ambitioniertes Ziel?

Das ist eine langfristige bis sehr langfristige Vision. Aber schlussendlich kommen wir nicht drum herum. In diesem Sinne ist dieser Wert durch die natürlichen Rahmenbedingungen gegeben, durch die Natur. Es sei denn wir nehmen den Klimawandel hin. Wer überlebt, der überlebt und die anderen sollen schauen. Das ist die Alternative.

Was ist Ihre Prognose, erreichen wir das Ziel bis 2100?

Im Gebäudebereich haben wir es bei den Neubauten eigentlich schon erreicht. Und dass es beim Sanieren nicht schneller voran geht liegt an Fehlinvestitionen wegen kurzfristiger Überlegungen. Aber da wird sich in den nächsten 10 Jahren viel bewegen. Also 2100, ja sicher!

Interview: Nina Grünberger

Roland Stulz leitet Novatlantis und die Fachstelle 2000 Watt-Gesellschaft

Zur Person: Roland Stulz ist Diplom-Architekt und ehemaliger Geschäftsführer von Novatlantis, einem Programm das im Teilbereich Nachhaltigkeit der ETH-Zürich ins Leben gerufen wurde. Seit 2011 ist die Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft ein Projekt von Energie Schweiz.

Novatlantis setzt sich dafür ein, dass die neusten Erkenntnisse und Resultate aus der Forschung im ETH Bereich für eine nachhaltige Entwicklung von Ballungsräumen umgesetzt werden.