Starke Leichtgewichte: Kartonmöbel zeigen, was sie können

Nur Verpackungsmaterial? Papperlappap! Pappe wird unterschätzt und macht sich als robuster Rohstoff für Möbel einen Namen. Kartonmöbel sind stabil, nachhaltig und aussergewöhnlich. Daniel Schwager, Inhaber von kartondesign.ch, erklärt, was hinter dem Trend steckt.

Kartonmöbel: Designerstücke aus Pappe
Foto: © KURTL Kartonmöbel
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Regale mit unzähligen Büchern, ein Ladentisch und ein Sofa – eine gewöhnliche Buchhandlung, meint man. Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn ganz gleich um welches Möbelstück es sich handelt, hier findet sich Karton so weit das Auge reicht. Verantwortlich für das ungewöhnliche Innendesign ist Daniel Schwager, Inhaber des Schweizer Shops kartondesign.ch. «Wir richten ganze Wohnungen und Büros mit Kartonmöbeln ein. Zu unseren Kunden zählen aber auch Schulen, Messeausstatter und Museen.»

Stabiles und anspruchsvolles Design

Kartonmöbel sind ein Hingucker. Trotzdem stellt sich die simple Frage: Wie viel hält die Einrichtung aus Pappe aus? «Kartonmöbel sind leicht, aber trotzdem sehr stabil», sagt Daniel Schwager. Dabei unterscheidet der Pappmöbel-Experte zwischen drei verschiedenen Konstruktionsarten: Paneele, die mit Spanplatten vergleichbar sind, das Zusammenkleben von mehreren Kartonschichten und besondere Falt- und Stecktechniken. «So sind auch Konstruktionen möglich, die sonst nur schwer umzusetzen wären», erklärt er. «Denn in Pappe steckt durchaus das Potential für echte Designerstücke.» Die Flexibilität des nachhaltigen Materials erlaubt nämlich Entwürfe, die mit Holz nur schwer umzusetzen wären.

Kartonmöbel: Designerstücke aus Pappe

 

Der Vater aller Kartonmöbel: Peter Raacke

Pappmöbel gibt es schon seit 1966. Damals stellte der deutsche Designer Peter Raacke die erste Kartonmöbel-Kollektion vor. Er bezeichnete sie als «Möbel für Besitzlose»: günstig, mobil und wiederverwertbar. Vor allem Sessel «Otto» schrieb Papp-Geschichte.

Ein solcher Entwurf ist «Flexible Love», der zunächst an ein überdimensionales Akkordeon erinnert. Tatsächlich verbirgt sich dahinter jedoch eine Designer-Couch. In Windeseile wird das Möbelstück zusammen- oder auseinandergeschoben, im Handumdrehen ist es mal Sitz-, mal Liegemöglichkeit. Anspruchsvolles Design, das seinen Preis hat. Je nach Grösse kostet das Papiersofa «Flexible Love» zwischen 400 CHF und 1000 CHF.

 

 

Die Annahme, dass Kartonmöbel eine günstige Alternative zu herkömmlichen Möbeln sind, führt auf den Holzweg. Relaxliege «Penika» kostet bei kartondesign.ch 999 CHF, Schreibtisch «Elio» 399 CHF. «Kartonmöbel werden teuer, wenn man sie auf kostspieligen Schneidmaschinen produziert oder von Hand fertigt – und das ist bei einigen Designerstücken eben der Fall», erklärt Daniel Schwager den stolzen Preis. Andererseits sind teure Modelle wesentlich haltbarer und stabiler. «Es gibt Stücke, die Holzmöbeln in nichts nachstehen.»

Der ewige Kreis der Pappmöbel

Kartonmöbel sind die Reinkarnation ihrer selbst – denn Pappe ist ein ökologischer Rohstoff. «Karton ist nachhaltiger als Holz, da er zum grössten Teil aus Recyclingpapier besteht», erklärt Daniel Schwager von kartondesign. Wenn man für die Möbel keine Verwendung mehr findet, entsorgt man sie einfach mit dem Altpapier. Und sorgt obendrein mit gutem Gewissen für Kartonmöbel-Nachwuchs.

Wo Kartonmöbel an ihre Grenzen stossen

Kartonmöbel haben aber auch Nachteile. Sie reagieren empfindlich auf Wasser, daher eignen sie sich nicht für Wohnbereiche, die schnell nass werden, wie Bad oder Küche. Ausserdem sind sie nur bedingt stossfest und Abnutzungen zeichnen sich schnell ab. Wie sensibel Kartonmöbel auf äussere Einwirkungen reagieren, hängt nicht nur von der Qualität ab, sondern auch davon wie man mit ihnen umgeht. «Holzmöbel bekommen auch Dellen, wenn man sie unsanft behandelt», nimmt Daniel Schwager seine Stücke in Schutz. Dass Pappmöbel nur ein Trend sind, glaubt er nicht, und blickt zuversichtlich in die Zukunft: «Die Vielfalt an Pappmöbeln hat stark zugenommen und wir können bereits ganze Wohnungen mit ihnen einrichten.» Auch in seiner eigenen steht bereits das ein oder andere Stück. 

«Ich wünsche mir für Kartonmöbel dieselbe Akzeptanz wie für Holzmöbel»

Neben dem Schweizer Unternehmen kartondesign.ch haben sich auch andere auf Pappmöbel spezialisiert. So auch KURTL, ein junges Unternehmen, das 2013 gegründet wurde und mit seinen Ideen in Sachen Karton-Kreationen begeistert. Christoph Außerwöger über die Marktlücke Kartonmöbel.

Wie ist Ihr Team auf die Idee gekommen, Pappmöbel herzustellen?

2010 wurden für ein österreichisches Musikfestival hunderte Sitzmöglichkeiten wie Bänke oder Sessel benötigt. Da für das Mobiliar nach dem Festival keine Nutzung geplant war, wurde kurzerhand beschlossen, Kartonmöbel zu bauen. Somit wurde Altpapier statt Sondermüll produziert.

Was macht Pappe so besonders?       

Pappe besteht grossteils aus Altpapier und kann ganz einfach recycelt werden. Sie gleicht sich auch rasch der Körpertemperatur an und bietet somit einen angenehmen Sitzuntergrund. Ausserdem ist Karton ein sehr leichter Werkstoff.

Angenommen, Sie laufen einem Kartonmöbel-Skeptiker über den Weg. Was tun Sie, um ihn zu überzeugen?

Ich lasse ihn Probe sitzen! Viele zweifeln an der Stabilität und sind positiv überrascht, wenn sie die Möbel ausprobieren. Ausserdem sind Kartonmöbel nachhaltig, äusserst stabil und haben wenig Gewicht, was das Umziehen einfach macht. Und die Falt- und Steckverbindungen ermöglichen ein Zusammenbauen ohne Werkzeug.

Wer ist Ihre Zielgruppe?

Grundsätzlich sind die Möbel für jede Altersgruppe geeignet. Ich glaube aber, dass unsere Möbel Menschen ansprechen, die einen nachhaltigen Lebensstil führen, etwas Aussergewöhnliches suchen und sich leistbares Design wünschen.

Ihre Produkte kommen ganz schön rum: Kinderbiennale in Venedig, diverse Festivals und Ausstellungen. Wo würden Sie Ihre Möbel am liebsten sehen?

Am liebsten wäre mir, wenn unsere Kartonmöbel dieselbe Akzeptanz erfahren wie Möbel aus Holz oder Plastik. Wenn es ganz normal ist, dass es in jedem Haushalt Kartonmöbel gibt.

Gibt es einen Design-Klassiker, den Sie gerne in Pappe nachbauen würden?

Eigentlich nicht, denn eine eigene Formsprache ist uns sehr wichtig. Klassiker nachzubauen ist nicht unser Ziel.

 

Text: Ching Guu / Titelbild und Bild Mitte: Kurtl

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