René Estermann: «Einem Verzicht steht immer ein Gewinn gegenüber!»

René Estermann ist Geschäftsführer von myclimate, welche freiwillige Kompensationsmassnahmen von CO2-Emissionen anbietet. Im Interview mit nachhaltigleben.ch spricht er über sein grosses Engagement seit seiner Jugend für eine nachhaltigere Gesellschaft.

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René Estermann ist Geschäftsführer von myclimate, ein Anbieter für freiwillige Kompensationsmassnahmen, Foto: myclimate.org.
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René Estermann ist seit 2007 Geschäftsführer der Stiftung myclimate, einer Klimaschutzorganisation, welche sich im Jahr 2002 aus einem gemeinsamen Projekt von Studenten und Professoren der ETH Zürich entwickelte. Heute gehört die Klimaschutzorganisation weltweit zu den führenden Anbietern von Kompensationsmassnahmen für CO2-Emissionen. Unternehmen wie auch private Personen können ihren CO2-Ausstoss durch Flugreisen, Autofahrten oder Aktivitäten im Haushalt kompensieren, indem sie von myclimate weltweit entwickelte und geförderte Klimaschutzprojekte unterstützen. Die Stiftung hilft den Kunden bei der Berechnung der CO2-Emissionen und berät zu den verschiedenen Kompensations-Möglichkeiten.

Estermanns Anliegen, den Umweltschutz voranzutreiben, ist nicht erst seit seinem Engagement bei myclimate gross. Nach seinem Studium der Agrarwirtschaft an der ETH Zürich führte er 16 Jahre lang sein eigenes Beratungs- und Ingenieurbüro «composto+», zudem war er Geschäftsführer des Kompostforum Schweiz AG und Redakteur wie auch Produzent des Compostmagazins. Mit seinen Aktivitäten trug René Estermann massgeblich zum Aufbau der Grüngutverwertung in der Schweiz bei. Nun gilt seine Aufmerksamkeit aber vor allem der Klimaschutzorganisation myclimate. Estermanns ehrgeiziges Ziel ist es, die Stiftung zum national führenden und international reputierten Anbieter freiwilliger CO2-Reduktions- und Kompensationsservice aufzubauen.

Herr Estermann, wer ist Ihr ökologisches Vorbild? Und was zeichnet dieses Vorbild für Sie aus?

Persönlichkeiten, die ihre Überzeugungen mit Engagement, Freude und positiver Ausstrahlung leben und unsere Welt positiv prägen wie zum Beispiel Bertrand Piccard, der Solarflugzeug-Klimapionier, Habiba Sultan Al Mar’ashi, die Power-Umweltfrau aus Dubai oder Prof. Muhammad Yunus, der Microfinance- und Grameen Bank-Gründer aus Bangladesch, oder Thöme Baumann, unser Suhrer Naturschutz-Bauer oder Erich Suter, der alte Chinese und Abfall-Pionier der Schweiz.

Wie stark hat die in den letzten Jahren zunehmende Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit Ihr Leben verändert?

Ich konnte im Jahr meiner Matura anno 1985 meinen ersten Hochstammobstgarten pflanzen und meinen ersten Quartierkompost in Betrieb nehmen und habe seit dann beruflich und privat stets im Umweltbereich gewirkt. Ich absolvierte ein Agrarökonomiestudium an der ETH, gründete die kommunale Umweltkommission, präsidiere heute den Naturschutzverein, gründete meine eigene Firma «Composto+» und führe diese nun seit 16 Jahren. Zudem baute ich die Grüngutverwertung in der Schweiz mit auf. Seit 5 Jahren darf ich nun «myclimate» mitprägen und zu einer weltweit führenden Klimaschutzorganisation vorantreiben. Ich hab das Glück und Privileg, stets meine Ideen und Wünsche mit dem Schwerpunkt ökologische Nachhaltigkeit realisieren zu können.

Was motiviert Sie, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen?

Die Sinnfrage nach den Ursprüngen des Lebens, deren faszinierende Vielfalt und unsere kulturelle, menschliche Entwicklungen in unserer Welt treiben meine Neugier an. Die Faszination und Schönheit unseres Planeten und der menschlichen Kultur motivieren mich, einen positiven Fussabdruck auf unserem schönen Planten zu hinterlassen. «Il faut cultiver notre jardin», war Candides Erkenntnis bei Voltaire.

Wie verhält sich Ihre Familie, wenn es um Nachhaltigkeit geht? Gibt es diesbezüglich Diskussionen am Familientisch?

Meine drei Töchter sind sicherlich geimpft, was ökologische Sensibilität betrifft. Doch klar gibt es stets Diskussionen über Konsum, Gewohnheiten, Verhalten, Ansprüche. Wir konnten vor 10 Jahren zusammen mit einer anderen Familie ein Holzbau-Mehrfamilienhaus nach unseren Vorstellungen realisieren mit Bioschwimmteich, Pellet-Heizung, Sonnenkollektoren, Photovoltaik, tollen Baumaterialien, Natur-, Zentrums-, ÖV-Nähe inklusive Mobility-Standplatz. Wir sind mega privilegiert, das sind wir uns bewusst.

Für welche persönliche Öko-Sünde schämen Sie sich am meisten? Und warum begehen Sie diese trotzdem?

Obwohl Katholik sind mir «Sünden und schämen» ziemlich fern. Doch mir fällt trotzdem was ein: dass ich es immer noch nicht geschafft habe, bei unseren Airline-Kunden (Swiss, Lufthansa, Virgin Atlantic), aber auch bei viel mehr Automobilunternehmen in viel grösserem Masse die C02-Kompensation zu realisieren. Wir könnten in unseren myclimate-Projekten statt nur der aktuellen 300'000 bis 400'000 Tonnen C02 jährlich ohne Probleme einige Millionen Tonnen Klimagase reduzieren. Ich schäme mich dafür jedoch nicht, denn immerhin haben wir innert 3, 4 Jahren unsere CO2-Reduktionsmengen verzehnfacht, doch eben, es könnten gerne und sollten auch rasch 10 oder 100 Mal mehr sein!

Angenommen, eine nachhaltigere Gesellschaft wäre nur mit persönlichem Verzicht machbar. Auf was würden Sie verzichten?

Ich bin ein unverbesserlicher neophiler Optimist, bei mir ist das Glas meist halbvoll. Das heisst einem Verzicht steht immer auch ein Gewinn von was Neuem oder Anderem gegenüber. Statt einer langen Geschäftsreise in die exotisch interessante Ferne steht beispielsweise zu Hause mehr Zeit für Mitarbeitende und Kunden und gemütliche Abendstunden mit Familie und Freunden an.

Was für ein nachhaltiges Produkt oder welche nachhaltige Dienstleistung würden Sie sich wünschen?

In der Schweiz noch mehr und in ganz Europa, ja in der ganzen Welt mindestens mal ein ÖV- und Mobility-Angebot wie in der Schweiz. Oder noch besser wie eines in Japan. Vor allem die Übernahme des Bahnverkehrs in Italien durch die SBB! Dann kann ich endlich wieder vernünftig nach Süditalien in die Ferien.

Was wäre Ihr dringendster Wunsch an die Politik zur Förderung einer nachhaltigeren Gesellschaft?

«Nägel mit Köpfen» beziehungsweise Gesetze, die wirken, was sie sollten. Statt fauler Kompromisse, die zu oft auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner basieren, wünsche ich mir Instrumente, die wirken. Endlich ein ambitioniertes globales Klimaschutzabkommen und ein Schweizer Klimaschutzgesetz mit einer Reduktion der Klimagasemissionen um 40 Prozent bis 2020 (halb Inland, halb internationale Reduktionen) und bis 2030 eine komplett klimaneutrale Schweiz mit bestmöglicher Inlandperformance und vollständiger Kompensation der restlichen CO2-Emissionen in internationalen Klimaschutzprojekten.

Was planen Sie persönlich in den nächsten 2 Jahren, um eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen?

Wir wollen das weltweite Engagement von myclimate weiter verstärken und innert 3 bis 5 Jahren statt «nur» 300'000 Tonnen CO2-Reduktionen, wie heute, künftig jährlich 3 oder noch besser 30 Millionen Tonnen Klimagasemissions-Reduktionen in unseren Klimaschutzprojekten weltweit realisieren. Mit unseren Bildungsprojekten, unseren Carbon Management Sevices wollen wir konkrete Schritte hin zur «low carbon society» leisten.

Worin sehen Sie in den kommenden Jahren die grössten Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung?

Der Wille und das aktive Engagement zu leisten und zu geben, sollten stets grösser sein als der Wille für Profit zum Nehmen!

Nachhaltige Lösungen haben oft ästhetische Beeinträchtigungen zur Folge, wie zum Beispiel Solarzellen im historischen Stadtbild. Wo sollte man die Grenze ziehen?.

Mehr Mut für Veränderungen und für eine positive Gestaltung unserer Zukunft, weniger Festhalten am alten Überholten.

Wem würden Sie selbst die letzten 11 Fragen gern stellen? Und warum?

Bertrand Piccard von SolarImpulse und unser Partner bei Klimapioniere! Er ist ein dermassen starker Botschafter und überzeugendes Vorbild für eine positive Entwicklung unserer Zukunft. Seine Antworten geben sicherlich gute Impulse.

 

Quellen: myclimate.org, Interview: Lea Schwer

 

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