Welche Wasserkraftwerke liefern wirklich Ökostrom? Kerstin Borowiak Wasserkraft ist für die Schweiz zentral: Sie liefert einen grossen Teil des einheimischen Stroms und verursacht im Betrieb nur geringe direkte Treibhausgasemissionen. Trotzdem ist nicht jede Kilowattstunde aus Wasserkraft automatisch «Ökostrom». Entscheidend ist, wie stark ein Kraftwerk Flüsse, Auen, Fische und Landschaften beeinträchtigt – und ob Stromprodukte hohe ökologische Standards erfüllen. Wenn du für deinen Haushalt wirklich naturverträglichen Strom wählen möchtest, lohnt sich ein genauer Blick. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Wasserkraftwerke in der Schweiz liefern Erneuerbare Energie, doch nicht immer ist die Wasserkraft auch nachhaltig. Foto: SerrNovik / iStock / Thinkstockphotos Viele Menschen verbinden Wasserkraft mit sauberer Energie – und das ist grundsätzlich verständlich. Gleichzeitig zeigen aktuelle Untersuchungen, dass Wasserkraft je nach Anlagentyp sehr unterschiedliche Folgen für Gewässerökologie, Geschiebehaushalt, Fischwanderung und Restwasser hat. Genau hier liegt der Unterschied zwischen «erneuerbar» und «ökologisch hochwertig». Für Familien und andere Haushalte ist diese Unterscheidung wichtig: Wer Strom bezieht, möchte oft nicht nur das Klima entlasten, sondern auch Biodiversität und Landschaft schützen. Die gute Nachricht ist, dass du dich nicht allein auf Werbeversprechen verlassen musst. In der Schweiz gibt es Kriterien und Labels, die strengere Anforderungen an Naturverträglichkeit stellen. Worum es wirklich geht: erneuerbar ist nicht automatisch ökologisch Die Kernaussage ist einfach: Wasserkraft kann klimafreundlich sein, ohne gleichzeitig naturverträglich zu sein. Ein Kraftwerk produziert zwar Strom aus einer erneuerbaren Quelle, kann aber trotzdem Lebensräume zerschneiden, Abflussmengen stark verändern oder Wanderfische behindern. Laut Bundesamt für Umwelt und Bundesamt für Energie stehen Gewässerschutz und Stromproduktion deshalb in einem Spannungsfeld, das sorgfältig abgewogen werden muss. Das räumt auch ein verbreitetes Missverständnis aus: «CO2-arm» bedeutet nicht automatisch «nachhaltig in jeder Hinsicht». Gerade bei Flüssen und Bächen spielen Biodiversität, Durchgängigkeit, Restwasser und natürliche Dynamik eine grosse Rolle. Wer echten Ökostrom möchte, sollte deshalb nicht nur auf die Energiequelle, sondern auch auf die ökologische Qualität des Produkts achten. Fakten: Wasserkraft in der Schweiz 2024 Die Schweiz nutzt Wasserkraft seit Jahrzehnten intensiv. Nach aktuellen Angaben des Bundesamts für Energie stammt weiterhin ein grosser Anteil der inländischen Stromproduktion aus Wasser. Gleichzeitig sind viele Gewässer bereits stark genutzt, reguliert oder verbaut. Das bedeutet: Zusätzlicher Ausbau ist ökologisch besonders sensibel, weil verbleibende naturnahe Abschnitte selten geworden sind. Für dich als Verbraucher:in heisst das, dass die Frage nicht nur lautet, ob ein Stromprodukt aus Wasserkraft kommt, sondern aus welcher Art von Anlage und unter welchen Auflagen. Besonders relevant sind dabei Speicherkraftwerke, Laufwasserkraftwerke, Pumpspeicher sowie kleinere Anlagen an bestehender Infrastruktur. Speicherkraftwerke: wichtig für die Versorgung, aber oft mit grossen Eingriffen Speicherkraftwerke nutzen Höhenunterschiede und Stauseen, um Wasser gezielt zur Stromproduktion einzusetzen. Für die Versorgungssicherheit sind sie sehr wertvoll, weil sie Strom flexibel bereitstellen können. Ökologisch sind sie jedoch oft anspruchsvoll: Stauseen verändern Landschaften, überfluten Lebensräume und beeinflussen das natürliche Abflussregime. Besonders problematisch kann der sogenannte Schwall-Sunk-Betrieb sein. Dabei wird kurzfristig viel Wasser abgegeben und später wieder stark zurückgehalten. Laut aktuellen Informationen des Bundesamts für Umwelt kann das Wasserorganismen, Jungfische und Kieslaicher erheblich belasten. Uferzonen wechseln abrupt zwischen Überflutung und Trockenfallen, was empfindliche Arten unter Druck setzt. Einordnung: Speicherkraftwerke sind energiewirtschaftlich wichtig, aber nicht automatisch naturverträglich. Ob ihr Strom als hochwertiger Ökostrom gelten kann, hängt stark davon ab, wie die Anlage gebaut, saniert und betrieben wird. Laufwasserkraftwerke: stetige Stromproduktion, aber Belastung für Flüsse Laufwasserkraftwerke erzeugen Strom aus der laufenden Strömung eines Flusses. Sie liefern vergleichsweise gleichmässig Energie, greifen aber direkt in das Fliessgewässer ein. Querbauwerke unterbrechen die Durchgängigkeit, Turbinen können Fische verletzen, und zu geringe Restwassermengen verändern Temperatur, Sauerstoff und Lebensräume. Aktuelle Fachinformationen von Eawag und Bund betonen, dass Fischauf- und Fischabstieg weiterhin zu den grossen Herausforderungen gehören. Fischpässe helfen zwar, sind aber nicht immer ausreichend. Entscheidend ist, dass auch der Abstieg sicher gelingt und Restwasserstrecken ökologisch funktionsfähig bleiben. Einordnung: Laufwasserkraft ist erneuerbar, aber ökologisch nur dann überzeugend, wenn Durchgängigkeit, Restwasser, Geschiebe und Uferlebensräume wirksam verbessert werden. Ohne solche Massnahmen ist die Belastung für den Fluss häufig erheblich. Pumpspeicherkraftwerke: nicht primär Stromquelle, sondern Speicher Ältere Darstellungen bezeichneten Pumpspeicherkraftwerke oft pauschal als «Stromfresser». Diese Sicht ist heute zu grob. Fachlich gilt: Pumpspeicher produzieren nicht einfach neue Energie, sondern speichern Strom, indem Wasser in Zeiten tiefer Nachfrage nach oben gepumpt und später wieder turbiniert wird. Dabei entstehen Umwandlungsverluste. Nach aktuellem Stand des Bundesamts für Energie sind Pumpspeicher vor allem für die Systemstabilität wichtig: Sie helfen, Lastspitzen auszugleichen und schwankende Einspeisung aus Solar- und Windenergie zu integrieren. Wie klimafreundlich ihr Betrieb ist, hängt stark davon ab, mit welchem Strom gepumpt wird. Wird überwiegend erneuerbarer Überschussstrom genutzt, ist die Bewertung deutlich günstiger als bei fossilem Strommix. Einordnung: Pumpspeicher sind nicht automatisch «Ökostrom», aber sie können ein wichtiger Baustein eines erneuerbaren Stromsystems sein. Für die ökologische Gesamtbewertung zählen sowohl der Natureingriff vor Ort als auch der eingesetzte Pumpstrom. Was heute gegen Umweltschäden unternommen wird Die Schweiz hat in den letzten Jahren Sanierungen bei Wasserkraftanlagen vorangetrieben. Dazu gehören Massnahmen gegen Schwall-Sunk, Verbesserungen der Fischgängigkeit und Vorkehrungen beim Geschiebehaushalt. Laut Bundesamt für Umwelt ist die ökologische Sanierung vieler Anlagen gesetzlich vorgesehen, doch die Umsetzung bleibt aufwendig und braucht Zeit, Geld und technische Lösungen. Wichtig für dich zu wissen: Nicht jedes bestehende Kraftwerk entspricht bereits dem ökologischen Ideal. Deshalb ist es sinnvoll, bei Stromprodukten auf glaubwürdige Qualitätskriterien zu achten. Ein blosses Versprechen wie «100 Prozent Wasserkraft» sagt noch wenig darüber aus, wie naturverträglich diese Energie tatsächlich erzeugt wurde. Kleinwasserkraftwerke werden gefördert um Strom aus erneuerbaren Energiequellen beziehen zu können. Foto: belskar / iStock / Thinkstock Kleinwasserkraft: nicht automatisch gut, aber manchmal sinnvoll Kleine Anlagen wirken auf den ersten Blick harmloser als grosse Staudämme. Trotzdem zeigen aktuelle Bewertungen aus Gewässerschutz und Forschung, dass auch Kleinwasserkraft erhebliche lokale Schäden verursachen kann, besonders in ökologisch wertvollen Bächen und kleinen Flüssen. Gerade dort sind Lebensräume oft empfindlich und Ausweichräume knapp. Ein ökologisch sinnvoller Ansatz ist deshalb nicht «möglichst viele kleine Anlagen», sondern eine differenzierte Prüfung: Besteht bereits Infrastruktur? Wie hoch ist der zusätzliche Nutzen? Wie gross ist der Eingriff in ein naturnahes Gewässer? Für naturverträgliche Lösungen schneiden Anlagen an bereits genutzter Infrastruktur häufig besser ab als neue Verbauungen in weitgehend intakten Fliessgewässern. Zwei Anwendungen mit besonders gutem Potenzial: Trinkwasser- und Abwasserkraftwerke Besonders interessant sind Anlagen, die vorhandene Druck- oder Gefälleunterschiede in Trinkwasser- und Abwassersystemen nutzen. Hier wird meist keine neue Gewässerstrecke verbaut, sondern bereits bestehende Infrastruktur energetisch genutzt. Das ist aus ökologischer Sicht oft deutlich günstiger als Eingriffe in freie Fliessgewässer. Aktuelle technische und energiewirtschaftliche Einschätzungen aus der Schweiz sehen in solchen Lösungen weiterhin ein sinnvolles Zusatzpotenzial. Für Haushalte ist das eine gute Nachricht: Nicht jede Form von Wasserkraft belastet Flüsse gleich stark. Dort, wo Energie aus bestehender Infrastruktur gewonnen wird, ist echter ökologischer Mehrwert eher erreichbar. Das etwas andere Wasserkraftwerk Eine weitere Neuentwicklung ist das Wasserwirbelkraftwerk. Dabei wird das Wasser in ein Becken geleitet. Über einem Abfluss entsteht ein Wasserwirbel, der eine Turbine antreibt. Auch 2024 gilt: Die ökologische Bewertung solcher Anlagen ist im Einzelfall sorgfältig zu prüfen. Entscheidend ist nicht die originelle Technik allein, sondern ob Fischwanderung, Sedimenttransport, Restwasser und Gewässerstruktur tatsächlich geschont werden. Fazit: Solche Konzepte können interessant sein, sind aber nicht automatisch naturverträglich. Massgeblich sind belastbare ökologische Nachweise im realen Betrieb. Woran du echten Ökostrom erkennst Wenn du deinen Stromvertrag prüfst, hilft eine einfache Frage: Bezieht sich das Angebot nur auf die Herkunft des Stroms oder auch auf seine ökologische Qualität? Für echten Ökostrom sind zusätzliche Umweltanforderungen wichtig. In der Schweiz ist das Label «naturemade star» weiterhin besonders relevant, weil es über den reinen Herkunftsnachweis hinaus ökologische Kriterien einfordert. Dazu gehören – je nach Anlage und Produkt – etwa Anforderungen an Gewässerschutz, Restwasser, Fischwanderung, Revitalisierung oder Beiträge zur ökologischen Aufwertung. Für dich heisst das konkret: Ein Produkt mit strengem Umweltlabel ist in der Regel die bessere Wahl als ein Angebot, das bloss mit «Wasserkraft» wirbt. Praktisch ist auch dieser Alltags-Tipp: Schau auf der Stromrechnung oder im Produktblatt nach, wie dein Stromprodukt genau heisst. Viele Energieversorger bieten mehrere Optionen an. Oft kannst du mit wenig Aufwand in ein hochwertigeres Produkt wechseln. Das kostet manchmal etwas mehr, setzt aber ein klares Signal für naturverträglicheren Ausbau. Was Eltern und Haushalte konkret tun können Wenn du mit deiner Familie nachhaltiger leben möchtest, ist die Stromwahl nur ein Baustein – aber ein wirksamer. Diese Schritte helfen im Alltag: Prüfe, ob dein Stromprodukt ein anspruchsvolles Umweltlabel wie «naturemade star» trägt. Lies nach, ob dein Anbieter transparent erklärt, aus welchen Anlagen der Strom stammt. Bevorzuge Produkte, die ökologische Sanierungen und Revitalisierungen mitfinanzieren. Spare Strom weiterhin bewusst: Die umweltfreundlichste Kilowattstunde ist die, die gar nicht erst verbraucht wird. Wenn du eine Solaranlage auf dem Dach planen kannst, ergänzt eigener Solarstrom einen naturverträglichen Strombezug sinnvoll. Gerade für Familien ist wichtig: Nachhaltigkeit muss nicht perfekt sein. Schon die Umstellung auf ein besseres Stromprodukt und ein bewussterer Verbrauch können viel bewirken, ohne den Alltag komplizierter zu machen. Fazit: Welche Wasserkraftwerke liefern wirklich Ökostrom? Echten Ökostrom liefern nicht einfach «alle Wasserkraftwerke», sondern vor allem jene Anlagen und Stromprodukte, die neben der erneuerbaren Herkunft auch hohe ökologische Anforderungen erfüllen. Besonders kritisch bleiben grosse Eingriffe in natürliche Fliessgewässer, ungenügende Restwassermengen, fehlende Fischdurchgängigkeit und starke Abflussschwankungen. Besser schneiden Lösungen ab, die bestehende Infrastruktur nutzen oder nachweislich strenge Umweltstandards einhalten. Wenn du sicher gehen willst, achte beim Stromkauf auf glaubwürdige Qualitätszeichen wie «naturemade star» und auf transparente Informationen deines Anbieters. So unterstützt du nicht nur die Energiewende, sondern auch lebendige Flüsse, mehr Biodiversität und eine Stromversorgung, die Klima- und Naturschutz gemeinsam denkt.