Soziale Nachhaltigkeit und wie wir sie leben

Die soziale Nachhaltigkeit ist eine der drei Nachhaltigkeitssäulen, die eine stabil und wirksam nachhaltige Gesellschaft garantiert. Ihr Ziel ist es, die menschliche Würde genauso wie das Arbeits- und Menschenrecht zu gewährleisten – und zwar über unsere Generation hinaus.

Soziale Nachhaltigkeit
Soziale Nachhaltigkeit muss von unserer Gesellschaft und Wirtschaft getragen werden. Foto: © venuestock/ iStock / Getty Images Plus
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Soziale Nachhaltigkeit beginnt mit Gerechtigkeit

Der Begriff soziale Nachhaltigkeit entwickelte sich über die letzten Jahrzehnte, ist einem Wandel unterworfen und wird stets in seiner Bedeutung ausgeweitet und ergänzt. Die soziale Nachhaltigkeit ist die «menschliche» der drei Säulen der Nachhaltigkeit. Im Idealfall steht die soziale Nachhaltigkeit gleichrangig neben der ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeit, die zusammen eine nachhaltige Gesellschaft ausmachen.

Doch was ist soziale Nachhaltigkeit eigentlich, wie kann sie in der Gesellschaft und in Unternehmen umgesetzt werden und warum betrifft sie uns alle?

«Sozial» und «nachhaltig» – so sieht das Idealbild einer Gesellschaft aus, in der jede und jeder Einzelne ein gleichwertiges Mitglied ist. Da ist von Partizipation die Rede, von Chancengleichheit oder der Befriedigung der Grundbedürfnisse.

Soziale Nachhaltigkeit in der Verfassung

In der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft sind, wie in vielen Staaten üblich, zahlreiche Grundrechte festgehalten. Sie beinhalten etwa die «Menschenwürde» oder die «Rechtsgleichheit», die unter anderem untersagt, dass jemand aufgrund seiner «Rasse, des Geschlechts, … der sozialen Herkunft» diskriminiert wird.

Auch sogenannte «Sozialziele» sind in der Bundesverfassung festgehalten. Darunter die «soziale Sicherheit», Arbeit zu angemessenen Bedingungen, oder dass «Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu selbstständigen und sozial verantwortlichen Personen gefördert und in ihrer sozialen, kulturellen und politischen Integration unterstützt werden».

Ob und wie diese Ziele im realen Alltag und für jeden Einzelnen tatsächlich auch so erlebt werden, das steht auf einem anderen Blatt. Zumal soziale Nachhaltigkeit noch viel mehr bedeutet. Vor allem auf wirtschaftlicher Ebene.

Soziale Nachhaltigkeit im globalen Dorf

Spätestens seit der Globalisierung sind soziale Ungerechtigkeiten, wie etwa schlechte Arbeitsbedingungen in fernen Ländern, in den Fokus der Verbraucher gerückt.

Soziale Nachhaltigkeit

Soziale Nachhaltigkeit fordert die gerechte Behandlung jedes Menschen. Foto: © subman/ E+

Politisch gewann die soziale Nachhaltigkeit spätestens seit den 1990er Jahren mehr und mehr an Bedeutung. So richtig durchgestartet ist sie mit der Agenda 21 auf dem Weltgipfel in Rio, genauer, auf der UNO-Konferenz für Umwelt und Entwicklung im Jahre 1992. Nachdem man in den 1980er Jahren eine globale Erwärmung feststellte, ein massives Waldsterben erkannte, erstmals ein massives Artensterben beklagt wurde und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen in Schwellen- und Entwicklungsländern in den öffentlichen Fokus rückten, wurde Handlungsbedarf erkannt.

Doch Ökologie und Ökonomie können nur in Einklang gebracht werden, so die Theorie, wenn der Mensch auch ein (menschen-)würdiges Leben führen kann.

Die Forderungen damals setzten neben Umwelt- und Klimakonventionen auch auf die Bekämpfung der Armut. Alle Menschen, so der Beschluss, sollten die «Möglichkeit zur nachhaltigen Sicherung ihrer Existenz» haben. Keine Selbstverständlichkeit in vielen Regionen dieser Welt. Gleichsam wurde beschlossen, dass es global bessere Bildungschancen geben müsse, Mann und Frau gleichberechtigt sein sollen, die menschliche Gesundheit geschützt und gefördert werden muss.

All diese Punkte wurden als dringlich erkannt, da sie letztlich mit Umwelt- und Klimaschutz in direkter Verbindung stehen. Nur mit Erfüllung dieser Faktoren im Geflecht der sozialen Nachhaltigkeit können Ökonomie und Ökologie nachhaltig sein.

Generationengerechtigkeit als Teil der sozialen Nachhaltigkeit

In neueren Theorieansätzen wird gerne auch von Generationengerechtigkeit gesprochen und auch sie ist Teil der sozialen Nachhaltigkeit. Generationengerechtigkeit verlangt, dass wir in der Gegenwart keine irreversiblen Veränderungen an der Welt vornehmen dürfen, um zukünftigen Generationen keinen Schaden zu hinterlassen oder zuzufügen.

Heute suchen Soziologen nach Möglichkeiten, wie unsere Gesellschaft für künftige Generationen erhalten und idealerweise verbessert werden kann. Gerade wenn es um Arbeit und Beruf geht. Denn laut dem Lexikon der Nachhaltigkeit ist die Arbeit «in modernen (Erwerbs-)Arbeitsgesellschaften der Dreh- und Angelpunkt der gesellschaftlichen Ordnung wie auch der individuellen Lebensentwürfe und Existenzsicherung». Diesem Umstand muss Rechnung getragen werden, um soziale Nachhaltigkeit zu schaffen.

Die Geburtsstunde von «Fair Trade»

Soziale Nachhaltigkeit

Fair Trade Produkte aus Süd- und Zentralamerika waren einst eine Utopie. Heute verlangen Kunden danach. Foto: © andresr/ E+

Schnell mal die Armut in der Dritten Welt beseitigen – das war letztlich das Ziel der lange als kritisch beäugten Dritte-Welt-Läden (heute Weltläden). Kaum einer traute sich hinein in die seltsam anmutenden Läden mit diesen exotischen Sachen und einer bis in die letzte Faser ökologisch ausgeprägten Corporate Identity.

Die optimistischen Betreiber wollten mit ihrem Import von Produkten aus Lateinamerika, Afrika und Asien einerseits auf sozio-ökonomische Probleme hinweisen, andererseits mit dem Verkauf der in kleinbäuerlichen Strukturen hergestellten Produkte den Menschen im Herkunftsland ein besseres Auskommen, ja, letztlich ein besseres Leben im Sinne der sozialen Nachhaltigkeit verschaffen. Dies markiert die Geburtsstunde des Fair Trade-Handels.

Was mit dem ersten Geschäft in den Niederlanden 1969 startete, führte letztlich zur globalen Bewegung des fairen Handels. Mit Erfolg, denn beispielsweise die Claro Fair Trade AG hat heute über 100 Geschäfte in der Schweiz und es gibt geschätzte 900 Weltläden in Deutschland sowie zahlreiche weitere in ganz Europa.

Soziale Nachhaltigkeit

Soziale Nachhaltigkeit bedeutet bessere Arbeitsbedingungen. Foto: © ranplett/ E+

Zudem sind heute bei jedem Detailhändler fair gehandelte und entsprechend zertifizierte Produkte, wie beispielsweise «Fairtrade Max Havelaar» erhältlich. Ein Paradebeispiel für soziale Nachhaltigkeit, die allerdings eine lange und zunächst zähe Anlaufphase hatte.

Damals wie heute sind die Ziele des fairen Handels mustergültig für die soziale Nachhaltigkeit:

  • Höhere, stabilere Einkommen für Mitglieder von Fairtrade-Kooperativen
  • Stärkere demokratische Interessenvertretungen
  • Mehr ländliche Entwicklung
  • Bessere und geregelte Arbeitsbedingungen
  • Höhere Produktivität, bessere Qualität
  • Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit (Quelle: Fairtrade)

Soziale Nachhaltigkeit lohnt sich für alle

Soziale Nachhaltigkeit kann sich lohnen. Laut der Organisation Swiss Fair Trade sorgten fair gehandelte Produkte in der Schweiz 2017 für einen Rekordumsatz von über 768 Millionen Franken (11 % + zu 2016; 91 CHF/Kopf). Die Nachfrage nach Fair Trade zertifizierten Produkten steigt seit Jahren und die Konsumenten haben erkannt, wie wichtig ein sozial nachhaltiger Konsum ist.

Eine Studie aus Harvard hat 2014 verschiedene Untersuchungen zur Wirkung des Fairtrade-Handels analysiert. Ihre Erkenntnis:

  • Menschen, die Fair-Trade-Produkte herstellen, erhalten höhere Preise für ihre Produkte, als solche, die konventionell Hergestelltes anbieten.
  • Menschen, die Fair-Trade-Produkte herstellen, haben einen besseren Zugang zu Krediten.
  • Menschen, die Fair-Trade-Produkte herstellen, nehmen ihr wirtschaftliches Umfeld als stabiler wahr.
  • Fair-Trade-Unternehmen verwenden weniger Pestizide und arbeiten generell umweltfreundlicher.

Allein unter den Siegeln Fairtrade Max Havelaar, Fairtrade Österreich und Transfair E.V: Deutschland profitierten laut Jahresbericht 2017 weltweit 1,6 Millionen Kleinbauern oder Arbeiter und deren Familien.

Die Schweiz scheint gut gewappnet in Sachen nachhaltiges Unternehmertum und insbesondere bei der sozialen Nachhaltigkeit. Zumal viele Unternehmen heute die Chancen eines nachhaltigen Managements erkennen.

Dieser Artikel entstand mit Unterstützung der Coop-Nachhaltigkeitsinitiative «Taten statt Worte». Erfahren Sie mehr darüber, wie das Gütesiegel Solidarité Menschen mit Beeinträchtigung unterstützt, über die Zusammenarbeit von Coop mit sozialen Institutionen oder wie Coop sich für Flüchtlinge in der Schweiz engagiert.

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