Unsere Landschaft als Klimaschützer: Warum die Schweiz jetzt proaktiv planen muss Theresa Keller Die Postkartenidylle der Schweiz – schneebedeckte Gipfel, saftige Alpweiden und glitzernde Seen – steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Doch unsere Landschaften sind weit mehr als eine schöne Kulisse; sie sind ein hochkomplexes System, das uns lebensnotwendige Leistungen erbringt. Sie speichern CO², regulieren unseren Wasserhaushalt und schützen uns vor Naturgefahren wie Lawinen oder Hochwasser. Der neue Bericht der Akademien der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) aus dem Jahr 2026 macht jedoch deutlich: Dieser „Service der Natur“ ist durch die Erderwärmung massiv unter Druck. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken © Gemini / Google Welche Landschaftsleistungen gestärkt oder geschwächt werden, hängt wesentlich von politischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Praktiken ab. Vom schwindenden Eis zu neuen Chancen Sichtbar wird die Veränderung vor allem im Hochgebirge. Wo sich Gletscher zurückziehen, hinterlassen sie instabile Hänge und neue Gletschervorfelder. Das birgt Risiken für die Infrastruktur, eröffnet aber auch ökologische Potenziale für die Biodiversität oder die Wasserspeicherung zur Stromproduktion. Auch die Landwirtschaft muss sich anpassen: Während die Baumgrenze steigt und neue „Waldweiden“ nach jurassischem Vorbild entstehen könnten, bedrohen zunehmende Trockenheit und Hitze die Erträge im Mittelland. Ohne Bewässerung oder neue Bewirtschaftungsformen wird die traditionelle Nutzung vielerorts schwierig. Chance Gletschervorfeld: Neue Potenziale für Ökologie und Wasserspeicherung. Chance Waldweide: Verbindung von Biodiversität und Landwirtschaft. Risiko Artenverlust: Gefährdung sensibler Ökosysteme durch intensive Nutzung. Risiko Identität: Verlust vertrauter Landschaften schadet dem Tourismus. Die „Schwamm-Strategie“ gegen Extremereignisse Ein zentraler Pfeiler für eine klimaresiliente Schweiz ist der Umgang mit Wasser. Die alte Strategie, Regenwasser so schnell wie möglich abzuleiten, erweist sich heute oft als Sackgasse. Gefragt sind stattdessen „Schwamm-Konzepte“. In Städten helfen begrünte Dächer und entsiegelte Flächen, die sommerliche Hitze zu dämpfen und Starkregen aufzusaugen. In der Fläche dienen Auen und Moore als natürliche Rückhalteräume, die wie ein Schwamm fungieren und so den Hochwasserschutz und die Biodiversität gleichzeitig stärken. Eine multifunktionale Nutzung kann vorteilhafter sein als eine strikte Trennung von Schutz und Nutzung. Handeln statt Hoffen: Der integrative Ansatz Die Forschungsprojekte 4 °C+ und ValPar.CH zeigen auf, dass wir die Zukunft unserer Landschaft aktiv steuern können. Dabei ist ein „integrativer Landschaftsansatz“ entscheidend: Anstatt dass Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Raumplanung isoliert voneinander agieren, müssen alle Akteure an einen Tisch. Ein proaktives Handeln, das frühzeitig auf naturnahe Massnahmen setzt, ist langfristig deutlich tragfähiger als rein technische Reparaturlösungen. Wie das gelingen kann, beweist der Naturpark Pfyn-Finges im Wallis. Dort arbeiten Landwirte und Forscher Hand in Hand, um historische Kulturlandschaften ökologisch aufzuwerten. Durch gezielte Pflege und ressourcenschonende Bewässerung sinkt das Risiko von Buschbränden, während gleichzeitig neue Lebensräume für seltene Arten entstehen. Ein Fazit für die Zukunft Die Botschaft des Berichts ist klar: Wir müssen heute flexibel und langfristig planen, um die Vielfalt und Widerstandsfähigkeit unserer Landschaften zu erhalten. Nur wenn wir die Biodiversität als Basis unserer Sicherheit begreifen, bleibt die Schweiz auch bei einer Erwärmung von bis zu vier Grad ein lebenswerter Ort. Es liegt an uns, die Landschaft der Zukunft nicht nur zu erleiden, sondern sie aktiv und nachhaltig zu gestalten.