Warum trotz Bio-Boom kaum jemand grün wählt

Der Absatz an Bio-Lebensmitteln steigt seit Jahren stark an, das Bewusstsein für Nachhaltigkeit nimmt zu. Dennoch haben die grünen Parteien derzeit einen schlechten Stand in der Bevölkerung und werden nur wenig gewählt. Aber warum ist das so?

Grüne Parteien der Schweiz: Wenig Wähler trotz nachhaltigem Bio-Boom
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Velo statt Auto zu fahren ist ebenso «in» wie die Solaranlage auf dem Dach und die Bio-Lebensmittel im Einkaufskorb. Doch trotz des Bio- und Öko-Hypes sind die Wahlergebnisse von Grünen und Grünliberalen eher bescheiden, wie 20min.ch berichtet. In allen Kantonen haben sie dieses Jahr sogar an Stimmen verloren. Aber warum wird so wenig grün gewählt, obwohl Umweltschutz so angesagt ist?

Warum grün leben und wählen nicht zwangsläufig zusammen gehören

Früher galten Ökos oft als radikale Weltverbesserer, die auch durch ihr starkes politisches Engagement auffielen. Doch heute gehört nachhaltiges Handeln zu einem Lebensstil, der mit der politischen Gesinnung oder überhaupt dem Interesse an Politik nichts mehr zu tun haben muss.

Dazu kommt, dass die grünen Parteien die Lifestyle-Ökos lange vernachlässigt haben. Der Bio-Boom etwa ist an ihnen grösstenteils vorbeigegangen. Zu lange hat es gedauert, bis die grünen Parteien überhaupt das vergleichsweise junge Thema «Bio» in ihrem Parteiprogramm aufnahmen, wie Politologe Mark Balsiger im Interview mit 20min.ch erklärt. «Klassische grüne Themen sind der Atomausstieg und die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs – die Forderungen nach fair produzierten Lebensmitteln und Tierschutz führt die Partei noch nicht lange in ihrem Portfolio», sagt er gegenüber der Zeitung. Es dauere, bis dies der Wähler verinnerlicht habe.

Und selbst wenn man durchaus mit den grünen Parteien sympathisiere, heisse das nicht, dass man sie auch tatsächlich wählen würde. Das zeigte etwa die Nachwahluntersuchung des Statistischen Amts des Kantons Zürich in 2011. Bestätigt wird das auch durch die Selects-Nachwahlbefragung von 2011, laut der nur 24 Prozent der Grünen-Sympathisanten GLP wählten und 37 Prozent die Grünen. Bei den SVP-Befürwortern waren es hingen 81 Prozent, welche die Partei tatsächlich wählten.

Nicht nur bei den grünen Parteien: Programme können Viele nicht mehr überzeugen

Die grünen Parteien, wie andere auch, wollen vielleicht einfach zu viel. Beispiel: Die Seite Gruene.ch. Dort sind die derzeit wichtigen Positionen Erbschaftssteuerreform, Stipendieninitiative, Revision des RTV-Gesetzes, Präimplantationsdiagnostik und die Fair Food-Initiative aufgeführt. Danach geht es aber noch lange weiter. Insgesamt 26 Positionen gibt es, die Umwelt, Wirtschaft, Soziales und Internationales umfassen.

Die Parteiprogramme werden immer bunter, scheinen in manchen Punkten austauschbar. Mancher fragt sich deshalb vielleicht, warum er überhaupt wählen soll, und weshalb dann auch noch ausgerechnet «grün».

Quellen: 20Minuten.ch, Gruene.ch, GDI.ch, statistik.zh.ch

Autor: Jürgen Rösemeier-Buhmann