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Gebäude effizient kühlen: Was das neue ewz-Whitepaper für die Schweiz jetzt wichtig macht

Hitzetage werden in der Schweiz häufiger, länger und belastender – für Menschen, Städte und Gebäude. Gleichzeitig soll der Energieverbrauch sinken und der Ausstieg aus fossilen Lösungen gelingen. Das neue Whitepaper von ewz rückt deshalb eine Frage ins Zentrum, die für Eigentümer:innen, Planer:innen und Unternehmen immer dringlicher wird: Wie lassen sich Gebäude so kühlen, dass sie im Sommer komfortabel bleiben, ohne unnötig viel Energie zu verbrauchen?

Sonnenschutz an Wohngebäude in Zürich
Umfassende Verschattung kann helfen, die Hitze abzuwehren © Gemini / Google

Warum effizientes Kühlen kein Nischenthema mehr ist

Was früher nur einzelne besonders heisse Tage betraf, wird zunehmend zum Planungsalltag. Laut MeteoSchweiz hat sich das Klima in der Schweiz seit Messbeginn deutlich erwärmt, und Hitzewellen treten häufiger und intensiver auf. Für dich als Nutzer:in, Eigentümer:in oder Verantwortliche:r in einem Unternehmen bedeutet das: Sommerlicher Wärmeschutz ist heute nicht mehr bloss ein Komfortthema, sondern Teil einer resilienten Gebäudestrategie.

Die gesundheitliche Relevanz ist gut belegt. Die Weltgesundheitsorganisation und auch Fachstellen des Bundes weisen darauf hin, dass anhaltende Hitze Kreislauf, Schlaf, Leistungsfähigkeit und besonders vulnerable Gruppen stark belastet. Gerade in dicht bebauten Gebieten verstärken versiegelte Flächen und aufgeheizte Fassaden die Situation zusätzlich. Wenn Innenräume nachts nicht mehr ausreichend auskühlen, nimmt die Belastung deutlich zu.

Gleichzeitig wäre es kurzsichtig, nur auf mehr klassische Klimatisierung zu setzen. Denn ineffiziente Kühlung erhöht den Strombedarf, verschärft Lastspitzen und kann – wenn sie schlecht geplant ist – neue Probleme schaffen. Genau hier setzt das Whitepaper an: Es macht deutlich, dass effizientes Kühlen immer als Gesamtsystem gedacht werden muss.

Was hinter «effizient kühlen» wirklich steckt

Der wichtigste Punkt vorweg: Ein Gebäude wird nicht erst dann gut gekühlt, wenn eine Kälteanlage eingebaut ist. Gute Kühlung beginnt viel früher – bei der Frage, wie stark sich ein Gebäude überhaupt aufheizt. Fachlich spricht man von einer Hierarchie der Massnahmen: Zuerst Hitzeeinträge vermeiden, dann passive Potenziale nutzen und erst danach aktive Kühlung gezielt einsetzen.

Das deckt sich mit dem aktuellen Wissensstand aus der Gebäudeforschung. Das Bundesamt für Energie und die SIA betonen seit Jahren, dass sommerlicher Komfort vor allem dann effizient erreicht wird, wenn Gebäudehülle, Verschattung, Lüftung, Nutzung und Technik zusammenpassen. Anders gesagt: Die beste Kilowattstunde Kälte ist jene, die gar nicht erst gebraucht wird.

Die wichtigsten Hebel in der Praxis

  • Aussenliegende Verschattung: Sie ist deutlich wirksamer als innenliegende Lösungen, weil Sonnenstrahlung gar nicht erst in den Raum gelangt.
  • Nachtlüftung und freie Kühlung: Wenn die Aussenluft nachts ausreichend kühl ist, kann gespeicherte Wärme aus dem Gebäude abgeführt werden.
  • Gebäudemasse sinnvoll nutzen: Massive Bauteile können Wärme zeitlich puffern – vorausgesetzt, sie werden nachts wieder entladen.
  • Interne Wärmelasten senken: Beleuchtung, Geräte, Server oder schlecht geregelte Anlagen heizen Räume oft stärker auf, als man denkt.
  • Effiziente aktive Systeme: Wo Kühlung nötig ist, sind gut geregelte Wärmepumpen, reversible Systeme oder Anergienetze oft sinnvoller als isolierte Einzelgeräte.

Typische Fragen: Braucht es jetzt überall Klimaanlagen?

Nein. In vielen Gebäuden lässt sich die sommerliche Überhitzung bereits mit konsequentem Sonnenschutz, intelligenter Lüftung und betrieblicher Optimierung deutlich reduzieren. Gerade in Wohnbauten ist das Potenzial oft grösser als erwartet. 

Es gibt aber auch Fälle, in denen aktive Kühlung notwendig oder zumindest sehr sinnvoll ist: etwa in stark verglasten Bürobauten, in Gebäuden mit hoher interner Last, in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen oder an lärmbelasteten Standorten, an denen nächtliches Lüften kaum möglich ist. Entscheidend ist nicht die pauschale Ablehnung oder Befürwortung von Kühlung, sondern die angemessene Lösung für den konkreten Nutzungskontext.

Häufige Missverständnisse – und was heute als überholt gilt

Rund um sommerlichen Wärmeschutz halten sich einige Annahmen, die in der Praxis zu Fehlentscheiden führen. Ein typisches Missverständnis lautet: «Mehr Dämmung macht Gebäude im Sommer automatisch heisser.» Das stimmt so nicht. Gut geplante Dämmung reduziert Wärmeeinträge über die Hülle. Problematisch wird es eher dann, wenn grosse solare Lasten durch Fenster hereinkommen, die Lüftung nicht funktioniert oder interne Wärmequellen unterschätzt werden.

Ebenfalls überholt ist die Vorstellung, dass Einzelraumgeräte eine einfache und nachhaltige Standardlösung seien. Mobile Klimageräte arbeiten oft ineffizient, verursachen Lärm und bringen im Verhältnis zum Stromverbrauch begrenzten Nutzen. Fachlich sinnvoller sind integrierte Systeme mit guter Regelung – oder noch besser: Massnahmen, die den Kühlbedarf von Beginn an senken.

Auch das reine Vertrauen auf technische Nachrüstung greift zu kurz. Ohne Verschattung und Betriebsoptimierung läuft selbst eine gute Anlage schnell gegen vermeidbare Lasten an. Das erhöht Kosten und Energiebedarf und verschlechtert die Gesamtbilanz.

Warum Gesundheit und Produktivität stärker mitgedacht werden sollten

Zu warme Innenräume sind nicht nur unangenehm. Sie beeinflussen auch Schlaf, Konzentration und Leistungsfähigkeit. Für ältere Menschen, chronisch kranke Personen, kleine Kinder und Schwangere kann Hitze besonders belastend sein. Die WHO hebt hervor, dass Hitzeschutz in Gebäuden deshalb auch eine Frage der Prävention und der öffentlichen Gesundheit ist.

In Arbeitsumgebungen kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Wenn Räume regelmässig überhitzen, sinkt oft die Produktivität, während Fehleranfälligkeit und Erschöpfung zunehmen. Effizientes Kühlen ist damit nicht nur eine Energiefrage, sondern auch eine Investition in Aufenthaltsqualität, Gesundheit und wirtschaftliche Robustheit.

Was du bei bestehenden Gebäuden konkret prüfen kannst

Wenn du ein bestehendes Gebäude verbessern willst, lohnt sich ein nüchterner Blick auf die grössten Wärmeeinträge. Oft zeigen sich erstaunlich einfache Ansatzpunkte: Werden Storen tagsüber konsequent genutzt? Ist die Nachtlüftung betrieblich möglich? Laufen Geräte oder Beleuchtung unnötig? Gibt es Fassaden- oder Dachflächen, die sich besonders stark aufheizen? Bevor eine neue Technik dimensioniert wird, sollte zuerst klar sein, warum das Gebäude zu warm wird.

Das BFE empfiehlt, bestehende Gebäude systematisch zu analysieren und passive Massnahmen konsequent auszuschöpfen. Dazu gehört auch, Regelstrategien zu überprüfen. Nicht selten sind Anlagen zwar vorhanden, aber schlecht abgestimmt: Fensterkontakte fehlen, Zeitprogramme passen nicht zur Nutzung, oder Heizen und Kühlen laufen teilweise gleichzeitig. Solche Fehler kosten Komfort und Energie.

Ein sinnvoller Ablauf für die Praxis

  • Überhitzung messen oder dokumentieren: Nicht nur das Gefühl zählt, sondern auch Raumtemperaturen über mehrere Tage.
  • Sonneneintrag prüfen: Besonders betroffen sind West- und Südfassaden sowie grosse Fensterflächen.
  • Betrieb optimieren: Verschattung, Lüftungszeiten, Gerätebetrieb und Regelung zuerst verbessern.
  • Passive Massnahmen priorisieren: Aussenverschattung, Begrünung, Entsiegelung oder bauliche Anpassungen können viel bewirken.
  • Aktive Kühlung gezielt planen: Erst wenn der verbleibende Bedarf klar ist, sollte die Technik dimensioniert werden.

Welche Lösungen für Neubauten heute zukunftsfähig sind

Im Neubau ist die Ausgangslage günstiger, weil sich vieles von Anfang an richtig planen lässt. Dazu gehören kompakte Bauformen, gute Orientierung, wirksame Verschattung, begrenzte Fensteranteile an kritischen Fassaden, robuste Lüftungskonzepte und ein Gebäudebetrieb, der auf den Sommerfall ausgelegt ist. Besonders sinnvoll sind Systeme, die Heizen und Kühlen zusammen denken, etwa mit Wärmepumpen oder thermischen Netzen.

Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist zentral, dass Kühlung nicht isoliert betrachtet wird. Ein Gebäude ist dann zukunftsfähig, wenn es im Winter effizient heizt, im Sommer möglichst wenig aktive Kühlung braucht und Lastspitzen im Stromsystem reduziert. Genau diese Verbindung von Energieeffizienz, Klimaanpassung und Versorgungssicherheit macht die Debatte so relevant.

Fazit

Effizientes Kühlen ist kein Luxus, sondern eine Antwort auf reale klimatische und gesundheitliche Herausforderungen. Wenn du Gebäude planst, betreibst oder sanierst, lohnt es sich, zuerst den Kühlbedarf zu vermeiden und erst danach Technik einzusetzen. So entstehen Lösungen, die nicht nur an heissen Tagen funktionieren, sondern auch langfristig wirtschaftlich und klimaverträglich sind.

Das neue ewz-Whitepaper trifft damit einen Nerv der Zeit: Die Frage ist nicht mehr, ob Gebäude in der Schweiz besser auf Hitze vorbereitet werden müssen, sondern wie klug und effizient wir das jetzt umsetzen.

Willst Du mehr wissen? Alles wichtige zu diesem Thema findest Du in unserer Rubrik "Bauen"

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