Crowdfinancing: Wo Banken versagen, hilft die Masse

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Beim Crowdfinancing stemmen viele kleine Investoren eine grössere Finanzierung. Diese neue Form des Kredits schafft viel Potenzial, hat aber auch Grenzen, wie eine Podiumsdiskussion mit Experten in Zürich aufzeigte.

Crowdfinancing: Die Masse finanziert, was Banken nicht schaffen
Foto: © zVg gebana AG; v.l.n.r.: Stefan Benkert, Creditgate24; Adrian Wiedmer, gebana AG; Christoph Inauen, ChobaChoba; Moderatorin Nadine Jürgensen; Christian Speckhardt, Responsability; Ralf Beck, Professor und Crowdfinancing Experte

Manchmal sind es nur wenige, oft aber auch mehrere hundert Einzelne, die durch Crowdfinancing die Umsetzung eines Projekts ermöglichen. Das schafft neue Chancen für Kreditnehmer, aber auch für private Investoren, wie sich die Experten an dem Podium unter dem Titel «Was sich die Bank nicht traut, macht die Crowd!» im Zürcher Volkshaus einig waren. Geladen zu der Diskussion hatte die Gebana AG, eine Pionierin unter den Fair Trade-Shops, die bereits vor Jahren mit Crowdfinancing begann.

Die Crowd will ihr Geld sinnvoll investieren

Gerade Start-Ups könnten durch Crowdfinancing gleichzeitig «Geld einsammeln und Kunden gewinnen», wie der deutsche Crowdfinancing-Experte Prof. Dr. Ralf Beck meint. Zudem würden sich institutionelle Investoren besonders mit der Finanzierung nachhaltiger Projekte schwertun, weil diese eventuell weniger Profit abwerfen. Viele kleine Investoren setzen dagegen weniger auf die Rendite, sondern sagen sich «Hauptsache, ich mache etwas Vernünftiges mit dem Geld», erklärt Beck weiter.

Ein klarer Vorteil dieser Art der Finanzierung sei auch eine gewisse Mund-zu-Mund-Propaganda, wie Christoph Inauen ergänzt. Er ist der Mitbegründer und Co-CEO der Schokoladen-Marke ChobaChoba, die über Crowdfinancing aufgebaut wurde.

Für die Unternehmen funktioniere das Crowdfinancing-Prinzip allerdings nur, wenn die Crowd sehr gross ist. Erst dann sei es richtig verlässlich, erklärte dazu allerdings Stefan Benkert, CEO und Co-Founder der Crowdlending Plattform Creditgate24. Denn ansonsten bringe eine Finanzierung über die Masse auch für die Kreditnehmer grössere Risiken mit sich.

Welche Formen Crowdfinancing annehmen kann

Crowdfunding: Basiert auf Spenden von einer grösseren Anzahl von Personen, die an das ausgeschriebene Projekt glauben und deshalb darin investieren. Funktioniert auch belohnungsbasiert: Angenommen etwa, der Kreditnehmer sammelt Geld, um seine Kosmetikmarke aufzustellen. Kommt die Finanzierung zustande, könnte der Spender beispielsweise als Belohnung einige der Produkte erhalten.

Crowdlending: Hierbei wird Geld für Kredite eingesammelt. Die Investoren erhalten als Gegenzug einen festgelegten Anteil Zinsen ausgezahlt.

Crowdinvesting: Einzelne investieren in ein Start-Up oder sonstiges Unternehmen. Meist erhalten sie dafür eine Beteiligung an der Firma.

Auch die stärkste Crowd schafft bisher nicht alles

Neben Chancen gibt es für Crowdfinancing auch deutliche Grenzen. Gerade bei Projekten in Entwicklungsländern brauche es beispielsweise noch grössere Investoren, wie Christian Speckhardt erklärt, der Impact Investing und Finanzierungsexperte bei der Vermögensverwaltung responsAbility ist: «Wenn man dort nicht wirklich gross denkt, kommt man meiner Meinung nach nirgends hin.» Denn alleine in der Landwirtschaft in Entwicklungsländern bestehe eine Finanzierungslücke von jährlich 83 Milliarden Euro. Das könnte Crowdfinancing alleine bisher nicht stemmen.

Die Crowd sei den Institutionen beim Finanzieren allerdings um wichtige Punkte voraus: sie ist risikofreudiger und schaut nicht nur auf die mögliche Rendite. Und genau deshalb sollten nach Meinung der Experten auch die bisher willkürlich gesetzten Grenzen für Crowdfinancing aufgehoben werden.

Crowdfinancing als Thema im Podium hatte viele Zuschauer

Foto: © zVg gebana AG

Zwar sorgt ein neues Bankgesetz seit 1. August bereits für mehr Spielraum. So darf inzwischen bis zu 1 Million Franken bewilligungsfrei durch Publikumseinlagen finanziert werden. Für viele Unternehmen reicht das jedoch längst nicht aus.

Adrian Wiedmer, CEO der Gebana AG, plädiert daher für weitere Lockerungen im Crowdfinancing und für mehr Mut zum Risiko bei Banken: «Wir müssen von der Idee wegkommen, dass wir ein Leben ohne Risiko führen. Wer etwas bewirken will, geht langfristige Risiken ein. Einzelpersonen haben das begriffen, Finanzinstitute jedoch sind gefangen im kurzfristigen Renditetunnelblick.» Damit ausreichend Gelder dort landen, wo sie gebraucht werden und etwas bewirken könnten, wäre daher ein weiteres Umdenken dringend nötig.    

Autorin: Bianca Sellnow, 28. November 2017