Unfaire Arbeit: Angestellte bei Amazon streiken

Schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne sowie permanente Überwachung lassen Arbeiter von Amazon auf die Strasse gehen. Mit dem Streik mitten im Weihnachtsgeschäft wollen sie ein Zeichen setzen und zu einer fairen Behandlung aufrufen.

Alles andere als fairer Handel: Amazon-Arbeitsbedingungen führen zu Streik
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Wenn es um den Aufruf zu fairem Handel geht, denken wir häufig eher an ferne Entwicklungsländer. Zwar ist das Lohn-Dumping in den Industriestaaten nicht mit den teilweise lebensgefährlichen Bedingungen wie etwa in Textilfabriken in Bangladesch zu vergleichen. Doch auch im nahen Europa oder in den USA müssen Angestellte oft für einen alles andere als fairen Lohn anstrengende Jobs durchstehen.

Bei Amazon, aber auch bei anderen Logistikunternehmen, berichten Mitarbeiter und Gewerkschaften immer wieder von extremem Arbeitsdruck, Akkordarbeit, permanenter Überwachung oder teils menschenunwürdiger Behandlung. Die US-Amerikanerin Nichole Gracely ist nach einem Bericht des englischen Guardian sogar lieber obdachlos als weiter bei Amazon zu arbeiten. Von der Strasse aus sucht sie nach eigener Aussage nun einen Job, in dem sie menschenwürdig behandelt wird.

Auch bei Amazon in Deutschland wird immer wieder bemängelt, dass es kaum Tarifverträge gibt, daher weit unter dem normalen Lohn gezahlt wird. Darüber hinaus gebe es nur ganz wenige Angestellte, die überhaupt einen festen Arbeitsvertrag haben. Ähnliches gilt laut einem Bericht auf zeit.de aber ebenso für andere grosse Betriebe wie das Logistikunternehmen DHL. Solche Zustände bringen die Verantwortlichen der grossen deutschen Gewerkschaft ver.di auf den Plan. Sie ruft aktuell wieder zu Streiks gegen die alles andere als fairen Arbeitsbedingungen auf.

Krank durch schlechte Arbeitsbedingungen

Schon öfter wurde in Enthüllungsberichten aufgedeckt, was Arbeitern bei Amazon teilweise zugemutet wird. So zeigte die britische BBC etwa verdeckt einen Mitarbeiter, der auf Schritt und Tritt verfolgt wurde. Er musste über 100 Produkte pro Stunde aus dem riesigen Lager einsammeln und legte dabei im Schnitt 17 Kilometer am Tag zu Fuss zurück. Stimmte das Tempo einmal nicht, wurde er umgehend zum Gespräch mit dem Chef geladen. Solche und andere Praktiken seien alles andere als faire Arbeitsbedingungen, die sogar psychisch und körperlich krank machen könnten, erklärte ein Experte in der BBC-Reportage die Bilder der Reporter.

Um solche Enthüllungen zu belegen, gab Ver.di eine Studie in Auftrag. Diese zeigte auf, dass Arbeiten bei Amazon tatsächlich krank machen soll. So veröffentlichte die Gewerkschaft eine Durchschnittszahl von 11 Prozent Krankenstand an sieben von acht Amazon-Standorten in Deutschland. Bei vier Standorten lag der Krankenstand sogar bei 15 – 20 Prozent, in einem seiner grössten Logistikzentren in Leipzig auch schon mal bei bis zu 25 Prozent. Zum Vergleich: Der bundesdeutsche Durchschnitt lag im ersten Quartal 2014 etwa bei 4,7 Prozent, wie die Krankenkasse BKK ermittelte.

Bereits seit 2013 streiten deshalb inzwischen ver.di und Amazon um faire Arbeitsbedingungen wie auch gerechtere Löhne. Die Gewerkschaft fordert, dass man Tarifverträge, wie sie im Einzelhandel und auch im Onlinegeschäft heute üblich sind, bei Amazon einführt. Das Unternehmen argumentiert jedoch dagegen, dass Logistiker keinen Anspruch auf diese Tarifverträge hätten, da es sich um eine andere Berufsgruppe handele.

Streik bei Amazon soll aufrütteln

Um auf die schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen, rief ver.di deshalb mitten im Weihnachtsgeschäft dazu auf, die Arbeit nieder zu legen. Vor zwei Werktoren in einem der Logistikzentren von Amazon, im zentraldeutschen Bad Hersfeld, standen deshalb laut der Boulevardzeitung «BILD» am ersten Streiktag 30 Mitarbeiter des Unternehmens und protestierten für Tarifverträge. Zwar ist dies nur ein sehr geringer Anteil der insgesamt 30.000 Mitarbeiter, doch der Streik hat Signalwirkung und soll Amazon öffentlich unter Druck setzen.

Das alles andere als faire Handeln scheint durch die negative Öffentlichkeit, die das Unternehmen jetzt erfährt, jedenfalls auf dem Prüfstand zu stehen. Und vielleicht können dadurch sogar auf lange Sicht die Arbeitsbedingungen verbessert werden.

Ein kompletter Boykott des Unternehmens, wie es viele Internet-User auf der deutschen Facebookseite von Amazon fordern, dürfte den Angestellten übrigens nicht viel bringen. Die Arbeitsbedingungen verbessert es jedenfalls nicht. Am ehesten kostet es ein paar befristet Angestellten ganz den Job.

Quellen: Presseportal.de, BKK Dachverband e. V., Welt.de, Bild.de, Autor: Jürgen Rösemeier-Buhmann