Good News: Die bedrohte Forelle erobert Bäche und Flüsse zurück

Promo – Die Renaturierung von Flüssen und Bächen ist für das Überleben der Fische essentiell. Am Walensee zeigt sich nun, wie erfolgreich solche Projekte tatsächlich sein können und wie Seeforelle und Co. verlorenen Lebensraum zurückerhalten.

Renaturierung am Walensee
Ruedi Gall, Gesamtprojektleiter der Renaturierungen, inspiziert den Bachlauf.
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Dieser Artikel erschien zuerst bei powernewz.ch

Es dauerte kein Jahr, bis die Seeforellen zurück waren. Sie wedelten mit ihren Schwanzflossen Mulden, ohne die empfindlichen Organe am verhärteten Bachboden blutig zu schlagen, und legten ihren Laich darin ab. Das war bei Walenstadt am oberen Ende des Walensees lange nicht mehr so gewesen. Was ist geschehen?

Wie die Lachse gehören Forellen zu den Wanderfischen, die zum Laichen Flüsse und Bäche hochschwimmen. Finden die Rogner – die weiblichen Forellen – eine geeignete Stelle, legen sie bis zu 2000 Eier in eine Laichgrube.

Wenn Schutz und Laichplatz unerreichbar sind

Die Bedingungen dafür müssen jedoch ideal sein: Die Strömungs­­geschwindigkeit und die Wassertiefe müssen stimmen, es muss Stellen zum Ausruhen und Plätze zum Verstecken geben. Am Berschnerbach bei Walenstadt und an den Zuflüssen Tscherlerbach und Widenbach – wichtige Lebensräume für die Seeforelle – waren diese Bedingungen jedoch lange nicht mehr gegeben. Die Bäche waren in Kanäle gezwängt, das Geschiebe wurde in Rückhalte- und Absetzbecken zurückgehalten, die Böden verhärteten – oder kolmatierten, wie der Fachbegriff lautet – und Schutz für den Laich war ebenfalls nicht mehr zu finden. Mehrere Meter Höhenunterschied zwischen den Nebenbächen und dem Hauptgerinne verhinderten zusätzlich den Zugang zu Laichplätzen.

Probleme auch im Zürichsee

«Die Seeforelle war im Walensee vom Aussterben bedroht», sagt Lorenz Hunziker, studierter Landschaftsplaner und Fondsmanager bei ewz. Hunziker ist ein gemütlicher Mensch, erzählt gerne, spricht reflektiert und würzt, was er sagt, gerne auch mit einer Prise Sarkasmus. Mit einem Blick aus dem Zugfenster fügt er an: «Bedroht ist die Forelle auch im Zürichsee.» Dieser zieht gerade an uns vorbei, wir befinden uns auf dem Weg nach Walenstadt, um den renaturierten Berschnerbach zu besuchen.

Wasserkraftwerk als Grundstein für mehr Natur

Ein Blick rund zehn Jahre zurück: Am oberen Lauf des Berschnerbachs sollte ein neues Kleinwasserkraftwerk entstehen. Weil es sich um einen bedeutsamen Eingriff in die Natur handelte, musste der Bau mit «ökologischen Ersatzmassnahmen zu Gunsten des Natur- und Landschaftsschutzes» kompensiert werden. Geschehen sollte dies mit der Renaturierung des unteren Teils des Berschnerbachs sowie der Zuflüsse Widenbach, Valungagraben und Tscherlerbach.

Nachhaltigleben

Nachdem das Kraftwerk die Pläne ausgearbeitet hatte, machte sich die Gemeinde Walenstadt als Bauherr auf die Suche nach Geld. Fündig wurde sie unter anderem bei ewz respektive beim naturemade star-Fonds, der von Lorenz Hunziker verwaltet wird und auch Renaturierungen finanziert, die Gewässerabschnitte von Mitbewerbern aufwerten.

Bis zu 4,5 Millionen jährlich für die Umwelt

«Der naturemade star-Fonds von ewz wird für die Aufwertung von Lebensräumen in und an Gewässern eingesetzt und mit Geld aus Ökostromverkäufen finanziert», erklärt Hunziker. Von jeder Kilowattstunde verkauftem Strom erhalte der Fonds einen Rappen. Vier bis 4,5 Millionen Franken kommen beim Fonds von ewz so pro Jahr zusammen. Der Berschnerbach ist ein Paradebeispiel einer solchen Investition, weil hier nicht nur das Überleben der Seeforelle gesichert wird, sondern andere Lebewesen wieder Lebensräume finden und Biodiversität gefördert wird: Fische wie die Groppe und die Äsche, die Stockente, der Eisvogel, Singvögel und Amphibien wie der Bergmolch und die Gelbbauchunke siedeln sich wieder an.

«Nach uns die Sintflut»

Als wir die Linth-Ebene durchqueren, greift Hunziker das Thema Hochwasserschutz auf. Kanalisiert wurden Gewässer wie der Berschnerbach und die Linth vor allem im 19. Jahrhundert, um umliegende Regionen vor Überschwemmungen zu schützen und vor allem Anbauflächen für die Landwirtschaft zu gewinnen, Biodiversität war kein Thema. Die Kanäle ermöglichten es, grosse Wassermengen möglichst schnell abzuführen. «Nach uns die Sintflut», lautete die Devise; sollten sich diejenigen weiter unten im Tal doch mit Übermengen Wasser rumschlagen. «Heute denkt man vernetzter, Zusammenhänge werden erkannt», sagt Hunziker. Eine Rolle spiele auch der Klimawandel. Während man früher zwei getrennte Hochwassersituationen – die Schneeschmelze und die Regensaison – zu erwarten hatte, hätten die Flutspitzen zugenommen: Starkregen und Schneeschmelze fielen heute oft zusammen, aus den Bergen schiesse gleichzeitig mehr Wasser in die Täler als früher. Dies verlange nach neuen Lösungen.

Entschleunigen heisst das neue Zauberwort

Eine Lösung bestehe darin, dass man genau das Gegenteil von früher macht: Statt das Gewässer zu beschleunigen, wird es heute verlangsamt. Ein Bach erhält mehr Platz, kann in einem breiteren Bett fliessen und es werden Stellen bestimmt, wo er kontrolliert überschwemmen kann.

Die Baggerführer richten es: Präzisionsarbeit im Gewässer

Wir sind in Walenstadt angekommen, wo uns Ruedi Gall, Gesamtprojektleiter der Renaturierungen, erwartet. Man sieht Gall an, dass er viel in der Natur unterwegs ist: braungebrannt, silbernes Haar, klarer Blick – er ist ein Mann, der mit beiden Füssen auf dem Boden steht und in der Region gut vernetzt ist. Er führt uns an eine Stelle des Berschnerbachs, wo der Tscherlerbach einmündet und sich die Renaturierungs­­massnahmen besonders schön sehen lassen. Friedlich fliesst der Berschnerbach dem Walensee zu und windet sich um wie zufällig angeschwemmte Baumstämme und um Kiesbänke.

Natürlicher Bachlauf

Hier können Seeforelle und Co. Wieder ungestört laichen.

Ruhige, teichähnliche Stellen folgen auf Verengungen, durch die das Wasser schiesst. Neben dem Einfluss des Tscherlerbachs bieten zwei Teiche Lebensraum für Amphibien. Nur der Lärm der Strasse nebenan stört die Idylle ein wenig. «Die Tiere kümmert das nicht», sagt Gall. Weiter oben am Tscherlerbach öffnet sich ein weites Rund, das als Auffangbecken für Geschiebe dienen soll, wenn ein ins Tal schiessendes Hochwasser viel Fracht mit sich bringen sollte.

Endlich wieder gegen den Strom schwimmen

«15’000 Kubikmeter Material haben wir am Berschnerbach insgesamt abgetragen», sagt Gall. Die starren Steinplatten, die den Bach ins Bett zwangen, wurden entfernt und das rechte Ufer wurde um mehrere Meter zurückversetzt. Der Ingenieur weist auf Stellen hin, die so wirken, als hätte die Natur und nicht der Mensch sie geschaffen: Massive Baumstämme und Findlinge bilden Sperren, die ebenso als Verengung wie als Schutz mit ruhigen Abschnitten dienen. In Faschinen, aus Weidebündeln errichteten Uferbefestigungen, können sich die Fische verstecken.

Präzis geplant, mit Liebe geschaffen

Weiter oben, im Valungagraben sind ideale Laichplätze für die Forellen entstanden. «Den kanalisierten Teil Walenstadts haben wir ausserdem mit Störsteinen und Nischen so strukturiert, dass die Fische den Weg nach oben schaffen», sagt Gall. 

Zehn Jahre habe die Planung gedauert, Ende Juni 2018 wurde mit dem Rückbau begonnen. Nach wenig mehr als einem Jahr war die Renaturierung umgesetzt, im September 2019 wurde das revitalisierte Gewässer eingeweiht – ein fantastischer Tag für die Biodiversität! Gall schwärmt von den Baggerführern: «Es gibt nur wenige, die das können, was die beiden geschafft haben.» Die Arbeit im Bach verlange nämlich enorm viel Erfahrung, Präzision, Liebe für die Natur und das Detail.

«Natürlich gab es auch Widerstände»

Ruedi Gall

Ruedi Gall, Gesamtprojektleiter der Renaturierung.

Es konnte natürlich nicht wild drauflosgebaut werden. «Wir mussten zum Beispiel auf die Schonzeiten der Fische Rücksicht nehmen», sagt Gall. Entsprechend eng war die Zusammenarbeit mit Naturschutzorganisationen und Spezialisten wie dem Fischereiaufseher. «Natürlich gab es auch Widerstände gegen das Projekt», räumt Gall ein. So koste die Verbreiterung eines Bachbetts nicht nur Geld, sondern auch Land – welches oft Landwirten gehöre; diese müssten überzeugt und entschädigt werden. «Beim Berschnerbach hatten wir aber das Glück, dass sich 98 Prozent des Landes im Besitz der Bürgergemeinde befand – und diese profitiert wiederum vom Konzessionsgeld, welches das Kleinwasserkraftwerk Berschnerbach bezahlen muss.»

Auch der Mensch hat was davon

Gelenkt werden nach der Renaturierung indes nicht nur das Wasser und die Fische, sondern auch die Menschen, die mit einem neu angelegten Pfad entlang des Baches ein willkommenes Naherholungsgebiet erhalten haben. Gall weist auf einen Kinderspielplatz hin, der unter anderem verhindern soll, dass das Leben im Bach selbst zu sehr gestört wird. Zwei Aussichtsplattformen laden zum Beobachten des Treibens im Bach ein. Dornenbüsche entlang des Weges sollen die Hunde ausserdem von der Jagd in Wassernähe abhalten. Noch wirken die Büsche etwas mickrig, bald aber dürften sie Heimat für verschiedene Singvogelarten sein und die Biodiversität weiter gedeihen lassen. Man kann leicht feststellen, dass die Natur ihren Platz schnell zurückerobert, wenn man ihr den Raum dazu gibt. «Nach weniger als einem Jahr, noch während des Baus, laichten hier bereits wieder Forellen», schliesst der Projektleiter ab, und dann lauschen wir dem leisen Plätschern des Wassers.

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Text: JAN GRABER

Fotografie/Illustration: CLAUDIA SCHILDKNECHT

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