Müll im Meer: Einzelne Plastikinseln könnten halb Europa bedecken

Ob Bali, Mallorca oder Arktis, an allen Ufern der Weltmeere wird heute Plastik angespült. Doch was man sieht ist nur die Spitze des Eisberges. Denn: Es landet jährlich mehr Plastik im Meer, als die Schweiz Siedlungsabfall produziert. Und dieses Plastik im Meer birgt unabsehbare Gefahren. Woher er kommt, wo er zu finden ist und ein ganzes Ökosystem beeinflusst.

Plastik im Meer: Gefahr für ein ganzes Ökosystem
Plastik im Meer, eines der grössten Umweltprobleme überhaupt? Foto: fergregory, iStock, Thinkstock
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Plastikmüll im Meer: Wo der ganze Abfall herkommt

Gemäss Studien von Greenpeeace wie auch des United Nations Enviromental Programme, kurz UNEP, stammen geschätzte 80 Prozent des Plastiks im Meer vom Land. Selten verweht von gedankenlosen Strandurlaubern, eher von weit entfernten Müllkippen und eingespült von Flüssen, die das Plastik über hunderte von Kilometern transportiert haben. Sechs Millionen Tonnen Plastik sollen so global und jährlich im Meer landen. Zum Vergleich: Die Schweiz hat 2010 5,5 Millionen Tonnen Siedlungsabfall produziert.

Plastik gelangt selbst aus unserer Bekleidung in die Meere. Denn Stoffe aus Kunstfasern – allen voran der funktionale Fleecepulli – verlieren bis zu 2.000 mikroskopisch kleine Teile bei jedem Waschgang. Gleiches gilt für Zahnpasta oder Peelings wie eine Reportage des Fernsehsenders Arte belegt. Den Kosmetikprodukten wird Nanoplastik beigefügt, um den Zahnbelag besser zu lösen oder Hautschuppen optimal zu entfernen. Diese Mini-Plastikteilchen werden in Klärwerken nicht zurückgehalten und landen über Flüsse letztlich auch im Meer.

Die geringere Menge Müll in den Weltmeeren, die restlichen 20 Prozent, gelangt direkt von menschlichen Aktivitäten auf dem Wasser in die Meere dieser Welt. Hauptquelle, neben absichtlich oder unabsichtlich entsorgten Fischernetzen, Fachleute sprechen hier schon von «Geisternetzen», sind beispielsweise verlorene Frachtcontainer. So sollen geschätzte 10.000 beladene Container Jahr für Jahr bei stürmischer See verloren gehen. Ein Grossteil hiervon enthält immer Plastik, seien es Verpackungen oder Produkte, die als Müll im Meer landen. Hinzu kommen Müllverklappungen von Kreuzfahrtschiffen.

Müll im Meer: Einmal um die ganze Welt

Wie sehr dieses Plastik im Meer herumkommt, zeigt ein Beispiel aus dem Jahre 1992. Da verlor ein Frachter auf dem Weg von Hong Kong an die amerikanische Westküste eine Ladung von Quietscheentchen. Diese wurden schon kurze Zeit darauf in Alaska gesichtet, in Asien, Australien oder Südamerika. Zwischen dem Jahr 2000 und 2003 gelangten sie über eine nördliche Route an die US-Ostküste und wurden 2003 und 2007 sogar in Europa angespült. 

Plastik im Meer: Gefahr für ein ganzes Ökosystem

Diesen Plastikmüll sammelte Greenpeace beispielhaft an der Küste der Arktis. Die Umweltschützer zeigen damit, dass Plastik im Meer längst ein globales Problem ist. Foto: ©: Naomi Harris / Greenpeace

Dieses Beispiel zeigt auf, dass es keine Grenzen für Plastik im Meer gibt und sich der Müll durch sich mischende Strömungen auf den ganzen Weltmeeren verteilen kann. Dieser Müll im Meer stammt übrigens hauptsächlich aus den reicheren Ländern dieser Welt. Weltweit werden durchschnittlich pro Kopf 35 Kilo Plastik verbraucht, in Westeuropa 92 Kilo, in der Schweiz 120 Kg.

Plastik im Meer schadet Tieren

Es wird geschätzt, dass 100.000 Meeresschildkröten und Meeressäuger sowie etwa eine Million Fische vom Plastik-Müll im Meer getötet werden. Doch die Auswirkungen von Plastik in den Ozeanen scheinen noch viel weiter zu gehen. So hat die Meeresforschungsorganisation Algalita Marine Research Foundation stichprobenartig 600 Fische auf Plastik untersucht. In jedem Fisch wurden mindestens zwei Plastikteile nachgewiesen, der mit künstlichen Stoffen am meisten angereicherte Fisch enthielt 36 Plastikteile. Kein Wunder, kommen in manchen Meeresregionen auf ein Kilogramm nahrhaftes Plankton, 5 – 6 Kilogramm Plastik. Ein Problem, das heute vielleicht allzu sehr verharmlost wird, das aber mit Meeresfisch auf den Teller kommen kann. Denn: Es gibt keinen Quadratkilometer Meeresoberfläche, der heute noch plastikfrei ist.

Eine der vielen Folgen dokumentiert ein ergreifendes Video einer Insel im Nordpazifik, Midway Island, die über 3.000 Kilometer vom nächsten Kontinent entfernt ist. Dort sterben unzählige junge und erwachsene Albatrosse qualvoll an verschlucktem Plastik. Wie der World Wildlife Fund berichtet, seien es Zehntausende von Jung-Albatrossen weltweit, die jedes Jahr durch verfütterte Plastikteile sterben. Der Trailer zum Film über Midway soll Anfang 2014 in die Kinos kommen, jetzt schon können ihn sich nervenstarke Menschen hier anschauen. http://www.youtube.com/watch?v=pUM58LIU2Lo

Plastikinsel im Meer: «Gemeinsam statt einsam»

Es schwimmen heute schon unzählige, mehr oder minder grosse Plastikinseln in allen Weltmeeren. Diese entstehen überall dort, wo Strömungen und Wärmeaustausch in den Meeren Oberflächenstrudel auslösen. Diese kreisen, vergleichbar vielleicht mit einem Wirbelsturm, um eine bestimmte Meeresregion. Je näher man dem Zentrum dieser Plastikinseln im Meer kommt, desto grösser wird die Konzentration an Plastikteilen. Die wohl grösste Plastikinsel im Meer, der Great Pacific Garbage Patch, der nahezu die gesamte Meeresoberfläche zwischen Asien und den USA einnimmt, soll halb so gross wie Europa sein.

Tipps gegen Plastik und anderen Müll im Meer

  • So viel wie möglich Produkte aus Plastik vermeiden
  • Plastikverpackungen meiden, von der Kosmetik bis zur Nudelpackung
  • Plastiktragetaschen gegen Körbe, Kisten oder Stofftaschen tauschen
  • Doch verbrauchtes Plastik zum Recycling geben

Eine Studie am Bodensee belegt, dass in Inlandsgewässern eine ebenso besorgniserregende Plastikmüllproblematik besteht

 

Dass wir heutzutage nicht in tropische Ozeane schauen müssen, um die Auswirkungen von Plastik im Meer zu sehen, zeigt eine kurze Dokumentation von der Nordseeküste:

Quellen: Arte, Safebottles.co.nz, AMRF, Greenpeace, UNEP, HealthySeas, Midwayfilm.com, WWF, Infosperber.ch, Swissinfo.ch, Text: Jürgen Rösemeier-Buhmann

Foto Lead, Koffer im Meer: © Greenpeace / Alex Hofford