«Eine komplett erneuerbare Energieversorgung ist möglich»

Sie engagieren sich geschäftlich und privat für Nachhaltigkeit. Wie stark versuchen Sie, Ihr persönliches Umfeld zu einem nachhaltigeren Lebensstil zu «bekehren»? Führt das zu Diskussionen?

Schon die Tatsache, dass ich versuche mich rein pflanzlich zu ernähren, führt zu vielen Fragen und zum Teil auch zu Vorwürfen. Ohne dass ich gesagt hätte, man müsse es mir gleich tun. Wie gesagt, die Gedankenlosigkeit ist ein Problem, auf das ich gerne aufmerksam mache: Die Massentierhaltung lebt davon, dass wir es «geil» finden ein Poulet für 2.50 Franken zu erwerben und Shell verkauft trotz der Schäden der Ölgewinnung auch weiterhin Heizöl und Benzin an uns. Anstatt den moralischen Zeigefinger zu erheben, erzähle ich meinem Umfeld lieber von Alternativen. Es gibt tolle Läden, wo man sich fair hergestellte, giftfreie Kleider aus Biobaumwolle kaufen kann. Anstatt Milch oder Rahm kenne ich nun fünf Sorten «milchartige» Getränke mit Reis, Mandeln, Hafer und Soja. Ich kenne schöne Ferienorte in Zugdistanz und mein Geld ist auf einer Bank, die ausschliesslich in nachhaltige Projekte investiert aber trotzdem Internetbanking und Bankkarte hat.

Für welche persönliche Öko-Sünde schämen Sie sich am meisten? Und warum begehen sie diese trotzdem?

Mich nervt, dass ich Handys und Computer nutze, die sowohl aus ökologischer als auch aus sozialer Sicht nicht einwandfrei hergestellt wurden. Trotzdem nutze ich sie, weil ein Leben ohne in unserer Gesellschaft fast nicht mehr vorstellbar ist und weil die neuen Medien faszinierende und sinnvolle Möglichkeiten für die Kampagnenarbeit bieten.

Müssten Sie für eine nachhaltigere Gesellschaft etwas aus Ihrem Alltag aufgeben, was wäre das und weshalb?

Schwierige Frage – ich bemühe mich, konsequent zu sein. Am ehesten habe ich das Gefühl, dass ich meine Freizeit intensiver für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen könnte. Dafür müsste ich ein Stück Bequemlichkeit aufgeben.

Was für ein nachhaltiges Produkt oder welche nachhaltige Dienstleistung würden Sie sich wünschen?

Ich wünsche mir, dass in Zukunft genauso gern lokal hergestellte Produkte wie Tierprodukte aus Übersee gegessen würden – ganz ohne Tierleid, Schlachthäuser, Klimaemissionen, Gewässerverschmutzung. Für mich persönlich wünsche ich mir einen nachhaltigen Laptop. Einer, der sozial fair, ökologisch unbedenklich und ökonomisch auch noch einigermassen erschwinglich ist.

Eine globale Klimapolitik wird als Voraussetzung für eine nachhaltige Gesellschaft gesehen. Aber kann man sich bei den eher schleppenden Fortschritten überhaupt nur noch auf die Politik verlassen?

Man darf auf keinen Fall warten, bis wir ein globales Vertragswerk haben. Durban hat gezeigt, dass das viel zu lange dauern wird, und dass wir weit weg von verbindlichen Zielen für die Beschränkung der Klimaerwärmung auf zwei Grad Celsius sind. Die nationale Politik kann und muss aber sehr wohl handeln und erneuerbare Energien sowie die effiziente Nutzung der Energie bekannt machen, fördern und letzten Endes vorschreiben. Die kontinuierliche Förderung in Deutschland hat einen Boom beim Ausbau der erneuerbaren Energien ausgelöst: Dank dem Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) kosten zum Beispiel Photovoltaikzellen heute viel weniger als früher. Wer sagt, das sei eine verfehlte Förderpolitik, verkennt die enorme Breitenwirkung, die diese Massnahme durch die Absenkung der Herstellungspreise für die Erneuerbaren weltweit hatte und weiterhin haben wird.

Welcher wäre ihr dringendster Wunsch an die Politik im Bereich der Nachhaltigkeit?

An die weltweite Politik habe ich nach wie vor den Wunsch, dass ein globales Klimaabkommen vereinbart wird. An die nationale, kantonale und kommunale Politik habe ich den Wunsch, dass Nachhaltigkeit endlich als ressortübergreifendes Thema ernst genommen wird. Im Moment haben wir noch zu oft gute Ziele aber keine passenden Massnahmen. Wenn dringend nötige Massnahmen aus kurzfristigen Kosten- oder Wiederwahlüberlegungen gestrichen werden, nimmt man in Kauf, dass unsere Enkel und deren Kinder in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.

In welchem Bereich sehen Sie in den kommenden Jahren die grössten Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung?

In der Schweiz wird in den kommenden Jahren die Energiepolitik neu geschrieben – ein ganz zentrales Geschäft und eine riesige Chance für die nachhaltige Entwicklung! Dass auf dem politischen Parkett genügend hohe Ziele für einen effizienten Klimaschutz sowie den schnellstmöglichen Atomausstieg und die dafür notwendigen Massnahmen beschlossen werden, das ist vielleicht die aktuell grösste Herausforderung in der Schweiz. Weltweit müssen wir dafür sorgen, dass fossile Ressourcen möglichst im Boden bleiben, die Abholzung sofort gestoppt wird und die Biodiversität nicht weiter ab, sondern wieder zunimmt.  

Was planen Sie persönlich in den nächsten 2 Jahren, um eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen?

Ich habe das Glück, mich bei meiner Arbeit voll für die Nachhaltigkeit einsetzen zu können. Als Campaigner für Erneuerbare Energien möchte ich erreichen, dass immer mehr Menschen verstehen, dass und wie eine vollumfänglich erneuerbare Energieversorgung möglich ist. Daneben setze ich mich privat dafür ein, dass etwas gegen Hunger und Armut getan wird und dass (Nutz-)Tiere nicht wie Sachen behandelt werden.

Text und Interview: Sabrina Stallone - Februar 2012