Irmi Seidl: «Klimaschutz wird zu einem neuen Lifestyle»

Ökonomin Irmi Seidl ist überzeugt: Für den Klimaschutz müssen wir die Gesellschaft und Wirtschaft neu denken und gestalten – Lösungen gäbe es zu Hauf, aber wir müssen sie auch einsetzen.

Irmi Seidl: Ökonomin WSL:  «Klimaschutz wird zu einem neuen Lifestyle»
Ökonomin Irmi Seidl kämpft seit ihrem Studium für mehr Umweltschutz in der Wirtschaft und Politik. Foto: © Bruno Augsburger, Zürich
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Frau Seidl, Was entgegnen Sie, wenn jemand sagt: Auf Fleisch, Flug oder Auto zu verzichten bringt eh nix mehr, ist doch schon zu spät zum Klimaretten?

Irmi Seidl: Ist es nicht, denn wir haben Einfluss darauf, wie stark die Temperaturen steigen. Werden es 1,5 oder werden es 2, 3 oder mehr Grad. Ausserdem: Wir haben nicht nur das Klimaproblem, wir haben auch ein massives Biodiversitätsproblem. Wir haben Abfallprobleme, giftige Chemikalien sind bald überall – im Wasser, Boden, in unseren Körpern. Umweltgerechtes Verhalten hat vielmals mehrere positive Wirkungen!

Aber auf ein paar Menschen, die bewusst nachhaltig leben, kommt die grosse Masse, die genau das Gegenteil tut.

Klar ist der Klimawandel ein globales Problem, das vor allem die Politik lösen muss. Aber sehr vieles, was wir tun, kann im Lokalen viel bewirken. Das fängt beim politischen Engagement an, und sei es nur, dass man wählen geht. Anderes Beispiel: Die sinkende Biodiversität vermindert die Anpassungsfähigkeit der Natur an den Klimawandel. Die «Anthropocene Diet», d.h. ökologisch und saisonales Essen mit wenig tierischem Eiweiss, nützt der Biodiversität und zugleich dem Klima. Ich beobachte, dass diese «Diät» bereits aus der Nische raus ist.

Irmi Seidl (56) engagiert sich seit ihrem Wirtschaftsstudium für eine ökologischere Wirtschaft und Gesellschaft. Sie leitet die Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf, ist Titularprofessorin und lehrt regelmässig an der Universität Zürich und der ETH.

Könnten Klimaschützer andere Menschen nicht eher motivieren, wenn sie mit den Vorteilen für unsere Gesundheit oder unser Portemonnaie argumentieren?

Das hilft auf jeden Fall. Auf Fleisch zu verzichten, weil es der Gesundheit schadet, oder Dinge zu teilen statt zu kaufen, weil man damit Geld spart, das kann für manche Konsumenten ein guter Anreiz sein. Aber für viele müssen Produkte auch chic und stylisch sein.

Viele Menschen wollen nicht nur aufs Fliegen verzichten, sondern auch im Alltag handeln. Was bringt eigentlich am meisten?

Kurz gesagt: Ernährung, Verkehr, Wohnen. Seien Sie umsichtig und wählerisch bei dem, was Sie essen, steigen Sie im Alltag auf den öV um, fahren Sie mit dem Zug in die Ferien und nutzen Sie zu Hause sparsam Heisswasser und Heizung.

Der Zug kostet oft mehr als der Flug und das Fair Trade T-Shirt ist dreimal teurer als das konventionelle. Da sagen viele Nein. Steht der Geiz dem Klima im Weg?

Sicher auch, aber das ist nur die eine Seite. Wir haben auch die Fähigkeit verloren, eine zurückhaltende und wohlüberlegte Auswahl zu treffen. Uns wird suggeriert, viel, schnell und spontan konsumieren zu müssen. Zudem orientieren wir uns stark an unserem Umfeld: Wenn alle nach London fliegen, statt den Zug zu nehmen, finden wir das normal.

Wie bringt man die Leute zum Umdenken, sei es beim Fliegen oder anderen Umweltsünden?

Da spricht jetzt die Ökonomin in mir: Das geht nur über höhere Preise. Wenn das Benzin teurer ist, fahren die Leute langsamer und weniger, um Treibstoff zu sparen. Solche Mechanismen funktionieren sehr gut. Oder in der Schweiz hat die CO2-Abgabe auf Heizstoffe dazu geführt, dass Gebäude besser isoliert werden.

Selbst wenn ein Flug nach Mallorca 100 Franken teurer wird pro Person, würden immer noch viel zu viele Menschen hinfliegen. Das Gleiche beim Autofahren. Gibt es eine bessere Lösung?

Tatsächlich müsste ein Flug nach Mallorca eher 400 Franken oder mehr kosten, damit der Preis verhaltenswirksam wird. Dann wären auch Wochenendtrips nach La Palma, London oder Berlin kaum mehr ein Thema. Solche Preise ergäben sich, wenn sie die Kosten widerspiegelten, die sie verursachen, wenn das Personal korrekt bezahlt würde und die Politik nicht Flughäfen und die Fliegerei subventionierte. Die deutsche fridaysforfuture-Bewegung fordert eine CO2-Abgabe von 180 Euro pro Tonne. Das ergäbe für einen Hin- und Rückflug nach Mallorca allein schon 95 Franken für die CO2-Abgabe.

Die Klimastreik-Bewegung zeigt auf politischer Ebene bereits Wirkung: Unter anderem haben mehrere Kantone den Klimanotstand ausgerufen. Wie schätzen Sie deren Einfluss auf die Gesellschaft ein?

Klimademo in Zürich am 6. April 2019

Über 15'000 Menschen demonstrierten am 6. April in Zürich für den Klimaschutz. Foto: © Sabina Galbiati

Der ist beachtlich und die Bewegung scheint zu wachsen. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit hinterfragen Menschen ihr Konsumverhalten. So breiten sich neue Verhaltensweisen und Werte aus, und dies auch auf Menschen, die sich bisher nicht fürs Klima interessierten. Sei es, dass neu Fliegen begründet werden muss oder Fleischessen «uncool» wird. Da findet eine Normverschiebung in der Gesellschaft statt. Klimaschutz wird zu einem neuen Lifestyle.

Die Klimastreik-Bewegung fordert entschiedeneres Handeln von den Politikern und Unternehmern. Als Ökonomin sehen Sie hinter die Kulissen von Politik und Wirtschaft. Ist Ihnen nie zum Verzweifeln zumute?

Doch, manchmal schon (lacht). Es ist manchmal frustrierend, aber es gibt auch sehr viele Fortschritte. Wir haben inzwischen enorm viel Datenmaterial und Wissen. Viele junge Menschen beschäftigen sich heute mit Umweltfragen, kennen sich im Thema sehr gut aus und engagieren sich. Sie argumentieren sehr pragmatisch und lösungsorientiert.

Die Klimastreikenden fordern unter anderem, dass Privatpersonen ihr Geld von Banken abziehen, die in fossile Treibstoffe investieren oder solche Firmen finanzieren. Tut das den Banken überhaupt weh oder lachen die sich nur ins Fäustchen?

Konten zu schliessen, hat eine politische Dimension: Die EinwohnerInnen der Schweiz sehen diese global agierenden Schweizer Banken nicht mehr als ihre Banken an! Wenn man Vermögen hat, sollte man sicherlich wechseln. Es gibt in der Schweiz Banken, die auf Nachhaltigkeit und Fairness achten.

Haben Sie selber schon an Klimademos teilgenommen?

Ja, ich war zweimal dabei in Zürich und werde auch künftig teilnehmen.

Mit Plakat?

Nein ohne (lacht).

Müssten wir unseren Konsum nicht noch viel radikaler herunterfahren, damit die Schweiz bis 2030 netto keine CO2-Emmissionen mehr produziert, wie es die Klimastreik-Bewegung fordert?

Es braucht vor allem eine veränderte Konsumkultur: Produkte, die wir länger nutzen, die wir teilen können. Ich finde auch, dass dies die Lebensqualität erhöht: Ich zumindest bin sehr froh, wenn ich meinen Haarfön oder Laptop nicht alle 3, 4 Jahre ersetzen muss. Wir brauchen im Konsum neue Strategien und Fähigkeiten. Die müssen wir jetzt entwickeln.

Welche Fähigkeiten?

Zum Beispiel, wie man Dinge teilt und repariert statt ständig neu kauft, wie man Fahrgemeinschaften bildet oder weniger Abfall produziert. Dafür existieren zum Teil schon die Strukturen, die sich aber noch verbreiten müssen.

Weniger Konsum gleich schrumpfende Wirtschaft gleich weniger Arbeit. So lautete seit jeher das Credo. Wie können wir mit einer schrumpfenden Wirtschaft umgehen?

Tatsächlich wird es weniger Ressourcenverbrauch, aber auch weniger Arbeit geben. Andererseits haben wir in anderen Bereichen einen Ausbaubedarf. Wir bräuchten mehr Lehrer, mehr Pflegepersonal. Vielleicht bräuchten wir auch mehr Menschen, die sich um das Gemeinwohl kümmern, die Repair-Cafés und Kleidertauschbörsen organisieren. Oder Menschen, die im Quartier die Nachbarschaftshilfe koordinieren. Und es würde unserer Gesellschaft gut tun, wenn wir etwas weniger arbeiten.

Mehr Zeit für Erholung, Freunde und Musse. Und wie regeln wir die AHV, die basiert ja auf guten Löhnen und letztlich auf Wirtschaftswachstum?

Wir müssen die AHV noch stärker von unseren Löhnen entkoppeln. Sie wird ja heute schon zu 25 % aus Mehrwertsteuer, Spielbankenabgabe, Tabak- und Spirituosenabgaben sowie allgemeinen Bundesmitteln finanziert. Es braucht aber auch günstige Wohnungen für Senioren, um die Wohnkosten zu begrenzen, und generationendurchmischtes Wohnen, was mehr Möglichkeiten gäbe, uns umeinander zu kümmern. Zeittauschbanken sind ebenfalls ein Lösungsansatz: Leistet man in jüngeren Jahren Hilfe, kriegt man im Alter Unterstützung zurück. Es gibt schon gegen 20 solcher Zeitbanken in der Schweiz. Aber insgesamt gilt: Wir haben noch zu wenig Vorstellungen, wie wir das Sozialsystem umbauen können. Damit hat sich die vergangenen Jahrzehnten niemand aus einer Postwachstumsperspektive beschäftigt.