Mulesing: Millionenfache Tierqual für billige Wollpullis

Australien ist Weltmeister in der Produktion von Schafswolle und setzt hierbei besonders auf das Merinoschaf, welches aufgrund seiner starken Hautfaltenbildung die meiste Wolle produziert. Der Nachteil: In den Hautfalten können Fliegen ihre Eier ablegen, aus denen gefährliche Parasiten entstehen. Verhindert wird dies heute oft durch das grausame Mulesing.

Mulesing: Tierleid für billige Woll-Pullover
Billig und in grosser Auswahl ist immer auch, zumindest tendenziell, ein Indikator für Probleme, die in der Konsumgüterproduktion gleich mitgekauft werden. Bei Pullis aus Merinoschafwolle aus Australien ist es das unglaublich grausame Mulesing. Foto ©: JaysonPhotography / iStock / Thinkstockphotos
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Geschätzte 100 Millionen Schafe laufen auf Australiens Weiden umher. Sie leben zu Tausenden auf grossen Farmen, die etwa 30 Prozent der weltweit produzierten Schafswolle liefern. Wie so oft, hat auch diese Massentierhaltung seine Nachteile: Schwärme von Fliegen umlagern die Schafherden, die es nur darauf abgesehen haben, sich durch Eiablage zu vermehren.

Die Gefahr der Eiablage besteht insbesondere im faltigen Afterbereich der Merino-Schafe. Zwar gibt es auch andere Methoden, den Fliegen Herr zu werden – von Biofallen bis zum Insektizid –, dennoch greifen Farmer oder unausgebildete Arbeiter oft zu einer grausamen Methode, dem Mulesing. Aufgrund der idealen Bedingungen für die Vermehrung solch Eier ablegender Fliegen, passiert dies hauptsächlich in Australien, aber hin und wieder auch in Neuseeland und China.

Mulesing: So wird der Eingriff durchgeführt

Nennt der Verband der australischen Wollindustrie das Mulesing noch eine «chirurgische Entfernung der Haut im Afterbereich», so sieht die Realität etwas grausamer aus. Denn um die Haut im Afterbereich des faltigen Merino-Schafes glatt zu bekommen, und den Fliegen damit weniger Ablagemöglichkeiten zu bieten, werden jungen Lämmern tellergrosse Hautstücke mit einem Messer, oder einer Gartenschere, aus dem Afterbereich geschnitten. Und zwar ohne Betäubung oder spätere Wundversorgung.

Kann die Haut verheilen, soll dies die Eiablage verhindern. So soll ein möglicher, qualvoller Tod verhindert werden, der die Folge sein kann, wenn die Fliegenlarven sich durch den Körper der Schafe fressen. Fakt ist jedoch, so australische Tierschützer, dass gerade dann oftmals Eier in die noch offene Wunde abgelegt werden. Der Befall wird somit durch das Mulesing oftmals gar nicht verhindert. Zudem löse die Mulesing-Tortur zum viele Entzündungen aus, an denen so manches Schaf anschliessend ebenso qualvoll stirbt. Auch Krebs soll eine Folge dieser Quälerei sein.

Gegen das Mulesing: Weniger Schafe und mehr Kontrollen

Mulesing wäre nicht nötig, würden die Schafzüchter ihre Merino-Schafe regelmässig kontrollieren und die Wolle an den gefährdeten Stellen mehrmals im Jahr scheren. Dies koste den Schafzüchter allerdings ein paar Dollar mehr pro Jahr und Schaf. Kosten, die in einer vom Preisverfall geprägten Industrie kaum ein australischer Züchter auf sich nimmt. Nur wenige setzen für das grausame Prozedere des Mulesing wenigstens eine örtliche Betäubung ein.

Es gibt Alternativen: Wolle ohne Mulesing

Mulesing: Tierleid für billige Woll-Pullover

 

Die Massentierhaltung begünstigt auch bei Schafen den Parasitenbefall. Das Mulesing als Gegenmassnahmen ist grausam. Foto ©: S847 / iStock / Thinkstockphotos

Das Grundproblem ist das sehr heisse, teils schwül-warme Kima Australiens, in dem die vierbeinigen Wollknäule eigentlich gar nicht leben sollten. Dort fühlen sich Fliegen besonders wohl, nisten sich (nicht nur) in den Afterbereich der Tiere ein, eine Tatsache, mit der letztlich das Mulesing gerechtfertigt wird.

Doch, es geht auch anders, insbesondere in Regionen dieser Welt, in der die lästigen Insekten keine so guten Bedingungen finden. Südamerikanische (Merino-)Wolle kommt ohne Mulesing aus. Generell garantiert die europäische Wollindustrie, dass die Herstellung von Wolle in Europa ohne Mulesing stattfindet. Überhaupt werden Merino-Schafe auf diesem Kontinent lediglich in Spanien im grossen Stil gehalten.

Eine bedingt empfehlenswerte alternative Schafwolle kommt auch aus Neuseeland. Dort hat sich die neuseeländische, wollproduzierende Industrie ein freiwilliges Verbot des Mulesing auferlegt. Das Mulesing wird dort mancherorts aber nach wie vor praktiziert. Verbraucher, die bei neuseeländischer Wolle auf Nummer sicher gehen wollen, sollten auf das Siegel «Zque» achten, welches Wolle ohne Mulesing garantiert. Andere Alternativen: Einfache Schafswolle, edles Kaschmir aus nachhaltiger Zucht, wie sie das Label Stewart + Brown, verwendet oder Alpaka-Produkte wie dieses flauschige Plaid.

Wer hart im Nehmen ist, sieht hier Bilder zum Mulesing und ein Peta-Video dazu.

Qualen gehen nach dem Mulesing noch weiter

Laut einer Studie wäre ein ängstliches Verhalten bei Mulesing-Schafen im Schnitt noch 117 Tage nach dem Eingriff zu verzeichnen. Sind die Schafe übrigens ein paar Jahre alt und die Wollproduktion nicht mehr ganz so effektiv, dann beginnt die nächste Tortur: Lebendtransporte um die halbe Welt. So etwa in arabische Länder, in denen die Vierbeiner erst unter unwürdigen Verhältnissen ihr restliches Dasein fristen, um anschliessend beim traditionellen Schächten bei lebendigem Leib ausbluten.

Quellen: Liveexportshame.com, Peta, Animalsaustralia.org, Wool.com, Think-differently-about-sheep.com

Text: Jürgen Rösemeier-Buhmann