Angora: Warum «billig» immer wieder mit Tierleid zu tun hat

Dank einer Mutation hat das Angora-Kaninchen extralange Haare, die ursprünglich als reines Luxusprodukt verarbeitet wurden. Heute werden 9.000 der 10.000 Tonnen Angora-Wolle in China produziert. In Massen, um immer billigere Produkte herzustellen. Das Tierwohl ist dabei Nebensache.

Angora-Wolle: Die Tierquälerei der Kaninchen
Dank einer Mutation hat das Angora-Kaninchen ein unvergleichbar flauschiges Fell. Da das eigentliche Luxusgut heute auch in Billigpullovern verstrickt wird, muss es günstig sein. So wie aus dem Hauptproduktionsland China, wo die Kaninchen unglaublicher Tierquälerei ausgesetzt sind. Foto ©: Mirjam Reither / iStock / Thinkstockphotos
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Da Angora-Wolle sich positiv auswirkt bei Rheumatismus, unvergleichlich wärmende Eigenschaften besitzt und wohl das zärteste Tierhaar für Strickwaren darstellt, ist sie seit Jahrhunderten beliebt. Der Name für das Angora-Kaninchen soll sich übrigens von der Angora-Ziege ableiten, deren Heimat in der Region von Ankara liegt und der Lieferant von feiner Mohair-Wolle ist.

Das Angora-Kaninchen

Die kleinen Haustiere werden nicht besonders gross. Geschoren oder gekämmt wird drei- bis fünfmal im Jahr. Dementsprechend gering ist die Ausbeute ihrer ständig nachwachsenden, unglaublich flauschigen Wolle. Auf das Jahr gesehen erhalten Züchter ein bis maximal zwei Kilogramm Angora-Wolle.

Dieses Kämmen oder Scheren war ursprünglich - und ist es immer noch - eine Notwendigkeit unter Züchtern, da das Fell der Angora-Kaninchen sonst verfilzt. Die Engländer sollen die Ersten gewesen sein, die den wirtschaftlichen Nutzen der feinen Angora-Kaninchen für sich erkannten und hieraus feinste Wolle produzieren.

So leiden in China Angora-Kaninchen

Tatort China: Werden sie in unseren Breiten meist liebevoll gehegt und gepflegt, so hausen Angora-Kaninchen in chinesischen Fabriken in winzigen Käfigen unter grausamen Bedingungen. Das instinktmässige Fluchttier hat in seinen chinesischen Zuchtbetrieben keine Chance sich zu verstecken, fristet ein Dasein auf nackten Gitterstäben. Und dann ist da noch die Angora-Wollgewinnung.

Peta Asien veröffentlichte ein aufsehenerregendes Video von den Praktiken in chinesischen Angora-Zuchtbetrieben. Scheinbar um die Ausbeute um ein paar Gramm zu erhöhen, kamen findige Chinesen auf eine effizientere Idee als einfaches Kämmen oder Scheren: Mann baue eine massgeschneiderte Streckbank in die man das Angorakaninchen einspannt und rupfe den armen Geschöpfen dort die Haare aus. Auch zum Scheren werden den verschreckten Tieren die Beine zusammengebunden.

Erst aufgrund dieses Videos nahmen einige Handelsketten Angora-Produkte aus ihren Regalen oder stoppten vorerst deren Produktion. C&A oder H&M haben reagiert, aber längst nicht alles Bekleidungsgiganten interessiert die Tierquälerei: Die Billigkette Zara hält nach wie vor an Angora-Produkten fest. Auch das Modelabel Gap hatte noch nahezu einen Monat nach der Veröffentlichung des Videos seine Angora-Pullis in der Auslage.

Wie nach jedem Skandal in der Textilbranche werden nun strengere Kontrollen versprochen. Einfacher wäre es allerdings, selbst einfach ganz auf billige Kleidung mit Angora zu verzichten, zumal der Anteil in Pullis und Co. meist verschwindet gering ist.

Viel Quälerei für wenig Angora

Zwei, drei oder mal sieben bis acht Prozent Angora-Wolle enthalten Strickwaren der Billiglabels. Scheinbar soll dies das Massenprodukt aufwerten und den Pulli für 20 Franken zum vermeintlichen Luxusschnäppchen machen. Die eigentlich kuschelig-warme Funktion der Naturfaser ist mit so geringen Anteilen aber wohl kaum erreichbar.

Für ganz harte Gemüter gibt es hier das Video, welches den Angora-Kaninchenskandal aufdeckte: Peta und die Tierquälerei der Angora-Kaninchen.

Angora-Wolle: Die Tierquälerei der Kaninchen

Aus China kommt Angora-Wolle fast zum Nulltarif. Aus artgerechter Haltung in der Schweiz zahlt man für ein kleines Knäuel schon mal 20 Franken. Foto ©: GordonImages / Stockbyte / Thinkstockphotos

Warum und wo die Gewinnung von Angora anders geht

Es gibt nur noch wenige europäische Züchter, die für die industrielle Verarbeitung Angora-Wolle liefern. Dieser Rückgang hat viel mit der intensiven Pflege der Tiere zu tun, aber auch mit dem Kostendruck aus China, wo seit den 1960’ern Angora-Wolle im grossen Stil produziert wird.

In Deutschland sollen es nur noch etwa 3 Tonnen Angora-Wolle sein, die jährlich aus der heimischen Produktion stammen. In der Schweiz ist es lediglich ein Bruchteil davon. Die hier verbreitete Haltung ist zwar aufwendiger, aber wesentlich artgerechter.

Es gibt in der Schweiz sogar kleine, regionale Züchter und Vereine, die nachhaltig gewonnene Angorawolle anbieten. So wie bei Angorakaninchenwolle.ch von Esther von Siebenthal, die ihre Tiere tagsüber auf einer Wiese hält und die Wolle ohne Fixierungen nur einfach auskämmt. Für die sorgsame Pflege, abwechslungsreiches Futter und den Mehraufwand gegenüber der Massenproduktion der Angora-Wolle hat bei ihr Angora-Wolle allerdings seinen Preis. So kosten hier 15 Gramm Angora-Wolle knapp 20 Franken.

Quellen: Wikipedia, Kaninchenzucht.de, Peta, Angorakaninchenwolle.ch, www.c-and-a.com, Text: Jürgen Rösemeier-Buhmann