Sportleggings und Funktionskleidung: wie gross ist das Chemie-Risiko? Theresa Keller Sportkleidung soll trocken halten, Geruch bremsen und möglichst lange «funktionieren». Gleichzeitig liegt sie oft eng auf der Haut, wird beim Schwitzen intensiv getragen und sehr häufig gewaschen. Wenn du dich fragst, ob Sportleggings, Sport-BHs oder Laufjacken chemisch problematischer sind als normale Kleidung, ist die kurze Antwort: teilweise ja – aber das Risiko hängt stark von Material, Ausrüstung und deinem tatsächlichen Bedarf ab. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Gerade bei enger Funktionskleidung lohnt sich ein genauer Blick auf Material und Claims. © Gemini / Google Warum Funktionskleidung ein Sonderfall ist Funktionskleidung unterscheidet sich von Alltagskleidung vor allem durch vier Dinge: Sie sitzt oft enger, besteht häufiger aus Kunstfasern, wird stärker durch Schweiss und Reibung beansprucht und trägt oft zusätzliche Ausrüstungen wie wasserabweisende, geruchshemmende oder antimikrobielle Beschichtungen. Genau diese Kombination macht sie aus chemischer Sicht besonders relevant. Eng anliegende Stücke wie Leggings oder Sport-BHs haben viel und oft langen Hautkontakt. Das bedeutet nicht automatisch, dass Schadstoffe in bedenklicher Menge in den Körper gelangen. Aber dort, wo Stoffe direkt auf warmer, schwitzender Haut liegen, ist es sinnvoll, genauer hinzuschauen. Auch Aufdrucke, elastische Einsätze, Beschichtungen und verklebte Nähte können zusätzliche Chemikalien enthalten. Dazu kommt die Materialfrage: Viele Sporttextilien bestehen aus Polyester, Polyamid, Elasthan oder Mischgeweben. Diese Fasern sind funktional, robust und schnell trocknend. Gleichzeitig sind sie petrochemisch hergestellt und können beim Tragen und besonders beim Waschen Mikrofasern freisetzen. Bei Outdoor- und Regenbekleidung kommen ausserdem manchmal hochpersistente Fluorchemikalien hinzu, wenn ein Textil stark wasser- oder schmutzabweisend ausgerüstet ist. Wichtig ist deshalb ein nüchterner Blick: Nicht jede Sportkleidung ist problematisch, und nicht jede «natürliche» Faser ist automatisch die bessere Wahl für jede Sportart. Entscheidend ist, welche Funktion du wirklich brauchst – und welche Zusatzchemie dafür eingesetzt wurde. Diese Stoff- und Ausrüstungsfragen sind relevant Wenn es um «Sportleggings Schadstoffe» oder «Funktionskleidung Chemikalien» geht, stehen vier Themen im Vordergrund: PFAS bei wasserabweisenden Teilen, antimikrobielle Ausrüstungen gegen Geruch, problematische Zusätze in Prints oder elastischen Materialien und die Freisetzung von Mikroplastik aus Kunstfasern. PFAS sind eine grosse Stoffgruppe, die wegen ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften lange in Outdoor-Textilien eingesetzt wurde. Sie sind besonders problematisch, weil viele dieser Verbindungen extrem langlebig sind und sich in Umwelt und teils auch im Menschen anreichern können. Für klassische Leggings oder Sport-BHs sind PFAS meist weniger zentral als für Laufjacken, Regenjacken oder stark wasserabweisende Trainingsoberteile. Wenn ein Kleidungsstück mit besonders starker Abperlwirkung, Fleckschutz oder «Allwetter»-Versprechen beworben wird, lohnt sich ein kritischer Blick. Antimikrobielle Ausrüstungen werden eingesetzt, um Gerüche zu verringern. Das klingt praktisch, ist aber nicht automatisch harmlos oder notwendig. Solche Ausrüstungen können zum Beispiel auf Silberverbindungen oder anderen bioziden Prinzipien beruhen. Das Problem: Was Bakterien hemmen soll, ist ökologisch nicht neutral, kann sich beim Waschen lösen und ist für viele Alltagssportarten schlicht verzichtbar. Weichmacher, Drucke und Ausrüstungshilfen spielen vor allem dort eine Rolle, wo Prints, Gummierungen, Folien oder sehr elastische Anwendungen ins Spiel kommen. Die gesetzlichen Vorgaben sind in vielen Bereichen strenger geworden, aber besonders bei sehr billiger Ware oder schlecht deklarierter Importware ist Vorsicht sinnvoll. Ein grosses, gummiertes Innenprint im Schrittbereich oder stark beschichtete Zonen direkt auf der Haut sind keine ideale Wahl. Mikroplastik ist bei Sportkleidung vor allem ein Umweltproblem. Kunstfasertextilien können beim Waschen Mikrofasern verlieren, die in Gewässer gelangen. Für die Gesundheit beim Tragen ist die Datenlage komplexer als oft dargestellt. Klarer ist: Je mehr Kunstfaser, je mechanisch stärker beansprucht, je älter und je häufiger gewaschen, desto eher werden Fasern freigesetzt. Das spricht nicht zwingend gegen jede Kunstfaser, aber gegen unnötig viele Spezialtextilien und gegen minderwertige Qualität. Was bedeutet «geruchshemmend» oder «antibakteriell»? Solche Begriffe klingen nach Komfort und Hygiene, sind aber oft vor allem Marketing. Schweiss selbst riecht zunächst kaum. Der typische Geruch entsteht vor allem dann, wenn Hautbakterien Schweissbestandteile abbauen. «Geruchshemmend» kann deshalb vieles bedeuten: eine Materialstruktur, die schneller trocknet, eine Faser, die weniger Gerüche bindet, oder eine echte antimikrobielle Ausrüstung mit biozider Wirkung. Genau hier lohnt sich Differenzierung. Ein Shirt, das wegen seiner Strickart oder Materialkombination schneller trocknet, ist etwas anderes als ein Textil, das gezielt mit antimikrobiellen Stoffen behandelt wurde. «Antibakteriell» ist nicht automatisch besser – und im normalen Fitness-, Yoga- oder Laufalltag oft unnötig. Wenn ein Produkt diese Wirkung stark bewirbt, solltest du prüfen, ob überhaupt angegeben ist, wodurch sie erreicht wird. Fehlt eine klare, verständliche Deklaration, ist Zurückhaltung sinnvoll. Worauf du bei Leggings, Sport-BHs und Laufjacken achten solltest Nicht jedes Sportteil birgt die gleichen Fragen. Besonders hautnah getragene Stücke solltest du anders beurteilen als eine äussere Schutzschicht. Leggings: Achte auf möglichst schlichte Modelle ohne grossflächige Innenprints, stark gummierte Zonen oder unnötige «Fresh»- und «Odour-Control»-Versprechen. Ein robuster, dichter Stoff mit guter Verarbeitung ist meist sinnvoller als maximale Technik. Sport-BHs: Wegen des engen und langen Hautkontakts sind weiche, gut deklarierte Materialien ohne aggressive Ausrüstung besonders wichtig. Vorsicht bei stark beschichteten Cups, intensiven Geruchshemmungs-Claims oder kratzigen, verklebten Innenflächen. Shirts und Tops: Für viele Sportarten reichen einfache Funktionsshirts ohne antimikrobielle Behandlung. Merinowolle kann geruchsarm sein, ist aber nicht für alle angenehm oder pflegeleicht. Auch hier gilt: weniger Spezialchemie ist oft die bessere Wahl. Laufjacken und Outdoor-Schichten: Wenn du echte Regen- oder Windschutzfunktion brauchst, prüfe besonders genau, ob das Produkt PFAS-frei ist. Wasserabweisend ist nicht gleich wasserdicht, und nicht jede Joggingrunde braucht High-End-Membranen. Grundsätzlich sind hauthnahe Teile die Kategorie, in der du am strengsten auswählen solltest. Bei einer äusseren Jacke ist die Exposition über die Haut meist geringer als bei einer Leggings oder einem Sport-BH. Umgekehrt ist bei Jacken das Umweltproblem durch PFAS oft grösser. Bessere Kaufentscheidungen für den Alltag Viele Chemieprobleme in Activewear entstehen nicht, weil du Sport machst, sondern weil Produkte übertechnisiert sind. Für den Alltag heisst das: lieber gezielt auswählen als jedem Funktionsversprechen folgen. Frag dich zuerst, wofür du das Teil wirklich brauchst. Ein Yoga- oder Fitness-Top braucht selten eine antimikrobielle Ausrüstung. Eine Laufjacke für Nieselregen braucht nicht zwingend extreme Abperleffekte. Bevorzuge klare Materialangaben und transparente Produktinformationen. Wenn ein Hersteller offen deklariert, ob ein Textil PFAS-frei ist und worauf Geruchsmanagement beruht, ist das ein gutes Zeichen. Wähle möglichst einfache Konstruktionen. Weniger Beschichtungen, weniger Folienprints, weniger Spezialzonen bedeuten oft auch weniger potenzielle Chemikalien. Setze auf Qualität statt Masse. Ein gut verarbeitetes Teil, das lange hält und seine Form behält, verursacht meist weniger Umweltbelastung und verliert oft auch weniger Fasern als billige Schnellkaufware. Wasche schonend und nicht öfter als nötig. Das reduziert Materialabbau, schont Ausrüstungen und kann die Freisetzung von Mikrofasern verringern. Häufig reicht Lüften zwischen zwei moderaten Trainings. Wasch neue Sportkleidung vor dem ersten Tragen. So lassen sich Produktionsrückstände zumindest teilweise entfernen. Wenn möglich, nutze für stark schwitzende Aktivitäten mehrere einfache Teile im Wechsel statt ein einziges «High-Tech»-Kleidungsstück mit vielen Zusatzfunktionen. Bei Siegeln und Labels lohnt sich ein realistischer Blick. Sie können helfen, gewisse problematische Stoffe auszuschliessen oder Grenzwerte einzuhalten, ersetzen aber nicht das Mitdenken. Ein Label sagt nicht automatisch etwas über Mikroplastikabrieb oder darüber aus, ob eine beworbene antimikrobielle Funktion sinnvoll ist. Wann weniger Technik die bessere Lösung ist Für viele Menschen ist die praktischste und nachhaltigste Lösung überraschend simpel: weniger Spezialkleidung, mehr passender Einsatz. Wer im Studio trainiert, spazieren geht, leichte Läufe macht oder zuhause Yoga übt, braucht meist keine hochgerüstete Activewear. Ein bequemes, gut sitzendes, schlichtes Teil ohne Spezialausrüstung ist oft völlig ausreichend. Anders sieht es bei bestimmten Einsätzen aus: längere Bergtouren, winterliche Läufe, intensiver Velosport, stark wechselnde Wetterbedingungen oder Berufe mit viel Bewegung im Freien. Dort können Feuchtigkeitsmanagement, Isolation oder Wetterschutz echten Nutzen haben. Aber auch dann gilt: Funktion ja, unnötige Chemie nein. Es geht nicht darum, Sportkleidung zu verteufeln, sondern zwischen sinnvoller Leistung und überflüssigem Marketing zu unterscheiden. Wenn du unsicher bist, hilft eine einfache Prioritätenliste: Passform, Tragekomfort, Langlebigkeit, transparente Deklaration, möglichst wenig Zusatzfunktionen. Besonders bei Kleidungsstücken mit engem Hautkontakt lohnt sich diese Reihenfolge. Unterm Strich ist das Chemie-Risiko bei Funktionskleidung nicht überall gleich gross. Problematischer sind vor allem stark ausgerüstete, eng getragene oder besonders wasserabweisende Produkte. Die gute Nachricht: Du kannst das Risiko im Alltag deutlich senken, ohne auf bequeme Sportkleidung zu verzichten – indem du schlichter auswählst, Marketingbegriffe kritisch liest und nur die Technik kaufst, die du wirklich brauchst.