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Sharing & Micromobility: Wann ist das wirklich «grün»? CO2-Check für Carsharing, Bike-Sharing und E-Trottinett in der Schweiz

«Sharing» klingt nach Nachhaltigkeit – aber nicht jede geteilte Fahrt spart automatisch CO2. Ob Carsharing, Bike-Sharing oder E-Trottinett (E-Scooter) wirklich klimafreundlicher ist, hängt vor allem davon ab, welche Fahrt du damit ersetzt. Hier bekommst du eine klare Einordnung, Daumenregeln und einen einfachen CO2-Check ohne Scheinpräzision.

2 Frauen nebeneinander auf dem Scooter bzw. zu Fuss
Die wichtigste Frage: ersetzt du ein Auto oder einen Spaziergang? © NIKOLA ILIC PR AGENCIJA ZA DIZAJN / Getty Images

Die wichtigste Frage: Welche Fahrt ersetzt du wirklich?

Wissenschaftlich betrachtet entscheidet bei Sharing und Micromobility weniger das Marketing, sondern der sogenannte Substitutionseffekt: Ersetzt du eine Autofahrt – oder ersetzt du zu Fuss gehen, Velo oder den ÖV? Genau hier kippt die Umweltbilanz häufig.

Auto ersetzt = oft gut; ÖV/zu Fuss ersetzt = oft schlechter

Wenn ein E-Trottinett oder ein geteiltes Velo eine kurze Autofahrt ersetzt, ist das in der Regel positiv fürs Klima. Wenn dieselbe Fahrt sonst zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem Tram passiert wäre, entstehen zusätzliche Emissionen durch Herstellung, Wartung, Laden und Umverteilung der Fahrzeuge. Studien zu E-Scootern zeigen genau dieses Muster: Die Bilanz hängt stark davon ab, ob wirklich Autokilometer ersetzt werden oder ob vor allem «zusätzliche» Fahrten entstehen bzw. Fuss- und ÖV-Wege verdrängt werden.

Für die Schweiz kommt ein weiterer Punkt dazu: Der Strommix ist vergleichsweise CO2-arm. Das hilft dem Betrieb von E-Fahrzeugen. Aber: Die Herstellung (Batterie, Aluminium, Elektronik) und die Lebensdauer bleiben zentrale Treiber. Ein Gerät, das oft kaputtgeht oder nur selten genutzt wird, kann trotz «grünem» Strom ökologisch enttäuschen.

Was die Wissenschaft sagt 

Drei Erkenntnisse tauchen in vielen aktuellen Analysen immer wieder auf – unabhängig davon, ob es um E-Scooter, Bike-Sharing oder Carsharing geht.

1) Nutzung schlägt Technik. Nicht «E» oder «Sharing» ist automatisch nachhaltig, sondern die Frage, ob du damit emissionsintensivere Wege vermeidest.

2) Lebensdauer ist ein CO2-Hebel. Bei E-Scootern kann die Produktion einen grossen Teil der Klimaauswirkungen ausmachen. Je länger ein Fahrzeug hält und je mehr Kilometer es in dieser Zeit fährt, desto besser verteilt sich der Herstellungsaufwand pro Kilometer.

3) Der Betrieb hat «versteckte» Emissionen. Nicht nur das Laden zählt, sondern auch Wartung, Reparaturen und das Einsammeln/Umverteilen (bei Free-Floating-Systemen). Diese Logistik kann die Bilanz spürbar verschlechtern, wenn sie ineffizient organisiert ist.

Daumenregeln für den Alltag

Wenn du dir nur drei Sätze merken willst, dann diese:

Daumenregel 1: «Ersetze Auto, nicht Fussweg.» Nutze Sharing vor allem dann, wenn es dir hilft, Fahrten mit dem eigenen Auto oder Taxi zu vermeiden.

Daumenregel 2: «Je länger die Lebensdauer, desto grüner.» Behandle Sharing-Fahrzeuge so, als würdest du sie selbst besitzen: vorsichtig fahren, korrekt abstellen, Schäden melden.

Daumenregel 3: «Kombi schlägt Konkurrenz.» Am besten wirkt Micromobility als Ergänzung zum ÖV (z. B. zur Haltestelle) – nicht als Ersatz für Tram/Bus auf einer Strecke, die ohnehin gut bedient ist.

E-Trottinett: wann sinnvoll (z. B. Last Mile statt Tram)

Ein E-Trottinett ist am ehesten sinnvoll, wenn du damit eine Autostrecke ersetzt oder eine «Last-Mile»-Lücke schliesst, die sonst ein Taxi oder ein kurzer Autofahrdienst wäre. Kritisch wird es, wenn du damit Wege ersetzt, die du sonst zu Fuss gehen würdest – gerade bei sehr kurzen Distanzen. In LCA-Analysen (Life Cycle Assessment) zeigt sich: Kurze Fahrten können die Herstellungs- und Logistikemissionen pro Kilometer besonders «teuer» machen, wenn die Geräte nicht sehr langlebig sind oder viel Umverteilung brauchen.

Bike-/E-Bike-Sharing: wann top, wann unnötig

Geteilte Velos und E-Bikes sind oft eine starke Option, wenn sie Autofahrten ersetzen oder dir den Umstieg auf ÖV erleichtern (z. B. Bahnhof–Arbeitsplatz). Unnötig wird es eher, wenn du damit einfach das eigene Velo ersetzt, das du sowieso nutzt – dann bleibt der Klimaeffekt klein und es geht eher um Komfort als um CO2. Positiv ist bei Velos: Der Energieverbrauch im Betrieb ist minimal; entscheidend sind auch hier Lebensdauer, Wartung und ob die Systeme gut ausgelastet sind.

Carsharing: Auslastung, Fahrzeugtyp, Fahrstil

Carsharing kann sehr wirksam sein, wenn es dazu führt, dass du kein eigenes Auto brauchst oder weniger fährst. Der grosse Hebel ist nicht nur der Antrieb (Benzin, Hybrid, Elektro), sondern die Verhaltensänderung: Wer kein eigenes Auto besitzt, fährt oft bewusster und kombiniert eher mit ÖV und Velo. Ob ein Carsharing-Auto «grün» ist, hängt deshalb stark von Auslastung, Fahrzeuggrösse und Fahrstil ab. Wenn Carsharing hingegen zusätzliche Fahrten erzeugt, die du sonst mit ÖV gemacht hättest, kann der Effekt kippen.

Mythos vs. Fakt: drei häufige Missverständnisse

Mythos 1: «E-Scooter sind immer klimafreundlich, weil sie elektrisch sind.»
Fakt: Elektrisch heisst nicht automatisch klimafreundlich. Bei E-Scootern sind Herstellung, Lebensdauer und Umverteilung zentrale Faktoren. Ohne gute Lebensdauer und sinnvolle Substitution kann die Bilanz enttäuschen.

Mythos 2: «Sharing ist per se nachhaltig, weil es geteilt wird.»
Fakt: Sharing wird dann nachhaltig, wenn es Ressourcen spart: weniger Autos besitzen, weniger Kilometer fahren, Fahrzeuge lange nutzen und gut auslasten.

Mythos 3: «Wenn ich statt Tram E-Scooter fahre, ist das sicher besser.»
Fakt: In der Schweiz ist der ÖV oft schon relativ effizient. Wenn du ÖV oder Fusswege verdrängst, entstehen zusätzliche Emissionen, die du vorher nicht hattest – besonders bei kurzen Strecken.

Einfacher CO2-Check: transparente Tabelle statt Pseudo-Genauigkeit

Du musst keine exakten Grammwerte kennen, um gute Entscheidungen zu treffen. Der folgende Rechner ist bewusst grob: Er zeigt dir die Richtung. Wähle das Verkehrsmittel, das du wirklich ersetzt, schätze Distanz und Häufigkeit – und lies die Einordnung.

Ersatz (was wäre es sonst?) Deine Sharing-Option Strecke (einfach, km) Häufigkeit CO2-Wirkung (Daumen) Warum?
Eigener Pkw / Taxi Bike-/E-Bike-Sharing 1–5 mehrmals/Woche stark positiv Du ersetzt direkte Verbrenner-/Auto-km; sehr niedriger Energiebedarf im Betrieb.
Eigener Pkw / Taxi E-Trottinett 0.5–3 mehrmals/Woche eher positiv Kann Autokm ersetzen; Bilanz hängt an Lebensdauer und Umverteilung.
ÖV (Tram/Bus/Zug) E-Trottinett 0.5–3 mehrmals/Woche oft neutral bis negativ Du verdrängst bereits effiziente Mobilität; zusätzliche Herstellungs-/Logistikemissionen werden relevant.
Zu Fuss E-Trottinett 0.2–1.5 täglich meist negativ Null-Emissionen werden durch Produktion, Laden und Betrieb ersetzt; besonders ungünstig bei sehr kurzen Strecken.
Eigener Pkw (du würdest sonst eins besitzen) Carsharing variabel monatlich bis wöchentlich oft stark positiv Der grosse Hebel ist «Auto abschaffen/keins anschaffen» und weniger fahren.
ÖV Carsharing variabel regelmässig oft negativ Wenn Carsharing ÖV ersetzt, steigen Emissionen meist, vor allem bei Alleinfahrten.

Mini-Rechenbeispiele für die Schweiz

1 km «Last Mile»: zu Fuss vs. Scooter vs. ÖV

Stell dir 1 km in der Stadt vor, z. B. von der Haltestelle bis nach Hause: Wenn du zu Fuss gehst, ist das in Sachen CO2 praktisch unschlagbar. Wenn du stattdessen E-Trottinett fährst, kommen Emissionen aus Herstellung, Wartung und Laden dazu; das lohnt sich ökologisch nur dann, wenn dadurch wirklich eine Autostrecke wegfällt oder du dadurch Autofahrten vermeidest. Nimmst du für 1 km zusätzlich noch den ÖV (eine Extrafahrt), ist das oft unnötig – in vielen Fällen ist die «grünste» Option schlicht: laufen.

Monat ohne eigenes Auto: 3 Profile mit CO2-Fokus

Profil A: Stadt (z. B. Zürich), viele kurze Wege. Wenn du Carsharing nutzt, um kein eigenes Auto zu halten, und kurze Wege zu Fuss/Velo machst, ist das typischerweise sehr klimafreundlich. E-Scooter sind hier am ehesten sinnvoll als «Brücke» dort, wo du sonst ein Taxi nehmen würdest.

Profil B: Agglomeration, Pendeln mit ÖV. Besonders wirksam ist die Kombination: ÖV für die Hauptstrecke, Bike-/E-Bike-Sharing oder eigenes Velo für die Zubringer. Carsharing eignet sich für gelegentliche Transporte (Grosseinkauf, Ausflug), ohne dass ein eigenes Auto dauerhaft Emissionen und Kosten verursacht.

Profil C: Ländlicher, schwacher ÖV. Hier kann Carsharing (oder Mitfahrten) eine realistische Alternative zum Zweitauto sein. Wenn E-Scooter oder Bike-Sharing kaum verfügbar sind, ist der CO2-Hebel häufig weniger «Micromobility», sondern: Fahrten bündeln, vorausschauend planen, kleine Autos wählen und unnötige Kilometer vermeiden.

So machst du Sharing «grüner» – ohne Perfektionismus

Du musst nicht alles richtig machen, damit es besser wird. Diese Punkte haben in Studien und in der Praxis besonders viel Wirkung:

  • Nutze Sharing dort, wo es Autofahrten ersetzt. Frag dich kurz: «Würde ich sonst fahren lassen/selbst fahren?»
  • Hilf mit, die Lebensdauer zu erhöhen: sauber abstellen, nicht werfen, Schäden melden. Das verbessert die Bilanz direkt, weil Produktion bei vielen Systemen ein Hauptfaktor ist.
  • Kombiniere clever: ÖV für die Hauptstrecke, Sharing für die «Lücke». So entsteht weniger Verdrängung von ohnehin effizienten Wegen.
  • Fahr ruhiger und leichter: Bei Carsharing senken defensiver Fahrstil und ein passender Fahrzeugtyp Verbrauch und Reifenabrieb.
  • Parkiere korrekt. Das ist nicht nur Rücksicht: Fehlparkierte Scooter erhöhen oft den operativen Aufwand (Umverteilung, Einsammeln) und damit indirekt Emissionen.

Fazit: «Grün» ist nicht das Fahrzeug – sondern die ersetzte Fahrt

Sharing und Micromobility können in der Schweiz echte Klimahelfer sein, vor allem wenn sie Auto-km ersetzen und dir ermöglichen, kein eigenes Auto zu brauchen. Sie können aber auch zusätzliche Emissionen verursachen, wenn sie Fusswege und ÖV verdrängen oder wenn die Geräte kurzlebig sind. Wenn du dir unsicher bist, nutze die Tabelle als schnellen Check – und entscheide im Alltag lieber «gut genug» als perfekt: Auto ersetzen, Lebensdauer schützen, ÖV sinnvoll ergänzen.

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