Das Verhältnis von Konsum und Politik

Herr Bilharz, bei Ihnen ist der Verbraucher die Schlüsselfigur für nachhaltigen Konsum. Experten wie der Klimaforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker behaupten hingegen, dass die Schaffung einer nachhaltigen Gesellschaft nur vom Staat ausgehen kann. Wie stehen Sie zu dieser Gegenthese?

Da verstehen sie mich falsch. Ich habe überhaupt keinen Widerspruch zu Ernst Ulrich von Weizsäcker. Natürlich sind das A und O für nachhaltigen Konsum entsprechende Rahmenbedingungen, die nachhaltigen Konsum für alle Menschen zur ersten Wahl machen. Wir reden über Ökosteuer, Abbau umweltschädlicher Subventionen, über Naturschutzprogramme etc. Die Frage ist nur: Wie kommen wir zu diesen Rahmenbedingungen? Da bin ich der Überzeugung, dass dies nur funktioniert, wenn alle mit ihren Möglichkeiten mithelfen: Politiker wie Unternehmer, Mitarbeiter wie Konsumenten. So lange zum Beispiel Konsumenten nicht durch Car-Sharing, Bio-Lebensmittel oder Investitionen in erneuerbare Energien signalisieren, dass sie bereit sind, eine ökologischere Politik mitzutragen, werden sich auch die Politiker nicht in diese Richtung bewegen.

Sie arbeiten bei einer Bundesbehörde im Bereich Nachhaltiger Konsum. Inwieweit sollte sich der Staat überhaupt in die Steuerung der Konsumenten einmischen?

Der Staat muss sich dann einmischen, wenn der private Konsum negative Folgen für andere Menschen und für die Umwelt hat. Und das hat er. Viel zu viele. Muss ich das weiter ausführen?!

Sie haben den Gesamtenergieverbrauch von LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability) und der normalen Bevölkerung verglichen und keinen Unterschied gefunden. Was ist der Grund dafür?

Der zentrale Grund liegt im Einkommen. Wer mehr verdient, konsumiert mehr und hat deshalb tendenziell einen höheren Energieverbrauch. Dies betrifft vor allem die aus Sicht der Nachhaltigkeit kritischen Bereichen Automobilität, Fernreise, Größe der Wohnfläche. Viele LOHAS unternehmen zwar viele Sparanstrengungen beim Energieverbrauch. Aber – weil man es sich leisten kann – ist die Wohnung halt doch etwas größer oder man macht mal wieder eine Fernreise nach Lateinamerika. Wusch, wieder über 4 Tonnen CO2 in die Luft geblasen.

LOHAS steht für Lebensstile oder Konsumententypen, die durch ihr Konsumverhalten und gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern wollen. Häufig handelt es sich um Personen mit überdurchschnittlichem Einkommen. (Quelle: wikipedia.org)

Wie kann eine Plattform wie nachhaltigleben.ch den Konsumenten bei der Umsetzung Ihrer «Key Points» unterstützen?

Das Wichtigste erscheint mir: Ihnen den Platz einräumen, der ihnen gebührt. Wer immer nur gesagt bekommt, dass er Stand-by ausschalten soll, der kommt nicht auf die Idee, dass es noch wichtigere Dinge zu erledigen gibt. Außerdem: Die konkrete Umsetzung der Key Points wirft viele Frage auf: Welche Bank ist denn wirklich ökologisch? Was muss ich beim Sanieren des Hauses beachten? Wie sicher ist ein Kleinwagen? Da kann eine Plattform wie Ihre viel Hilfestellung geben.

Sie selbst haben keinen Führerschein und unternehmen generell keine Flugreisen. Fällt Ihnen und Ihrer Familie der Verzicht auf Auto und Fernreisen manchmal schwer?

Diese Momente gibt es. Selten zwar, aber sie gibt es. Vor allem, wenn die reiselustigen KollegInnen mal wieder Urlaubsbilder von ihrer letzten Fernreise mit leuchtenden Augen präsentieren. Aber das ist eben wie mit vielen anderen Sehnsüchten: Nicht arbeiten zu müssen, keinen Streit mit den Mitmenschen, der Lottogewinn. Man kann nicht alles haben. Und damit lässt es sich sehr gut leben.