Welche Inhaltsstoffe viele in Naturkosmetik vermeiden wollen: Silikone, PEG, Mikroplastik Theresa Keller Wer Naturkosmetik kauft, liest oft Begriffe wie «ohne Silikone», «ohne PEG» oder «frei von Mikroplastik». Doch was steckt dahinter – und ist jeder dieser Stoffe automatisch problematisch? Wenn du Kosmetik bewusster auswählen möchtest, hilft vor allem eines: die Stoffgruppen sachlich zu verstehen, statt dich von Schlagworten verunsichern zu lassen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Nicht jede angenehme Textur braucht Silikone oder synthetische Polymere © Gemini / Google Warum bestimmte Inhaltsstoffe in Naturkosmetik meist tabu sind Naturkosmetik arbeitet mit einem anderen Grundprinzip als konventionelle Kosmetik. Im Mittelpunkt stehen meist Rohstoffe natürlichen Ursprungs, eine gute Hautverträglichkeit und ein möglichst geringer ökologischer Fussabdruck. Deshalb schliessen viele Naturkosmetik-Standards bestimmte Stoffgruppen aus, auch wenn diese in konventionellen Produkten rechtlich erlaubt sind. Dazu gehören häufig Silikone, PEG und PEG-Derivate sowie feste Mikroplastikpartikel und weitere synthetische Polymere. Für die Schweiz ist dabei wichtig: Kosmetische Mittel unterliegen wie in der EU strengen Anforderungen an Sicherheit und Kennzeichnung. Dass ein Stoff in Naturkosmetik oft ausgeschlossen wird, bedeutet also nicht automatisch, dass er in konventioneller Kosmetik verboten oder per se gesundheitsschädlich wäre. Vielmehr geht es häufig um die Frage, ob ein Stoff zum Naturkosmetik-Verständnis passt – also etwa in Bezug auf Herkunft, Abbaubarkeit oder Umweltverhalten. Logik hinter Naturkosmetik-Standards Naturkosmetik-Siegel bewerten nicht nur, ob ein Produkt wirkt oder sich angenehm anfühlt, sondern auch, wie ein Inhaltsstoff hergestellt wird und wie gut er in die Systematik natürlicher Rohstoffe passt. Ein Beispiel: Ein synthetischer Filmbildner kann technisch sehr praktisch sein, wird aber oft ausgeschlossen, wenn er aus petrochemischen Quellen stammt oder sich in der Umwelt nur schlecht abbaut. Die Europäische Chemikalienagentur ECHA hat 2023 einen breit angelegten Beschränkungsvorschlag zu absichtlich zugesetztem Mikroplastik veröffentlicht. Das zeigt, dass Umweltaspekte bei Kosmetik heute stärker gewichtet werden als früher. Gerade bei Produkten, die direkt ins Abwasser gelangen – etwa Duschgel, Shampoo oder Peeling – spielt diese Perspektive auch für viele Schweizer Konsument:innen eine wichtige Rolle. Was «vermeiden» nicht automatisch bedeutet In der öffentlichen Debatte werden Stoffgruppen oft stark vereinfacht dargestellt. Das führt leicht zu Missverständnissen. «Vermeiden» heisst nicht automatisch «gefährlich». Es kann auch heissen: Der Stoff passt nicht zu den Kriterien eines Naturkosmetik-Standards. Es gibt ökologische Bedenken, etwa zur Abbaubarkeit oder Eintrag in Gewässer. Viele Menschen empfinden pflanzlich basierte Alternativen als stimmiger oder transparenter. Gleichzeitig gilt: Auch ein «natürlicher» Inhaltsstoff ist nicht automatisch besser verträglich oder nachhaltiger. Entscheidend sind immer Formulierung, Einsatzkonzentration, Hauttyp und Anwendungszweck. Silikone verstehen Silikone sind synthetische Polymere auf Basis von Siliziumverbindungen. In Kosmetik werden sie geschätzt, weil sie sich sehr glatt anfühlen, leicht verteilbar sind und einen gleichmässigen Film auf Haut oder Haar bilden können. Besonders in Haarpflege, Make-up, Sonnenschutz und Hautpflege kommen sie häufig vor. Wofür sie eingesetzt werden In Haarprodukten können Silikone das Kämmen erleichtern, Frizz reduzieren und Glanz verleihen. In Cremes verbessern sie oft das Hautgefühl, weil sie ein seidiges, nicht klebriges Finish erzeugen. In dekorativer Kosmetik helfen sie, Pigmente gleichmässig zu verteilen und Produkte haltbarer wirken zu lassen. Viele Menschen möchten Silikone dennoch vermeiden, weil sie die Pflegewirkung als eher «oberflächlich» erleben: Das Haar fühlt sich kurzfristig glatter an, ohne dass die eigentliche Haarstruktur dadurch aufgebaut wird. Dazu kommen Umweltfragen. Das deutsche Umweltbundesamt weist in aktuellen Bewertungen darauf hin, dass bestimmte Siloxane aus der Gruppe der Silikone aus Umweltsicht besonders kritisch diskutiert werden, vor allem wenn sie persistent sind oder sich in Organismen anreichern können. Für die Haut bedeutet das aber nicht automatisch ein Problem. Silikone gelten in vielen Formulierungen als gut verträglich. Wenn du sie vermeiden möchtest, ist das oft eher eine Frage der Produktphilosophie, des Haargefühls oder des Umweltanspruchs als eine akute Gesundheitsfrage. So erkennst du sie in der INCI-Liste Silikone lassen sich oft an typischen Endungen erkennen. Häufig tauchen Namen mit -cone, -conol, -siloxane oder -silane auf, zum Beispiel Dimethicone, Amodimethicone, Cyclopentasiloxane oder Dimethiconol. Wenn du Naturkosmetik suchst, ist der Blick auf die INCI-Liste besonders hilfreich, weil Werbeaussagen auf der Vorderseite nicht immer alles erklären. Praktisch im Alltag: Wenn dein Haar schnell beschwert wirkt oder du Rückstände vermeiden möchtest, kann ein silikonfreies Shampoo oder ein silikonfreier Conditioner für dich sinnvoll sein. Bei trockenem, stark strapaziertem Haar kann ein konventionelles Produkt mit Silikonen dagegen subjektiv angenehmer wirken. Es gibt hier kein absolutes Richtig oder Falsch. PEG und PEG-Derivate verstehen PEG steht für Polyethylenglykol. PEG-Derivate sind chemisch verwandte Stoffe, die in Kosmetik sehr häufig eingesetzt werden. Sie gehören nicht zu den klassischen «Wirkstoffen», sondern helfen vor allem dabei, dass eine Formulierung stabil, gleichmässig und angenehm anwendbar bleibt. Funktion in der Formulierung PEG und PEG-Derivate können als Emulgatoren, Tenside, Lösungsvermittler oder Feuchthaltemittel dienen. Sie helfen also zum Beispiel dabei, Öl und Wasser zu verbinden, Duftstoffe zu lösen oder Reinigungsprodukte schäumen zu lassen. Aus formulierungstechnischer Sicht sind sie deshalb sehr praktisch. Gerade in Shampoos, Duschgels, Reinigern oder Cremes findest du solche Stoffe häufig. Sie tragen dazu bei, dass ein Produkt stabil bleibt und sich auf der Haut angenehm verteilt. Aus Sicht der Naturkosmetik sind sie aber meist ausgeschlossen, weil sie synthetisch hergestellt werden und nicht in das angestrebte Rohstoffprofil passen. Warum sie vielen kritisch erscheinen Die Kritik an PEG hat zwei Ebenen. Erstens geht es um die Herkunft und Herstellung: PEG sind synthetische Stoffe, häufig auf petrochemischer Basis. Zweitens geht es um mögliche Verunreinigungen aus dem Herstellungsprozess, etwa mit Ethylenoxid oder 1,4-Dioxan. Solche Verunreinigungen sind nicht gewollt und werden regulatorisch überwacht. Oft liest man zudem, PEG würden die Haut «durchlässig» machen. Diese Aussage ist zu pauschal. Tatsächlich können manche PEG-Derivate die Barriereeigenschaften einer Formulierung beeinflussen oder das Eindringen anderer Stoffe erleichtern. Daraus folgt aber nicht, dass PEG-haltige Produkte generell schädlich sind. Für viele Menschen sind sie gut verträglich. Wer sehr empfindliche, gereizte oder zu Ekzemen neigende Haut hat, achtet dennoch häufig besonders auf einfache, reizärmere Formulierungen. In der INCI-Liste erkennst du PEG meist direkt am Namen, zum Beispiel PEG-40 Hydrogenated Castor Oil, PEG-7 Glyceryl Cocoate oder an Bestandteilen wie -eth, etwa Ceteareth-20 oder Laureth-4. Solche Namen sind kein Warnsignal an sich, aber ein klarer Hinweis darauf, dass das Produkt nicht den klassischen Naturkosmetik-Kriterien entspricht. Mikroplastik und synthetische Polymere verstehen Kaum ein Begriff sorgt in der Kosmetik so oft für Verwirrung wie Mikroplastik. Das liegt auch daran, dass darunter je nach Definition nicht immer genau dasselbe verstanden wird. Die ECHA definiert Mikroplastik in ihrem Beschränkungsvorschlag als synthetische Polymerpartikel, die klein, schwer abbaubar und absichtlich zugesetzt sind. Im Alltag wird der Begriff aber oft weiter verwendet und schliesst auch andere synthetische Polymere ein, etwa gelbildende oder filmbildende Kunststoffe in flüssiger Form. Feste Partikel vs. flüssige/synthetische Polymere Für den Einkauf ist diese Unterscheidung wichtig. Feste Mikroplastikpartikel wurden früher vor allem in Peelings eingesetzt, etwa als Schleifkörper. Diese Anwendung ist heute stark zurückgegangen. Daneben gibt es synthetische Polymere ohne feste Partikelform, die in Gelen, Cremes, Make-up oder Haarstylingprodukten vorkommen können. Sie dienen zum Beispiel als Filmbildner, Verdicker, Stabilisatoren oder Texturgeber. Genau hier entsteht oft Unsicherheit: Ein Produkt kann mit «ohne Mikroplastik» werben und trotzdem synthetische Polymere enthalten, wenn nur eine engere Definition gemeint ist. Wer möglichst konsequent einkaufen möchte, sollte deshalb nicht nur auf Frontclaims achten, sondern auf die INCI-Liste schauen. Wo sie in Kosmetik auftauchen Synthetische Polymere finden sich in vielen Produktgruppen: in Haargel für Halt, in Mascara für Wischfestigkeit, in Sonnenpflege für gleichmässigen Film, in Duschgel für die Konsistenz oder in Peelings als Schleifkörper. Umweltrelevant wird das vor allem dann, wenn solche Stoffe direkt in grosser Menge ausgewaschen werden und schwer abbaubar sind. Das Umweltbundesamt und die ECHA bewerten diesen Aspekt deshalb zunehmend streng. In der INCI-Liste tauchen häufig Namen wie Polyethylene, Acrylates Copolymer, Carbomer, Polyquaternium-…, Nylon-12 oder Polypropylene auf. Nicht jeder dieser Stoffe ist identisch zu bewerten, aber sie gehören in vielen Fällen zu den synthetischen Polymeren, die Naturkosmetik vermeiden möchte. Für dich als Käufer:in ist vor allem wichtig, den Zielkonflikt zwischen Funktion und Umwelt zu verstehen. Ein wasserfester Mascara-Effekt oder langanhaltendes Styling ist technisch oft leichter mit synthetischen Filmbildnern zu erreichen. Naturkosmetik setzt hier eher auf andere Rohstoffe und akzeptiert teilweise, dass sich das Produkt etwas anders anfühlt oder weniger extrem performt. Welche Alternativen Naturkosmetik nutzt Naturkosmetik ersetzt Silikone, PEG und synthetische Polymere nicht durch einen einzelnen «Wunderstoff», sondern durch andere Formulierungsstrategien. Statt eines synthetischen Glätte-Effekts werden zum Beispiel pflanzliche Öle, Ester, Wachse, Zuckerderivate oder naturbasierte Emulgatoren kombiniert. Das Ergebnis kann sich etwas anders anfühlen – oft weniger «perfekt versiegelt», dafür für viele Menschen natürlicher und leichter nachvollziehbar. Pflanzliche Öle, Wachse, Tenside und Texturgeber Häufige Alternativen sind pflanzliche Öle wie Jojoba-, Mandel-, Sonnenblumen- oder Arganöl, dazu Sheabutter, Kakaobutter oder Wachse wie Carnauba- und Beerenwachs. Als Emulgatoren und Tenside kommen oft Stoffe auf Basis von Zucker, Kokos oder Aminosäuren zum Einsatz, etwa Coco-Glucoside oder Decyl Glucoside. Für Textur und Gelbildung werden unter anderem Xanthan, Cellulosederivate oder andere naturbasierte Verdicker verwendet. Diese Alternativen sind nicht automatisch immer ökologisch perfekt oder für jede Haut ideal. Auch natürliche Duftstoffe können reizen, und nicht jedes Pflanzenöl passt zu jedem Hauttyp. Deshalb lohnt sich ein pragmatischer Blick: Wähle nicht nur nach Ausschlusslisten, sondern nach deinem Bedarf. Bei empfindlicher Haut helfen eher kurze, übersichtliche INCI-Listen ohne viele Duftstoffe. Bei trockenem Haar sind reichhaltige Öle und Fettalkohole wie Cetearyl Alcohol oft sinnvoller als aggressive Reinigung. Bei Styling- oder Longwear-Produkten darfst du abwägen, ob dir maximale Performance oder möglichst naturbasierte Formulierung wichtiger ist. Wenn dir Umweltaspekte wichtig sind, sind abspülbare Produkte ohne synthetische Polymere besonders relevant. Ein guter Weg für den Alltag in der Schweiz ist deshalb: erst den Produkttyp klären, dann die INCI lesen, dann prüfen, ob die Formulierung zu deinen Prioritäten passt. Bei Naturkosmetik bedeutet «frei von» oft vor allem, dass der Fokus auf erneuerbaren Rohstoffen und besserer Umweltverträglichkeit liegt. Bei konventioneller Kosmetik bedeutet das Fehlen eines Stoffes wiederum nicht automatisch, dass das gesamte Produkt nachhaltiger ist. Unterm Strich musst du dich nicht zwischen «alles bedenklich» und «alles egal» entscheiden. Eine sachliche Einordnung reicht oft schon: Silikone sorgen vor allem für Gefühl und Film, PEG für technische Stabilität, synthetische Polymere oft für Textur und Halt. Viele Naturkosmetik-Marken verzichten darauf, weil sie andere ökologische und stoffliche Prinzipien verfolgen. Wenn du die INCI grob lesen kannst, kaufst du deutlich selbstbestimmter ein.