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Naturkosmetik-Siegel erklärt: NATRUE, COSMOS und weitere Standards

Wer Naturkosmetik kaufen möchte, steht im Laden oder Onlineshop schnell vor einer kleinen Zeichenflut. Auf Verpackungen finden sich Logos, Versprechen und Begriffe wie «natural», «organic», «vegan» oder «dermatologisch getestet» – doch nicht alles meint dasselbe. Dieser Artikel zeigt dir verständlich, welchen Naturkosmetik-Siegeln du in der Schweiz besonders gut vertrauen kannst, was sie tatsächlich prüfen und wo auch gute Standards Grenzen haben.

Nahaufnahme verschiedener Siegel auf Shampoo- und Cremeverpackungen
NATRUE, COSMOS und Co.: Ein Blick auf die wichtigsten Zeichen © Gemini / Google

Warum Siegel bei Naturkosmetik so wichtig sind

Naturkosmetik ist kein geschützter Begriff

Die wichtigste Ausgangslage zuerst: «Naturkosmetik» ist rechtlich kein einheitlich geschützter Begriff. Das bedeutet: Eine Marke kann ein Produkt als «natürlich» oder «mit natürlichen Inhaltsstoffen» bewerben, ohne dass automatisch ein unabhängiger, überall gleich strenger Standard dahintersteht. Für dich als Käufer:in ist das relevant, weil Werbung allein nicht zuverlässig zeigt, wie konsequent ein Produkt zusammengesetzt ist.

In Europa regelt die EU-Kosmetikverordnung vor allem Sicherheit, Kennzeichnung und Verantwortlichkeiten von Kosmetikprodukten. Sie sagt aber nicht: «Das ist Naturkosmetik» oder «Das ist zertifizierte Naturkosmetik». Genau diese Lücke füllen private Standards und Zertifizierungsprogramme. Sie definieren Mindestregeln zu Rohstoffen, Verarbeitung, Kontrolle und Kennzeichnung. In der Schweiz gibt es keine eigene gesetzliche Naturkosmetik-Definition.

Siegel schaffen Orientierung

Ein gutes Siegel hilft dir vor allem bei drei Fragen: Wer prüft? Was wird geprüft? Wie transparent sind die Regeln? Genau hier sind Standards wie NATRUE und COSMOS besonders relevant. Sie beruhen auf öffentlich zugänglichen Kriterien und werden durch unabhängige Zertifizierungsstellen kontrolliert.

Für den Einkauf in der Schweiz ist wichtig: Die meisten Produkte mit NATRUE- oder COSMOS-Kennzeichnung stammen aus dem europäischen Markt und sind auch hier weit verbreitet – in Drogerien, Reformhäusern, Bioläden, Apotheken und Onlineshops. Wenn du ein solches Siegel auf der Packung siehst, kannst du deutlich besser einschätzen, was du kaufst, als nur anhand von Begriffen wie «clean», «green» oder «botanical».

Gleichzeitig lohnt eine nüchterne Einordnung: Ein Siegel ist kein Gesundheitsversprechen. Es sagt nicht automatisch, dass ein Produkt für jede Haut besser verträglich ist, keine Allergien auslösen kann oder medizinisch wirksamer ist. 

NATRUE verständlich erklärt

Was der Standard prüft

NATRUE ist ein international verwendeter Naturkosmetik-Standard mit klaren Positiv- und Negativlogiken. Das Grundprinzip: Zutaten werden in Kategorien eingeteilt, etwa in natürliche Stoffe, naturnahe Stoffe und naturidentische Stoffe, und nur bestimmte Verarbeitungen sind zulässig. Ziel ist, möglichst nahe an Rohstoffen natürlichen Ursprungs zu bleiben und petrochemische Bestandteile stark zu begrenzen oder auszuschliessen.

Nach den öffentlich zugänglichen NATRUE-Kriterien dürfen Produkte nur zertifiziert werden, wenn sie definierte Anforderungen an Zusammensetzung und Verarbeitung erfüllen. Verboten oder stark eingeschränkt sind typischerweise viele Stoffgruppen, die in konventioneller Kosmetik verbreitet sind, etwa bestimmte synthetische Duft- und Farbstoffe, Silikone, Paraffine und andere aus Erdöl gewonnene Komponenten. Zugelassen sind nur ausgewählte naturidentische Stoffe, wenn sie sinnvoll oder technisch notwendig sind, etwa bestimmte Konservierungsstoffe oder Mineralien.

Für dich heisst das praktisch: NATRUE ist vor allem ein Rohstoff- und Verarbeitungsstandard. Er prüft nicht nur Marketingaussagen, sondern die Rezeptur selbst. Zudem verlangt NATRUE eine Zertifizierung von Produkten oder Produktlinien durch unabhängige Stellen, was die Glaubwürdigkeit erhöht.

Für wen NATRUE besonders hilfreich ist

NATRUE ist besonders hilfreich, wenn du beim Einkauf eine strenge, gut erkennbare Orientierung suchst. Das gilt zum Beispiel, wenn du klassische konventionelle Inhaltsstoffe wie Silikone oder Paraffine bewusst vermeiden möchtest oder wenn dir eine klar definierte Naturkosmetik-Logik wichtiger ist als wohlklingende Werbewörter.

Sinnvoll ist das Siegel auch, wenn du Produkte verschiedener Marken vergleichen willst. Denn NATRUE schafft einen gemeinsamen Rahmen. Gerade in der Schweiz, wo viele importierte Marken im Regal stehen, ist das praktisch: Du musst nicht jede Marke einzeln «recherchieren», sondern kannst dich zuerst am Standard orientieren.

Die Grenze bleibt aber: Auch ein NATRUE-Produkt kann intensive Duftstoffe oder ätherische Öle enthalten. Wenn deine Haut empfindlich reagiert, Rosazea vorliegt oder du zu Kontaktallergien neigst, ersetzt das Siegel nicht den Blick auf die INCI-Liste. 

COSMOS verständlich erklärt

COSMOS Natural und COSMOS Organic

COSMOS ist kein einzelnes Logo einer Marke, sondern ein übergeordneter europäischer Standard für Bio- und Naturkosmetik. Zertifiziert wird über anerkannte Stellen, die dann auf der Packung oft gemeinsam mit dem COSMOS-Hinweis erscheinen, zum Beispiel «COSMOS Organic certified by Ecocert» oder «COSMOS Natural certified by Soil Association». Genau das führt manchmal zu Verwirrung: Viele Menschen halten Ecocert für einen völlig eigenen Naturkosmetikstandard, obwohl Ecocert heute häufig als Zertifizierungsstelle innerhalb des COSMOS-Systems auftritt.

Besonders wichtig ist der Unterschied zwischen COSMOS Natural und COSMOS Organic. COSMOS Natural bedeutet: Das Produkt erfüllt die Naturkosmetik-Regeln des Standards, ohne dass es die höheren Bio-Anteile für «Organic» erreichen muss. COSMOS Organic geht weiter und verlangt definierte Mindestanteile an biologisch erzeugten Inhaltsstoffen nach den COSMOS-Regeln. Damit ist «Organic» nicht einfach ein hübscher Zusatz, sondern eine strengere Unterkategorie.

Für den Alltag ist das eine gute Faustregel: COSMOS Natural = zertifizierte Naturkosmetik, COSMOS Organic = zertifizierte Naturkosmetik mit zusätzlichem Bio-Schwerpunkt. Wenn dir Anbauweise und Bio-Rohstoffe besonders wichtig sind, ist COSMOS Organic meist die klarere Wahl.

Was COSMOS von NATRUE unterscheidet

NATRUE und COSMOS verfolgen ähnliche Ziele, setzen aber nicht völlig identische Akzente. Beide schränken problematische oder unerwünschte synthetische Stoffgruppen stark ein und definieren, welche Rohstoffe und Prozesse zulässig sind. Der Unterschied liegt eher in der Systematik der Kriterien als in einem einfachen «besser oder schlechter».

COSMOS arbeitet stark mit Regeln zu Herkunft, Verarbeitung, Umweltanforderungen und – bei Organic – zu Bio-Anteilen. NATRUE betont besonders die Einteilung in natürliche, naturnahe und naturidentische Stoffe sowie eine enge Rohstofflogik. Im Einkauf heisst das: Beide Standards sind vertrauenswürdig. Wenn du ein Produkt mit NATRUE oder COSMOS siehst, bist du in der Regel deutlich besser abgesichert als bei blossen Naturversprechen ohne unabhängige Zertifizierung.

Einen wichtigen zusätzlichen Rahmen liefert die europäische Norm ISO 16128, die Begriffe rund um natürliche und biologische Kosmetikinhaltsstoffe definiert. Fachlich ist diese Norm nützlich, sie ist aber kein Naturkosmetik-Siegel und ersetzt keine unabhängige Zertifizierung. Genau deshalb ist ein Produkt mit NATRUE- oder COSMOS-Logo für Verbraucher:innen oft aussagekräftiger als eine unspezifische «natural origin»-Werbeaussage.

Weitere Kennzeichnungen richtig einordnen

Ecocert

Ecocert begegnet dir in der Schweiz sehr häufig. Historisch war Ecocert ein eigenes, prägendes Zertifizierungssystem im Naturkosmetikbereich. Heute ist der Name meist als Zertifizierungsstelle innerhalb des COSMOS-Systems relevant. Wenn auf einer Verpackung «COSMOS Organic certified by Ecocert» steht, bedeutet das: Der massgebliche Standard ist COSMOS, die Prüfung und Zertifizierung erfolgten durch Ecocert.

Für den Einkauf ist deshalb wichtig, nicht nur auf «Ecocert» zu schauen, sondern auf den genauen Wortlaut. Steht dort COSMOS Natural oder COSMOS Organic, weisst du genauer, welche Anforderungsebene gemeint ist. Das hilft, Missverständnisse zu vermeiden.

Vegan-, Cruelty-free- und Allergie-Siegel

Diese Zeichen werden oft mit Naturkosmetik verwechselt, prüfen aber etwas anderes. Ein Vegan-Siegel sagt in erster Linie, dass keine tierischen Inhaltsstoffe enthalten sind. Das kann zu deinen ethischen Prioritäten passen, sagt aber nichts darüber aus, ob das Produkt Naturkosmetik ist oder überwiegend aus natürlichen Rohstoffen besteht.

Ähnlich ist es bei Cruelty-free oder tierversuchsbezogenen Kennzeichnungen. In der Schweiz und in der EU gelten für Kosmetika bereits enge rechtliche Regeln rund um Tierversuche und Vermarktung. Solche Labels können zusätzliche Unternehmensstandards abbilden, sind aber kein Ersatz für ein Naturkosmetik-Siegel.

Bei Allergie-, sensitiv- oder dermatologisch getestet-Hinweisen ist noch mehr Vorsicht sinnvoll. Diese Aussagen können auf Tests oder Zielgruppenbezüge hinweisen, sind aber inhaltlich sehr unterschiedlich und oft weniger standardisiert als NATRUE oder COSMOS. Sie beantworten vor allem die Frage nach Verträglichkeitstests oder Marketingpositionierung – nicht die Frage nach Naturkosmetik.

Was kein Naturkosmetik-Siegel ist

Im Regal tauchen viele Zeichen und Formulierungen auf, die hochwertig klingen, aber keine echte Naturkosmetik-Zertifizierung darstellen. Dazu gehören etwa «mit Aloe Vera», «natürlichen Ursprungs», «clean beauty», «frei von Mikroplastik», «ohne Silikone», «dermatologisch getestet» oder «nach ISO 16128 berechnet». Solche Aussagen können einzelne Aspekte betreffen, aber sie prüfen nicht das Produkt als Ganzes nach einem umfassenden Naturkosmetikstandard.

Wenn du dich fragst «Welchem Siegel kann ich vertrauen?», ist die kurze Antwort deshalb: Für die Einordnung als zertifizierte Naturkosmetik sind NATRUE und COSMOS die verlässlichsten und im Schweizer Alltag relevantesten Orientierungshilfen. Andere Zeichen können zusätzlich sinnvoll sein, beantworten aber meist andere Fragen.

So nutzt du Siegel beim Einkauf in der Schweiz

Schnellcheck am Regal

Damit du im Alltag nicht jede Verpackung minutenlang studieren musst, hilft ein kurzer Entscheidungsweg:

  • Schritt 1: Suche zuerst nach einem klaren Naturkosmetik-Siegel wie NATRUE oder COSMOS Natural / COSMOS Organic.
  • Schritt 2: Lies den genauen Wortlaut. «Certified by Ecocert» ist nur dann wirklich aussagekräftig, wenn auch der zugrunde liegende Standard klar genannt ist.
  • Schritt 3: Verwechsle Zusatzlabels nicht mit Naturkosmetik. Vegan, cruelty-free oder sensitiv beantworten andere Fragen.
  • Schritt 4: Überlege, was dir persönlich am wichtigsten ist: möglichst naturbasierte Rezeptur, Bio-Anbau, Duftarmut, vegane Formulierung oder bestimmte Stoffe vermeiden.

Gerade in Schweizer Drogerien und Apotheken findest du oft Produkte aus mehreren europäischen Märkten nebeneinander. Das macht ein standardsicheres Vorgehen besonders hilfreich. Wenn zwei Produkte ähnlich wirken, ist das mit einem anerkannten Naturkosmetik-Siegel in der Regel die verlässlichere Wahl als eines mit blossen Werbeaussagen.

Wann ein Blick auf die INCI-Liste trotzdem nötig ist

Auch das beste Siegel ersetzt nicht jede Einzelprüfung. Ein Blick auf die INCI-Liste ist besonders dann sinnvoll, wenn du empfindliche Haut hast, bekannte Duftstoffallergien vorliegen oder du ein Produkt für Kinder, für die Gesichtspflege oder für sehr häufige Anwendung suchst.

Achte vor allem auf stark parfümierte Formulierungen und auf ätherische Öle, wenn du zu Reizungen neigst. Dermatologische Fachgesellschaften betonen, dass Hautverträglichkeit individuell ist und natürliche Duftstoffe ebenfalls sensibilisieren können. Für viele Menschen ist zertifizierte Naturkosmetik gut passend – aber nicht jede zertifizierte Naturkosmetik ist automatisch mild.

Praktisch heisst das: Wenn du einfach verlässlich Naturkosmetik kaufen möchtest, sind NATRUE und COSMOS die beste Abkürzung. Wenn du zusätzlich empfindliche oder medizinisch relevante Hautbedürfnisse hast, kombiniere das Siegel mit einem prüfenden Blick auf Duftstoffe, Alkoholgehalt und deine persönlichen Auslöser.

Unterm Strich lässt sich die Standardfrage also gut beantworten: Ja, es gibt Siegel, denen du vertrauen kannst – vor allem NATRUE und COSMOS. Sie machen aus einem ungeschützten Marketingbegriff eine überprüfbare Aussage. Für deinen Einkauf in der Schweiz sind sie damit die sinnvollste Orientierung, solange du ihre Grenzen mitdenkst und bei empfindlicher Haut zusätzlich auf die Zutatenliste schaust.

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