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INCI-Liste lesen: problematische und typische Inhaltsstoffe erkennen

Vor dem Shampoo-Regal oder beim Onlinekauf sehen Kosmetik-Inhaltsstofflisten oft aus wie eine eigene Sprache. Das kann verunsichern, obwohl die INCI-Liste eigentlich genau dazu da ist, dir Orientierung zu geben. Wenn du ein paar Grundmuster kennst, kannst du in kurzer Zeit besser einschätzen, was in einem Produkt steckt, was für deine Haut sinnvoll ist und wo genaueres Hinschauen lohnt.

Nahaufnahme einer Kosmetikverpackung mit Zutatenliste
So liest du eine INCI-Liste Schritt für Schritt © Gemini / Google

Was die INCI-Liste überhaupt zeigt

«INCI» steht für International Nomenclature of Cosmetic Ingredients. Gemeint ist die international standardisierte Bezeichnung der Inhaltsstoffe in Kosmetik. In der Schweiz gelten für kosmetische Mittel die Vorgaben des Lebensmittelrechts und die Anforderungen an Kennzeichnung und Sicherheit orientieren sich eng an den europäischen Regeln. Für dich heisst das vor allem: Die Liste ist nicht Marketing, sondern eine verbindliche Deklaration.

Wichtig ist die sachliche Einordnung: Eine lange oder chemisch klingende Liste bedeutet nicht automatisch, dass ein Produkt schlecht oder gefährlich ist. Kosmetik besteht fast immer aus Stoffgemischen, die stabil, haltbar, gut verteilbar und mikrobiologisch sicher sein müssen. Die Kunst beim Lesen liegt deshalb weniger im «Alles Natürliche ist gut, alles Synthetische ist schlecht», sondern im Erkennen typischer Funktionen und möglicher Stolpersteine.

Reihenfolge der Zutaten

Die Inhaltsstoffe werden grundsätzlich in absteigender Reihenfolge ihres Gewichtsanteils aufgeführt. Was am Anfang steht, ist also in grösserer Menge enthalten als das, was weiter hinten kommt. Das ist für den Alltag sehr hilfreich: Bei einer Bodylotion stehen Wasser, Öle oder Feuchthaltemittel meist weit vorne; bei einem Waschgel eher Wasser und Tenside.

Eine wichtige Einschränkung: Inhaltsstoffe mit einem Anteil von unter 1 Prozent dürfen in beliebiger Reihenfolge nach den grösseren Bestandteilen erscheinen. Gerade Duftstoffe, Konservierungsmittel oder Pflanzenextrakte finden sich deshalb oft im hinteren Teil der Liste. Das heisst nicht, dass sie unwichtig wären. Bei empfindlicher Haut sind gerade diese kleineren Mengen manchmal entscheidend.

Als Schnellhilfe beim Kauf gilt: Wenn ein beworbener Wirkstoff wie Aloe, Jojobaöl oder Sheabutter erst ganz am Ende auftaucht, ist er eher in kleiner Menge enthalten. Das Produkt kann trotzdem sinnvoll sein, aber der Marketingeindruck und die tatsächliche Rezeptur sind dann nicht immer deckungsgleich.

Warum lateinische Pflanzennamen auftauchen

Pflanzliche Rohstoffe werden in der INCI-Liste meist mit ihrem botanischen Namen bezeichnet, etwa Helianthus Annuus Seed Oil für Sonnenblumenöl oder Butyrospermum Parkii Butter für Sheabutter. Das hat einen guten Grund: Botanische Namen sind international eindeutiger als Alltagsnamen, die je nach Sprache variieren.

Für naturkosmetikinteressierte Leser:innen ist das nützlich, aber auch etwas tückisch. Ein lateinischer Name allein sagt noch nicht, ob ein Produkt «besser» oder reizärmer ist. Auch pflanzliche Stoffe können Allergien auslösen, oxidieren oder bei empfindlicher Haut Probleme machen. Wenn du zu Neurodermitis, Duftstoffallergien oder sehr reaktiver Haut neigst, ist die gesamte Formulierung wichtiger als der blosse Pflanzenanteil.

Diese Stoffgruppen solltest du erkennen

Du musst keine einzelne Verbindung auswendig kennen. Für den Alltag reicht es, typische Stoffgruppen zu erkennen und grob zu wissen, welche Aufgabe sie im Produkt haben. So kannst du besser beurteilen, ob ein Produkt zu deinem Hauttyp, deinen Nachhaltigkeitsansprüchen und deinem Einsatzzweck passt.

Öle, Fette und Wachse

Diese Stoffe pflegen, schützen und beeinflussen das Hautgefühl. Typische Beispiele sind pflanzliche Öle wie Prunus Amygdalus Dulcis Oil (Mandelöl), Simmondsia Chinensis Seed Oil (Jojobaöl) oder Helianthus Annuus Seed Oil (Sonnenblumenöl). Dazu kommen Buttern und Wachse wie Butyrospermum Parkii Butter (Sheabutter), Cera Alba (Bienenwachs) oder Copernicia Cerifera Wax (Carnaubawachs).

Auch synthetische oder halbsynthetische Fettkomponenten sind häufig, zum Beispiel Caprylic/Capric Triglyceride. Solche Stoffe sind nicht automatisch problematisch; sie werden oft eingesetzt, weil sie stabil, gut verträglich und sensorisch angenehm sind. Bei trockener Haut sind reichhaltige Öle und Buttern oft sinnvoll, bei fettiger oder zu Unreinheiten neigender Haut eher leichtere Emollients.

Naturkosmetik erkennt man nicht daran, dass nur Öle vorkommen. Viele gute Naturkosmetikprodukte kombinieren Pflanzenöle mit technologisch nötigen Hilfsstoffen. Umgekehrt kann ein Produkt mit einzelnen Pflanzenölen insgesamt trotzdem stark parfümiert oder für sensible Haut weniger geeignet sein.

Emulgatoren und Tenside

Emulgatoren verbinden Wasser und Öl, damit etwa eine Creme stabil bleibt. Tenside sorgen dafür, dass Reinigungsprodukte Schmutz und Fett lösen. Typische Emulgatoren sind etwa Glyceryl Stearate, Lecithin oder Cetearyl Alcohol; letzterer ist trotz des Wortes «Alcohol» kein austrocknender Trinkalkohol, sondern ein sogenannter Fettalkohol mit pflegender Funktion.

Bei Tensiden findest du häufig Namen wie Coco-Glucoside, Sodium Cocoyl Glutamate, Disodium Cocoyl Glutamate oder Sodium Laureth Sulfate. Hier lohnt Differenzierung statt Alarmismus: Ein Tensid ist nicht per se «gut» oder «schlecht». Entscheidend sind Konzentration, Kombination mit anderen Stoffen, Einwirkzeit und dein Hautzustand. Milde Tenside sind besonders bei trockener, sensibler oder zu Ekzemen neigender Haut oft angenehmer.

Dermatologische Fachgesellschaften wie die Deutsche Dermatologische Gesellschaft weisen darauf hin, dass Hautreinigung die Hautbarriere beeinflussen kann. Wenn deine Haut schnell spannt, juckt oder rötet, sind Produkte mit möglichst wenigen Duftstoffen und eher milden Tensiden meist die bessere Wahl.

Duftstoffe und Konservierung

Duftstoffe machen ein Produkt angenehmer, sind aber zugleich eine der häufigsten Ursachen für Kontaktallergien. In der Liste können sie pauschal als Parfum oder Aroma erscheinen; bestimmte deklarationspflichtige Duftallergene werden zusätzlich einzeln genannt, etwa Linalool, Citronellol, Geraniol oder Limonene

Konservierungsmittel verhindern, dass sich Bakterien, Hefen oder Schimmel im Produkt vermehren. Das ist besonders bei wasserhaltiger Kosmetik wichtig und aus gesundheitlicher Sicht sinnvoll. Häufig sind etwa Sodium Benzoate, Potassium Sorbate, Benzyl Alcohol oder Dehydroacetic Acid. Konservierung ist also nicht «unnatürliches Extra», sondern oft Voraussetzung dafür, dass ein Produkt überhaupt sicher verwendet werden kann.

Für empfindliche Haut ist meist entscheidend, wie stark beduftet ein Produkt ist und ob du bekannte Auslöser bereits kennst. Wenn du auf Duftstoffe reagierst, sind unparfümierte Produkte oft die einfachste und wirksamste Strategie.

Hinweise auf problematische oder umstrittene Stoffe

«Problematisch» heisst bei Kosmetik nicht immer «akut gefährlich». Oft geht es um Stoffe, die aus Umweltgründen, wegen möglicher Verunreinigungen, wegen Alltagsverträglichkeit oder aufgrund umstrittener Bewertung kritisch diskutiert werden. Ein nüchterner Blick hilft mehr als pauschale Verbote im Kopf.

PEG und PEG-Derivate

PEG steht für Polyethylenglykol. In der INCI-Liste erkennst du diese Stoffe oft an Namen mit PEG- oder Endungen wie -eth, zum Beispiel Ceteareth-20 oder Laureth-4. Sie dienen häufig als Emulgatoren oder Tenside und machen Formulierungen angenehm und stabil.

Warum stehen sie in der Kritik? Zum einen können bestimmte Herstellungsprozesse mit Verunreinigungen wie Ethylenoxid oder 1,4-Dioxan verbunden sein, die streng kontrolliert werden müssen. Zum anderen können PEG-haltige Stoffe die Hautdurchlässigkeit beeinflussen. Das bedeutet nicht, dass PEG-Produkte automatisch unsicher sind; sie sind reguliert und grundsätzlich zugelassen. Wer jedoch möglichst reizarm oder naturkosmetiknah einkaufen möchte, meidet sie häufig bewusst.

Praktisch ist deshalb: Wenn du eine eher minimalistische oder zertifizierte Naturkosmetik suchst, sind PEG-freie Produkte oft leichter einzuordnen. Bei normaler, unproblematischer Haut ist ein PEG-haltiges Produkt aber nicht automatisch ein Grund zur Sorge.

Silikone und Mineralöl-Derivate

Silikone erkennst du oft an Endungen wie -cone, -conol oder -siloxane, etwa Dimethicone oder Cyclopentasiloxane. Sie machen Haut und Haare glatt, reduzieren Reibung und können einen schützenden Film bilden. Für viele Menschen funktioniert das gut, besonders in Haarpflege oder Barriereschutzprodukten.

Kritisch gesehen werden Silikone vor allem aus Umweltperspektive und wegen des wenig «natürlichen» Hautgefühls, das manche nicht mögen. Aus medizinischer Sicht sind sie nicht pauschal zu verteufeln. Ein silikonhaltiges Produkt kann bei strapaziertem Haar oder als Hautschutz durchaus sinnvoll sein. Wenn dir Abbaubarkeit und naturkosmetiknahe Formulierungen wichtig sind, kannst du sie aber gezielt vermeiden.

Mineralöl-Derivate erscheinen etwa als Paraffinum Liquidum, Cera Microcristallina, Petrolatum oder verwandte Begriffe. Sie sind technologisch sehr stabil und in der Dermatologie teilweise seit langem im Einsatz. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung hat sich in den letzten Jahren mehrfach mit Mineralölkohlenwasserstoffen befasst, insbesondere in Bezug auf Verunreinigungen und Exposition. Für Kosmetik gilt: Entscheidend ist die gereinigte Qualität des eingesetzten Rohstoffs und die Einhaltung regulatorischer Anforderungen. Nachhaltigkeitsorientierte Verbraucher:innen lehnen Mineralöl oft wegen fossiler Herkunft ab, weniger wegen einer pauschalen Akutgefahr.

Synthetische Polymere/Mikroplastik

Besonders aus Nachhaltigkeitssicht relevant sind synthetische Polymere. Sie stecken nicht nur als sichtbare Peeling-Partikel in Kosmetik, sondern auch gelöst oder in gelartiger Form in Cremes, Stylingprodukten oder Make-up. Namen können zum Beispiel Acrylates Copolymer, Carbomer, Polyquaternium- oder Nylon-12 sein.

Hier ist die Debatte komplex. Nicht jedes Polymer ist gleich zu bewerten, und nicht jede Definition von «Mikroplastik» meint dasselbe. Aus Umweltsicht ist der Trend in der Schweiz und in der EU klar: unnötige, persistent problematische Kunststoffbestandteile sollen reduziert werden. Das entspricht auch aktuellen regulatorischen Entwicklungen in Europa.

Für den Alltag ist diese Einordnung hilfreich:

  • In Leave-on-Produkten wie Cremes oder Make-up kannst du bei starkem Nachhaltigkeitsfokus auf Begriffe wie Acrylates Copolymer, Polyethylene oder Nylon-12 achten.
  • In Rinse-off-Produkten wie Duschgel oder Shampoo sind synthetische Polymere aus Umweltsicht ebenfalls relevant, auch wenn sie oft weniger sichtbar sind.
  • Zertifizierte Naturkosmetik hilft hier häufig, weil bestimmte synthetische Polymere dort ausgeschlossen oder stark eingeschränkt sind.

So liest du die Liste in 60 Sekunden

Wenn du im Laden nicht lange recherchieren willst, genügt oft ein kurzer, systematischer Blick. Damit vermeidest du Fehlkäufe, ohne jede Substanz im Detail kennen zu müssen.

Schnellcheck am Regal

Starte mit der Frage: Was soll das Produkt können? Eine Gesichtsreinigung darf anders zusammengesetzt sein als eine Handcreme oder ein Sonnenschutz. Dann gehst du die Liste in drei Schritten durch:

  1. Erste fünf Zutaten ansehen: Sie zeigen dir, worauf das Produkt im Kern basiert. Bei einer Creme sind Wasser, Feuchthaltemittel und Öle normal. Bei einem Waschprodukt stehen meist Wasser und Tenside vorne.
  2. Duftstoffe und Reizpotenzial prüfen: Bei sensibler Haut sind Parfum und viele deklarierte Duftallergene eher ein Warnsignal als ein Pluspunkt.
  3. Deine persönlichen No-Gos suchen: Zum Beispiel PEG, Silikone, Mineralöl-Derivate oder bestimmte synthetische Polymere, je nachdem, was dir wichtig ist.

Wenn du zu trockener oder empfindlicher Haut neigst, ist «weniger, milder, unparfümiert» oft sinnvoller als «möglichst viele pflanzliche Extras». Dermatologische Forschung zur Hautbarriere unterstützt diesen pragmatischen Ansatz.

Wann ein Siegel mehr hilft als Detailwissen

Nicht jede:r möchte jede INCI-Liste Wort für Wort dechiffrieren. Dann kann ein glaubwürdiges Naturkosmetik-Siegel eine praktische Abkürzung sein. Solche Siegel definieren, welche Rohstoffe erlaubt sind, wie streng petrochemische oder synthetische Inhaltsstoffe begrenzt werden und welche Umweltstandards gelten.

Trotzdem ersetzt ein Siegel nicht jede Einzelfallprüfung. Auch Naturkosmetik kann Duftstoffe, ätherische Öle oder Pflanzenextrakte enthalten, die empfindliche Haut nicht gut verträgt. Wenn du vor allem Reizarmut suchst, kann ein parfümfreies, schlicht formuliertes Produkt ohne grosses Naturversprechen die bessere Wahl sein. Wenn du hingegen Nachhaltigkeit, nachwachsende Rohstoffe und bestimmte Ausschlusskriterien priorisierst, ist zertifizierte Naturkosmetik oft sehr hilfreich.

Eine gute Faustregel für den Schweizer Alltag lautet deshalb: Erst dein Hautbedürfnis klären, dann die INCI-Liste lesen, und nur wenn nötig mit einem verlässlichen Siegel abkürzen. So bleibst du sachlich, vermeidest unnötigen Alarmismus und findest Produkte, die sowohl zu dir als auch zu deinen Nachhaltigkeitswerten passen.

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