Haarausfall bei Frauen und Männern: häufige Ursachen und erste Massnahmen Theresa Keller Haare im Kamm, auf dem Kopfkissen oder im Duschsieb können schnell verunsichern. Oft steckt dahinter jedoch nicht sofort eine Erkrankung, sondern zunächst der normale Haarwechsel. Wichtig ist, zwischen gewöhnlichem Ausfallen, Haarbruch und behandlungsbedürftigen Formen von Haarausfall zu unterscheiden – damit du weder unnötig in Panik gerätst noch Warnzeichen übersiehst. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Haarausfall verunsichert viele - oft hilft zuerst eine saubere Einordnung. © Gemini / Google Wann ist Haarausfall noch normal? Dass täglich Haare ausfallen, ist biologisch normal. Als grobe Orientierung gelten etwa 50 bis 100 Haare pro Tag. Diese Zahl ist aber kein exakter Grenzwert: Wie viele Haare du bemerkst, hängt auch davon ab, wie lang dein Haar ist, wie oft du es wäschst und wie stark es sich im Abfluss oder in der Bürste sammelt. Einzelne auffällige Tage sagen daher wenig aus. Wichtiger als die reine Zahl ist das Muster: Wird der Scheitel sichtbar breiter? Wirkt das Haar insgesamt dünner? Entstehen klar begrenzte kahle Stellen? Oder brechen die Haare eher in den Längen ab? Fachgesellschaften wie die European Academy of Dermatology and Venereology betonen in aktuellen Leitlinien, dass die Einordnung nach Muster, Verlauf und Begleitsymptomen oft hilfreicher ist als das Zählen einzelner Haare. Normaler Haarzyklus und saisonale Schwankungen Jedes Haar durchläuft einen natürlichen Zyklus. In der Wachstumsphase wächst es über Jahre. Danach folgt eine kurze Übergangsphase, anschliessend die Ruhephase. Erst am Ende dieser Ruhephase fällt das Haar aus und macht Platz für ein neues. Weil nie alle Haare gleichzeitig in derselben Phase sind, bleibt die Haardichte normalerweise stabil. Saisonale Schwankungen sind möglich. Viele Menschen bemerken im Spätsommer oder Herbst vorübergehend mehr Haare im Kamm. Solche Veränderungen können harmlos sein, solange sich die Haardichte nicht deutlich verringert und keine kahlen Areale, Schmerzen oder Entzündungszeichen dazukommen. Haarausfall oder Haarbruch – so erkennst du den Unterschied Nicht alles, was wie Haarausfall aussieht, ist echter Verlust an der Wurzel. Bei Haarausfall fällt das Haar mitsamt Wurzel aus. Bei Haarbruch reisst es in der Länge ab – oft durch Hitze, starkes Bleichen, aggressive chemische Behandlungen, enge Frisuren oder mechanische Belastung. Ein einfacher Hinweis: Liegen viele kürzere Haarstücke ohne typische Wurzel vor, spricht das eher für Haarbruch. Sind die Haare am Ende fein zugespitzt oder zeigen Spliss, ist das ebenfalls typisch. Bei echtem Haarausfall wirkt dagegen häufiger die Haarfülle am Ansatz reduziert. Die häufigsten Ursachen für Haarausfall Haarausfall hat nicht nur «Lifestyle-Gründe». Sinnvoll ist die Einteilung nach typischen Mustern. So lässt sich besser abschätzen, was wahrscheinlich ist – und was ärztlich abgeklärt werden sollte. Erblich bedingter Haarausfall bei Frauen und Männern Die häufigste Form ist der erblich bedingte Haarausfall, medizinisch androgenetische Alopezie. Bei Männern zeigt er sich oft durch Geheimratsecken und eine ausdünnende Tonsur. Bei Frauen bleibt die vordere Haarlinie meist eher erhalten, während das Haar am Oberkopf und entlang des Scheitels lichter wird. Diese Form entwickelt sich meist schleichend über Monate bis Jahre. Sie ist nicht gefährlich, kann psychisch aber sehr belastend sein. Diffuser Haarausfall: Stress, Infekte, Nährstoffmangel, Medikamente Beim diffusen Haarausfall werden die Haare insgesamt dünner, ohne klare kahle Flecken. Häufig steckt ein sogenanntes telogenes Effluvium dahinter: Ein Auslöser bringt mehr Haare als üblich gleichzeitig in die Ruhephase, und erst zwei bis drei Monate später fällt vermehrt Haar aus. Genau diese zeitliche Verzögerung führt oft dazu, dass der Zusammenhang übersehen wird. Mögliche Trigger sind starke körperliche oder psychische Belastung, hohes Fieber, Infekte, Operationen, rasche Gewichtsabnahme, Eisenmangel, Mangelernährung sowie bestimmte Medikamente. Wichtig: Nicht jeder tiefe Ferritinwert erklärt automatisch den Haarverlust, und nicht jede Müdigkeit bedeutet Nährstoffmangel. Blutwerte sollten deshalb gezielt zusammen mit einer Ärzt:in eingeordnet werden. Kreisrunder Haarausfall und andere entzündliche Formen Kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata) zeigt sich typischerweise durch plötzlich entstehende, klar begrenzte kahle Stellen. Dahinter steht meist eine Autoimmunreaktion. Die Kopfhaut sieht dabei oft unauffällig aus, ohne starke Schuppen oder Narben. Auch Bart, Augenbrauen oder andere behaarte Areale können betroffen sein. Davon zu unterscheiden sind entzündliche oder vernarbende Formen. Sie sind seltener, aber wichtiger, weil Haarfollikel dauerhaft geschädigt werden können. Schmerzen, Brennen, Rötung, Pusteln oder Narben sind hier Warnzeichen. Haarausfall rund um Schwangerschaft, Wechseljahre und Hormone Nach einer Schwangerschaft kommt es oft einige Wochen bis Monate später zu deutlich mehr ausfallenden Haaren. Dieser postpartale Haarausfall ist meist vorübergehend: Während der Schwangerschaft bleiben durch hormonelle Einflüsse mehr Haare in der Wachstumsphase, danach wechseln viele gleichzeitig in die Ruhephase. Auch hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren können eine Ausdünnung begünstigen. Zusätzlich sollten bei diffusem Haarverlust Störungen der Schilddrüse mitgedacht werden. Bei Frauen können ausserdem Zeichen eines Androgenüberschusses – etwa Zyklusunregelmässigkeiten, Akne oder vermehrte Körperbehaarung – auf ein PCOS hinweisen. Solche Zusammenhänge sollten nicht im Selbstversuch, sondern medizinisch eingeordnet werden. Was du zuerst selbst tun kannst Nicht jeder Haarausfall braucht sofort aufwendige Diagnostik. Es gibt aber einige erste Schritte, die sinnvoll sind – und andere, die vor allem Geld kosten. Diese ersten Massnahmen sind sinnvoll Verlauf dokumentieren: Mach alle zwei bis vier Wochen Fotos bei ähnlichem Licht und aus derselben Perspektive, zum Beispiel Scheitel, Stirnansatz und Oberkopf. Das ist aussagekräftiger als tägliches Zählen. Trigger-Tagebuch führen: Notiere Infekte, starke Stressphasen, Operationen, Diäten, neue Medikamente, Geburt, Zyklusveränderungen oder Schilddrüsenprobleme. Wegen der Verzögerung von mehreren Wochen werden Auslöser sonst leicht übersehen. Pflege vereinfachen: Schonendes Waschen, wenig Hitze, vorsichtiges Entwirren und keine dauerhaft straffen Frisuren entlasten Haare und Kopfhaut. Ernährung realistisch prüfen: Einseitige Crash-Diäten und sehr niedrige Kalorienzufuhr können Haarausfall fördern. Sinnvoll ist eine ausgewogene Ernährung mit genügend Eiweiss, Eisen, Zink und weiteren Mikronährstoffen – aber nicht blindes Hochdosieren. Kopfhaut beobachten: Juckreiz, Brennen, Schuppen, Rötung oder Schmerzen sind wichtige Hinweise für eine entzündliche Ursache. Von Bluttests auf eigene Faust ist eher abzuraten. Werte wie Ferritin, TSH oder Vitaminstatus sind nur zusammen mit Beschwerden, Ernährung, Zyklus, Medikamenten und dem klinischen Bild sinnvoll interpretierbar. Was oft versprochen wird, aber wenig bringt Viele Produkte arbeiten mit grossen Versprechen: Haaröle, Koffein-Shampoos, Detox-Kuren, Kollagenpulver oder breit beworbene Nahrungsergänzungen. Für die meisten gilt: Sie können Pflegeeffekte haben oder das Haargefühl verbessern, beheben aber die häufigen medizinischen Ursachen von Haarausfall nicht. Besonders vorsichtig solltest du bei Aussagen wie «stoppt Haarausfall in wenigen Tagen» oder «aktiviert alle Haarwurzeln natürlich» sein. Wenn ein Haarfollikel hormonell beeinflusst, entzündlich verändert oder durch Mangelzustände belastet ist, lösen Wunderöle das Problem nicht. Wann du in der Schweiz ärztlich abklären solltest Wenn der Haarverlust neu, deutlich oder belastend ist, ist eine Abklärung sinnvoll. In der Schweiz ist der erste Schritt oft die Hausarztpraxis; bei typischen oder unklaren Kopfhautbefunden erfolgt die Überweisung zur Dermatologie. Gerade bei entzündlichen oder vernarbenden Formen zählt Zeit. Warnzeichen für rasches Handeln plötzlich entstehende kahle oder kreisrunde Stellen starker, rascher Haarverlust innerhalb weniger Wochen Rötung, Brennen, Schmerzen, Pusteln oder starke Schuppung der Kopfhaut Hinweise auf Vernarbung oder glänzende haarlose Areale Haarausfall zusammen mit Müdigkeit, Gewichtsveränderung, Zyklusstörungen oder anderen Hormonzeichen Haarausfall nach neuen Medikamenten oder in Verbindung mit anderen Autoimmunerkrankungen So läuft eine dermatologische Abklärung ab Eine gute Abklärung beginnt mit der Anamnese: Seit wann fallen die Haare aus? Eher diffus oder in klaren Arealen? Gibt es familiäre Belastung, Schwangerschaft, Infekte, Gewichtsverlust, Medikamente oder Kopfhautbeschwerden? Danach folgt die Untersuchung von Haaren und Kopfhaut. Häufig kommt eine Trichoskopie zum Einsatz, also die vergrösserte Betrachtung von Haaren und Kopfhaut. Damit lassen sich typische Muster bei androgenetischer Alopezie, Alopecia areata oder entzündlichen Formen besser erkennen. Je nach Befund werden gezielte Blutwerte bestimmt, etwa zur Schilddrüse oder zum Eisenstatus. Bei Verdacht auf vernarbenden Haarausfall kann selten auch eine Biopsie nötig sein. Das Ziel der Abklärung ist nicht, «irgendein Mittel» zu verschreiben, sondern die Ursache sauber einzugrenzen. Denn die Behandlung richtet sich immer nach der Form des Haarverlusts: erblich, diffus, autoimmun, hormonell oder entzündlich. Wenn du betroffen bist, darfst du das Thema ernst nehmen. Haare sind mehr als Keratin: Sie hängen oft mit Identität, Selbstbild und Wohlbefinden zusammen. Umso wichtiger ist ein nüchterner, medizinisch fundierter Blick. In vielen Fällen ist Haarausfall vorübergehend oder gut einordenbar – und je früher Warnzeichen erkannt werden, desto gezielter kann geholfen werden.